Antisemitismus ist pfui, Antisemitismus ist wieder da. Beide Sätze sind richtig, man muss nur zwei Adjektive dazwischen schieben, um so den alten vom neuen zu unterscheiden.

Der alte A. ist tatsächlich out und tabu, dafür hat der Holocaust gesorgt. Die Wahnstruktur: Der Jude als solcher ist böse, deshalb gehört er weg – vertrieben oder umgebracht. Er mordet Christenmädchen, um deren Blut in seiner Matze zu verarbeiten, dem ungesäuerten Brot. Seine Markenzeichen sind Raffgier, Betrug und Wucher, seine Mittel sind Verschwörung und Zersetzung. So er nicht schon allmächtig, also für alles Übel verantwortlich ist, strebt er nach der Weltherrschaft. Die beste Langfassung bieten die Protokolle der Weisen von Zion , ein Machwerk der zaristischen Geheimpolizei.

Der neue (oder abgeleitete) A., wie er aus dem Grass-Gedicht quillt, ist komplizierter, weil er sich aus einem Unterbewusstsein speist, das von mächtigen Tabus – Scham und Schuldgefühle – eingezwängt wird. Aber das Unbewusste will raus, wie Freud lehrte. Die Wege öffnen die Heuchelei und die Unredlichkeit.

Vorweg schreibe man ein Gedicht , das, anders als eine offene Diatribe, den Schutz der literarischen Freiheit reklamieren darf. Dann salviert man sich. Selbstverständlich sieht sich der Verfasser der Blechtrommel (das hundertmal mehr zählt als seine Waffen-SS-Karriere) nicht als Antisemit. Er beteuert, dem "Land Israel … verbunden" zu sein. Sozusagen: Meine besten Freunde sind Juden.

Nichts ist neu am U-Boot-Deal

Dann behauptet er, der höheren Wahrheit zu dienen, ergo der Titel: Was gesagt werden muss . Er, Grass , könne nicht mehr "schweigen". (In der Sprache des Pöbels: "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen"). Dann die Projektion (auch Freud). Die wahre Schuld an seinem, am deutschen Unglück, tragen all jene, die ihm das Maul verbieten. Er musste bislang lügen, weil "Zwang" und "Strafe" ihn lähmten, "das Verdikt des 'Antisemitismus' ist geläufig". Nicht der A. ist das Problem, sondern die niederträchtige Zuweisung – das A.-Brandmal als Waffe jener, die die Wahrheit unterdrücken wollen.

Was zwingt Grass zur öffentlichen Reue, die als Postwurfsendung an diverse Zeitungen im In- und Ausland ging? Eine scheinbar sensationelle Meldung: die Lieferung eines "weiteren U-Boots nach Israel". Der banale Hintergrund: Zwei hat Israel schon, zwei sind im Bau, das fünfte ist bestellt, auf das sechste hat Israel gerade die Option gezogen – Teil eines lebhaften Waffenaustauschs, der beiden Ländern seit Jahrzehnten nützt.

Trotzdem: Stets werde Deutschland erpresst – "Mal um Mal" wegen seiner Vergangenheit "zur Rede gestellt". Diese Auschwitz-Keule ist vertraut; sie findet sich in den üblichen NPD-Pamphleten. Es folgt eine ganz frische Infamie, selbstverständlich im Kleide höchster moralischer Besorgnis: Die "Spezialität" dieses Bootes sei es, "alles vernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist".