Günter GrassDer Antisemitismus will raus

So denkt ES in ihm: Günter Grass schreibt ein Gedicht über Israel, das Sigmund Freud jubeln ließe. Denn es gibt tiefe Einblicke in sein Unterbewusstsein.

Antisemitismus ist pfui, Antisemitismus ist wieder da. Beide Sätze sind richtig, man muss nur zwei Adjektive dazwischen schieben, um so den alten vom neuen zu unterscheiden.

Der alte A. ist tatsächlich out und tabu, dafür hat der Holocaust gesorgt. Die Wahnstruktur: Der Jude als solcher ist böse, deshalb gehört er weg – vertrieben oder umgebracht. Er mordet Christenmädchen, um deren Blut in seiner Matze zu verarbeiten, dem ungesäuerten Brot. Seine Markenzeichen sind Raffgier, Betrug und Wucher, seine Mittel sind Verschwörung und Zersetzung. So er nicht schon allmächtig, also für alles Übel verantwortlich ist, strebt er nach der Weltherrschaft. Die beste Langfassung bieten die Protokolle der Weisen von Zion, ein Machwerk der zaristischen Geheimpolizei.

Anzeige

Der neue (oder abgeleitete) A., wie er aus dem Grass-Gedicht quillt, ist komplizierter, weil er sich aus einem Unterbewusstsein speist, das von mächtigen Tabus – Scham und Schuldgefühle – eingezwängt wird. Aber das Unbewusste will raus, wie Freud lehrte. Die Wege öffnen die Heuchelei und die Unredlichkeit.

Vorweg schreibe man ein Gedicht, das, anders als eine offene Diatribe, den Schutz der literarischen Freiheit reklamieren darf. Dann salviert man sich. Selbstverständlich sieht sich der Verfasser der Blechtrommel (das hundertmal mehr zählt als seine Waffen-SS-Karriere) nicht als Antisemit. Er beteuert, dem "Land Israel … verbunden" zu sein. Sozusagen: Meine besten Freunde sind Juden.

Nichts ist neu am U-Boot-Deal

Dann behauptet er, der höheren Wahrheit zu dienen, ergo der Titel: Was gesagt werden muss. Er, Grass, könne nicht mehr "schweigen". (In der Sprache des Pöbels: "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen"). Dann die Projektion (auch Freud). Die wahre Schuld an seinem, am deutschen Unglück, tragen all jene, die ihm das Maul verbieten. Er musste bislang lügen, weil "Zwang" und "Strafe" ihn lähmten, "das Verdikt des 'Antisemitismus' ist geläufig". Nicht der A. ist das Problem, sondern die niederträchtige Zuweisung – das A.-Brandmal als Waffe jener, die die Wahrheit unterdrücken wollen.

Was zwingt Grass zur öffentlichen Reue, die als Postwurfsendung an diverse Zeitungen im In- und Ausland ging? Eine scheinbar sensationelle Meldung: die Lieferung eines "weiteren U-Boots nach Israel". Der banale Hintergrund: Zwei hat Israel schon, zwei sind im Bau, das fünfte ist bestellt, auf das sechste hat Israel gerade die Option gezogen – Teil eines lebhaften Waffenaustauschs, der beiden Ländern seit Jahrzehnten nützt.

Trotzdem: Stets werde Deutschland erpresst – "Mal um Mal" wegen seiner Vergangenheit "zur Rede gestellt". Diese Auschwitz-Keule ist vertraut; sie findet sich in den üblichen NPD-Pamphleten. Es folgt eine ganz frische Infamie, selbstverständlich im Kleide höchster moralischer Besorgnis: Die "Spezialität" dieses Bootes sei es, "alles vernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist".

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Behauptungen. Danke. Die Redaktion/sh

    2 Leserempfehlungen
  2. Oder sollte man ihm atomwaffenfähige U-Boote spendieren?

    http://www.guardian.co.uk...

    "In January 2009, during Israel's war on Gaza, Lieberman argued that Israel "must continue to fight Hamas just like the United States did with the Japanese in the second world war. Then, too, the occupation of the country was unnecessary." He was referring to the two atomic bombs dropped on Nagasaki and Hiroshima."

    Bin ich ein Antisemit, wenn ich glaube, dass dieser Mann gefährlich ist? Bitte analysieren Sie meine schmutzige Seele!

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vorwürfe. Danke. Die Redaktion/sh

    13 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Thema verfehlt ..."
  3. Entfernt. Die Redaktion/sh

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ..."Für mich sind Juden keine besseren Menschen, eher schlechtere..."

    Viel deutlicher kann man das latente Vorhandensein dessen, was Herr Joffe mit A. umschreibt, nicht bestätigt sehen.

    welche Ernte wir auch dank Kommentaren wie Joffes obigem einfahren dürfen: Wirklicher und echter Antisemitismus, der sich als Verteidiger der Redefreiheit gegen eine pawlowsche Medienmeute aufspielen darf, weil die pawlowsche Medienmeute leider wirklich existiert. Weil auch auf eigentlich intellektuelleren Blättern wie diesem hier Chefkommentatoren sich nicht zu blöd sind, den journalistischen Dreiklang von "Simplifizierung, Personalisierung, Skandalisierung" rauf und runterzuklimpern, wenn's Umsatz bringt.

    ..."Für mich sind Juden keine besseren Menschen, eher schlechtere..."

    Viel deutlicher kann man das latente Vorhandensein dessen, was Herr Joffe mit A. umschreibt, nicht bestätigt sehen.

    welche Ernte wir auch dank Kommentaren wie Joffes obigem einfahren dürfen: Wirklicher und echter Antisemitismus, der sich als Verteidiger der Redefreiheit gegen eine pawlowsche Medienmeute aufspielen darf, weil die pawlowsche Medienmeute leider wirklich existiert. Weil auch auf eigentlich intellektuelleren Blättern wie diesem hier Chefkommentatoren sich nicht zu blöd sind, den journalistischen Dreiklang von "Simplifizierung, Personalisierung, Skandalisierung" rauf und runterzuklimpern, wenn's Umsatz bringt.

  4. Gelesen; Ja!
    Verstanden; ?

    Darf ich Ihrer Meinung nach dann mich mit dem Artikel von JJ noch befassen oder habe ich mich dadurch schon disqualifiziert!

    Eine inhaltliche Auseinandersetzung Ihrerseits wäre mir lieber gewesen, denn ich lese Ihre Kommentare meist sehr gern! Ob ich Sie deshalb verstehe; ?

    JJ hat meiner Ansicht nach allerdings auch nur gelesen und nicht verstanden; aber den A. mit Kritik an I. pauschal zu verbinden, das kann und darf er! Denn auch als Herausgeber der Zeit ist JJ mehr Kommentator als Journalist!

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "mit Verlaub gesagt..."
  5. Grass Gedicht ist einseitig, bedient sich alter Klischees und hilft sicherlich nicht, einer Lösung des Konfliktes näher zu kommen.

    Dennoch hat er Recht in Bezug auf die Tabuisierung der Israelkritik. Der kleinste Funken Kritik an Israel entfacht sogleich eine unverhältnismäßige Welle an "Antisemitismus-Rufen". Unabhängig von den Vorgängen in Iran oder den Bewegungen irgendwelcher U-Boote verletzt Israel Menschenrechte, besetzt fremdes Land und begründet dies mit der Universalausrede "Verteidigung der Existenz des Staates Israle".

    Solche schwarz-weiß Malerei blockiert immer wieder eine ernsthafte - sachliche - Debatte über diese verfahrene Problematik.

    3 Leserempfehlungen
  6. Der Autor des Artikels hier hat recht. Ekelhaft, was da als ES herausmarschiert aus dem Herrn Grass. Um den Iran gehts dabei nicht.

    2 Leserempfehlungen
  7. Eigentlich kann man Antisemitismus gar nicht besser salonfähig machen, als Herr Joffe es mit diesem Artikel tut.
    Wer jede offene Kritik an Israel, wo man öffentlich einen Krieg gegen den Iran plant, zu Antisemitismus erklärt, der verharmlost den wirklichen Antisemitismus, der von Leuten ausgeht, die Juden ihrer Religion wegen als minderwertig betrachten und ausrotten wollen.
    Wenn man für seine demokratisch einwandfrei zulässige Israelkritik automatisch zum Antisemiten verschrien wird, dann wird dieser Ausdruck seinen Schrecken und seine Bedeutung bald verlieren. Vermutlich würden Sie auch mich einen Antisemit dafür nennen, dass ich der fundierten Überzeugung bin, dass Israel für die Sicherheit im nahen Osten eine ganz wesentlich größere Bedrohung ist als der Iran - und angesichts der Tatsache, dass mir die Religion meines Gegenübers ausnahmslos völlig egal ist, wäre mir eine derartige Bewertung Ihrerseits im Gegenzug auch völlig egal. Ich könnte Sie und Ihre Beurteilung nicht ernst nehmen.

    40 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Herr Joffe!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...Ihr Begriff vom Antisemitismus nicht ganz richtig zu sein. Der Antisemitismus bezeichnet doch eher die Judenfeindlichkeit aus rassistischen, angeblich anthropologisch begründeten Vorwürfen und Annahmen, nicht die Form von Judenfeindlichkeit, die in religiösen Vorbehalten wurzelt. Das wäre wohl eher Antijudaismus. Aber ich gebe Ihnen recht; von einem "neuen Antisemitismus" zu reden, halte ich für gewagt.

    ...Ihr Begriff vom Antisemitismus nicht ganz richtig zu sein. Der Antisemitismus bezeichnet doch eher die Judenfeindlichkeit aus rassistischen, angeblich anthropologisch begründeten Vorwürfen und Annahmen, nicht die Form von Judenfeindlichkeit, die in religiösen Vorbehalten wurzelt. Das wäre wohl eher Antijudaismus. Aber ich gebe Ihnen recht; von einem "neuen Antisemitismus" zu reden, halte ich für gewagt.

  8. Ich habe kürzlich auf ARTE den Film "Defamation" des israelischen Filmemachers Yoav Shamir gesehen.

    Dort wird von einem Rabbi folgende These zu den säkularen Juden im Ausland aufgestellt, die ich sehr einleuchtend finde:

    Seiner Ansicht nach müssen Juden, die sich einerseits über das Judentum definieren, aber keine gläubigen Juden sind, kritiklos dem Zionismus anschließen. Für ein Gemeinschaftsgefühl braucht es immer ein "drinnen" und ein "draußen". Deshalb muss jedwede Kritik am Staat Israel (eigentlich ja nur an der derzeitigen israelischen Regierung) mit dem Totschlagargument "Antisemitismus" gebrandmarkt werden, damit man sich als säkularer Jude dem Judentum zugehörig fühlen kann.

    Zu Herrn Joffes Pamphlet kann ich nur sagen, dass ich von ihm nichts anderes erwartet habe. Dass dieses Pamphlet in der Zeit erscheint ist traurig und ein intellektuelles Armutszeugnis.

    13 Leserempfehlungen
Service