Iran-KonfliktFrüherer Geheimdienstchef wirft Israels Regierung "Täuschung" vor

Der ehemalige Geheimdienstchef Juval Diskin widerspricht Israels Machthabern: Ein Angriff auf den Iran werde dessen Atomprogramm sogar beschleunigen. von afp und dpa

Der frühere Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Beth, Juval Diskin, hat der Regierung seines Landes vorgeworfen, die Bevölkerung hinsichtlich des Umgangs mit dem Iran zu "täuschen". "Ich glaube nicht, dass sie in der Lage sind, mit einem solchen Ereignis umzugehen und dieses im Griff zu haben", sagte Diskin laut israelischen Medien mit Blick auf einen möglichen Krieg mit dem Iran .

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak würde er die Führung Israels in "einer Situation solchen Ausmaßes (Krieg)" nicht zutrauen.

Anzeige

"Sie täuschen das Land in der Iran-Frage", sagte Diskin laut der Zeitung Haaretz und dem Militärradio. Die israelische Regierung betone, dass der Iran keine Atombombe entwickeln könne, wenn Israel handle. Zahlreiche israelische Experten seien jedoch davon überzeugt, dass ein Angriff auf den Iran das iranische Atomprogramm noch beschleunigen werde, sagte Diskin, der den Schin Beth in den Jahren 2005 bis 2011 führte. Auch der frühere Chef des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad, Meir Dagan, warnt vor einem Angriff auf den Iran.

Netanjahu hat wiederholt Parallelen zwischen dem Holocaust und der Bedrohung Israels durch eine mögliche iranische Atombombe gezogen. Am Dienstag hatte er gesagt, zwar hoffe er auf den Erfolg internationaler Sanktionen gegen das vermutete Atomwaffenprogramm des Iran. Bisher gebe es dafür aber leider keine Anzeichen. Auch Barak bezeichnete die Erfolgsaussichten der Sanktionen als "sehr gering". Israel hat wiederholt gewarnt, dass am Ende auch militärische Maßnahmen gegen den Iran nicht ausgeschlossen werden könnten .

Der Westen verdächtigt den Iran, unter dem Deckmantel eines zivilen Atomprogramms heimlich am Bau einer Atombombe zu arbeiten. Die Regierung in Teheran weist dies zurück.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Karl63
    • 28. April 2012 18:40 Uhr

    Die USA haben kommuniziert, dass die CIA zu der Erkenntnis gelangt ist, die Iraner haben deren militärisches Nuklearprogramm bereits im Jahr 2003 beendet. Dies darf man durchaus als ein Signal interpretieren, wonach die USA keinerlei Interesse an einer Eskalation haben.
    Bei den jüngsten Verhandlungen mit dem Iran in Istanbul hat die Iranische Delegation explizit auf jene Fatwa von Ali Khamenei verwiesen, die Atomwaffen als "unislamisch" Brandmarkt.
    Nun gibt es einen ersten Artikel in Haaretz http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/israel-s-former-shin-bet-c... in dem Yuval Diskin die amtierende Israelische Regierung sehr offen kritisiert, in dem er seine Einschätzung zum Ausdruck bringt, dass eine Eskalation des Konfliktes (mit dem Iran) Folgen zeigen würde, denen diese Regierung nicht gewachsen ist.
    Dann gibt es noch einen zweiten Artikel http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/former-shin-bet-chief-neta... in dem Yuval Diskin noch etwas nachlegt und sinngemäß äußert, die Regierung Netanjahu sei an keinen Gesprächen mit dem Palästinensern interessiert, weil dann die amtierende Koalition auseinander brechen würde.
    Da geht es nicht um "Animositäten", sondern darum dass kühl abschätzende Profis (Yuval Diskin, Meir Dagan) aus dem inneren Kreis der Macht den aktuellen Kurs der eigenen Regierung als kontraproduktiv betrachten.

    Antwort auf "Nachdem klar ist..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • eras
    • 29. April 2012 13:02 Uhr

    "Bei den jüngsten Verhandlungen mit dem Iran in Istanbul hat die Iranische Delegation explizit auf jene Fatwa von Ali Khamenei verwiesen, die Atomwaffen als "unislamisch" Brandmarkt."

    Die berühmte Fatwa - natürlich! Nun, in dem Punkt ist die Lage etwas undurchsichtiger, als es scheint.
    1. Ist der genaue Wortlaut der Fatwa (man kennt das schon...) umstritten. Und schwierig zu bekommen ist die Fatwa auch noch. Sehr mysteriös. Warum wird diese "Lösung" von den Iranern nicht gross publiziert?
    2. Gibt es eine bequeme "Gegenfatwa" (von einem Imam aus dem Umfeld von Ahmadinejad) von 2006, die den Bau und Einsatz "der Bombe" erlaubt
    http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/middleeast/iran/1510900/Irania...
    Zu dem Thema auch der Beitrag eines deutschen Experten:
    http://www.welt.de/politik/ausland/article106129819/Der-Iran-die-Bombe-u...
    3. Wenn keine Atomwaffen entwickelt werden/wurden: Warum verweigert der Iran den Inspektoren (oder Journalisten, wenn man den Inspektoren mißtraut) den Zugang zu kritischen Anlagen?
    4. Und warum suchte man die Hilfe von Abdul Khadir Khan? Der Pakistaner ist ja vor allem für eines bekannt: Seine Expertise beim verdeckten Kernwaffenbau. Warum besorgte man sich die Technologie aus dunklen Kanälen?

    Ob das iranische Atombombenprogramm im Augenblick ruht, wissen letztendlich nur die Iraner selbst. Aber sich auf ihr "Wort" zu verlassen, ist ein Zeichen sträflicher Naivität.

    • Karl63
    • 28. April 2012 18:52 Uhr

    er schätzt die Iraner als rational handelnde Zeitgenossen ein. Wenn man diese Einschätzung teilt, dann kann man auch zu dem Schluss gelange, der Regierung des Iran ist schon seit langem klar geworden: eine eigene Atombombe würde keinesfalls das Kräfteverhältnis in der Region zu deren Gunsten verändern. Dies würde eher nach sich ziehen, dass in dem Staaten rund um den Persischen Golf der Einfluss der USA noch stärker würde, weil diese können eine glaubwürdige nukleare Abschreckung anbieten. Hinzu kommt auch noch, Israel hat hinsichtlich bei der Aufrüstung mit Nuklearwaffen eine Vorsprung von mehr als vier Jahrzehnten.

  1. Die Kritik an GGs "Gedicht" ist doch völlig aufgeblasen. Dass es ihm offensichtlich gelungen ist, die Diskussion in die richtige Richtung zu lenken zeigt doch, wie nötig es war "dass es mal jemand sagt" - auch wenn das uU. so klingt wie etwas was auch ein Sarrazin sagen könnte, aber es kommt eben doch noch ein wenig auf den tatsächlichen Inhalt an, und der ist völlig unbedenklich. Besser Sie verabschieden sich jetzt von dieser Propagandapampe als später, das täte nur unnötig weh.

    • rugero
    • 28. April 2012 18:57 Uhr

    ... und offen redet. Hoffentlich wird er zuhause genauso gehört wie in Europa.

    Nachdem nun eine solche gut informierte Stimme, ebenso wie die CIA (die ja eher zu Lügengeschichten neigt) nicht glaubt der Iran wolle die Atombombe wirklich, wird Netanjahus Spiel immer durch schaubarer.

    Die politische Macht der äußersten Rechten in Israel läßt nach deren eigener Vorstellung offensichtlich nur halten, wenn die Bedrohungskulisse groß genug ist. das Geschäft mit der Angst scheint Stimmen zu bringen.

    Man kann nur hoffen, daß sich die Vernünftigen im Lande durchsetzen und und merken, daß Israel sich am besten schützen kann, in dem es die Agression gegen die gesamte Nachbarschaft einstellt und auf Verständigung geht. Dieses winzige Land kann sich auf Dauer nicht gegen eine regionale Mehrheit von Arabern halten, die mit Hass gefüttert werden. Auch der große Bruder USA kann nicht die gesamte Region auf lange Zeit in Schach halten. Das sich der Nahe Osten gerade sehr wandelt müßten auch die Dümmsten in Israel mittlerweile begriffen haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die Schlammschlacht ist bereits in vollem Gange: eine Quelle aus der Knesset, die nicht namentlich genannt werden wollte, hält Diskin für 'irresponsible and motivated by a personal frustration because [Diskin] was not chosen to head the Mossad and because the prime minister did not choose Diskin’s nominee to replace him as chief of the Shin Bet.'
    Noch jemand, diesmal ein Minister, der nicht namentlich genannt werden wollte, befand Diskin als 'moronic'.
    Avigdor Lieberman: 'If [Diskin] didn’t have faith in the prime minister and defense minister, he should have resigned before the end of his term.' Lieberman kloppt sich allerdings gerade wegen des Tal-Gesetzes (nach dem Ultra-Orthodoxe zum Wehrdienst müssen) mit Bibi und möchte nebst Partei nicht seine 'Geisel' sein.
    Yisrael Katz: 'crude and inappropriate', er findet es 'clear that the timing and style of his comments stem from personal rather than substantive motives.'
    Limor Livnat: 'extraneous and unbefitting'
    Ein mit Netanyahu sympathisierender Minister, ohne Namen: 'He perpetuates a legacy of moronic Shin Bet chiefs.'
    Noch eine namentlich nicht genannte Nähe zu Netanyahu: 'politically motivated' und 'frustrated'. Eine namenlose zu Barak in sarkastisch: 'We welcome his entrance to politics.' eine weitere findet es 'embarrassing and saddening to see the weakness, judgement, responsibility, and the low language that Diskin, who served the public for years, was dragged into.' usw.usf.

    links im nächsten Kommentar

  2. Nachdem innerhalb von 2 Tagen hohe Funktionäre der offiziellen Darstellung der Regierung widersprechen, scheint dies zumindest ein Anfang einer ausgewogeneren Berichterstattung zu werden.

    Wird auch "Zeit" nach dem teilweise infamen Grass-Bashing der letzten Tage.

    Bis hin zu einer tatsächlich ausgewogenen Berichterstattung scheint es noch ein weiter Weg zu sein.

    • Karl63
    • 28. April 2012 19:13 Uhr

    es wurde viel über den Werdegang von Günther Grass debattiert, aber das Nuklearwaffenarsenal Israels wurde allenfalls am Rande erwähnt.
    Es gibt sicherlich Leute, die zu einer sehr viel präziseren Analyse fähig sind, aber so ganz grob abgeschätzt müssten jene 200 Kernwaffen, die allgemein Israel zugeschrieben werden, ausreichen um große Teile des Nahen Ostens zu zerstören.
    Es gibt gute Gründe, warum man mit dem Iran auf dem Verhandlungswege eine Einigung hinsichtlich der gebotenen Transparenz über deren Nuklearprogramm erzielen sollte.
    Umgekehrt ist aber nicht einsichtig, warum das Israelische Kernwaffenprogramm (mit der zivilen Nutzung der Atomkraft haben die es eindeutig nicht so) weiterhin völlig im Dunkeln liegen muss. Dies ist womöglich das eigentliche Tabu, an dem Grass gekratzt hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...die Israelis das bessere und cleverere Marketing haben!
    Wer es schafft sich der halben Welt als ewig ungerecht Behandelter zu verkaufen und dabei taeglich ungestraft unrecht handelt, der ist schon verdammt gut aufgestellt. Ob das richtig oder gar rechtens ist, ist eine ganz andere Sache!

    • Karl63
    • 28. April 2012 19:25 Uhr

    wenn die Redaktion der ZEIT diese Selbstreflexion ins Deutsche übertragen würde.

  3. dem Herrn Grass nicht den Friedensnobelpreis verleiht. Ihm ist das gelungen was vorher unmöglich schien. Mit seinem Gedicht hat er wirklich etwas bewegt. Er hat den regierungskritischen und friedensaktivistischen Kräften enormen Auftrieb verliehen und einen Krieg zumindest für eine gewisse Zeit unmöglich gemacht. Nach und nach stellt sich raus wie angeschlagen die Regierung in Israel nun wirklich ist, dass sie auf die Provokationskarte setzte und letztlich scheiterte. Die Feder ist doch schärfer als das Schwert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was soll denn GG bewegt haben? Nichts hat er bewegt! Oder glauben Sie ernsthaft, irgendein Israeli hält sich an einen greisen deutschen Dichter mit SS Vergangenheit?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
  • Schlagworte Benjamin Netanjahu | Ehud Barak | Bevölkerung | Iran | Medien | Atombombe
Service