Der Historiker und Journalist Tom Segev gilt hierzulande als Vertreter der linksliberalen, vernunftorientierten Seite der israelischen Gesellschaft. Gerade deswegen ist das Interview so bedrückend , das er kürzlich anlässlich der Debatte über Günter Grass‘ Kritik an Israels möglichen Kriegsplänen gegeben hat. Es gibt einen glasklaren Einblick in den beschränkten innerisraelischen Diskurs über einen Krieg gegen den Iran .

Der Grundsatz der Souveränität bestimmt das Selbstbild Israels . Vor allem in Sicherheitsfragen ist das Land sich selbst genug. Deshalb ist für Segev eine innerisraelische Debatte politisch völlig ausreichend; eine Belehrung aus Deutschland wird instinktiv als unverschämt empfunden: "Es gibt in Israel eine sehr rege Diskussion über diese Frage". Daher – so könnte man hinzufügen – benötigen wir keine Belehrungen aus dem Ausland. Schwerer aber wiege, dass Grass einfach nicht kompetent sei in Sicherheitsfragen.

Segev nennt den früheren Mossad-Chef Meir Dagan als wichtige Stimme. Dagan – er ist gegen einen Angriff auf Iran – verstehe als Sicherheitsexperte viel mehr von Atomkraft und Strategie als Grass. Auch für die linkszionistischen Intellektuellen gilt der Grundsatz: Für Sicherheitsfragen sind alleine die Experten in Militär und Politik zuständig – nicht die Zivilgesellschaft.

Die israelischen Eliten dürfen nicht mehr schweigen

Das illustriert ziemlich treffend die innerisraelische Entpolitisierung der Sicherheitspolitik. Segev lässt die entscheidende Frage aus: Ist er – der in Jerusalem und damit in unmittelbarer Kriegsgefahr lebt – für oder gegen einen israelischen Angriff auf Irans Nuklearanlagen? Er und andere Intellektuelle müssten sich mit einem drohenden Trugschluss auseinandersetzen: Sie unterstützen Netanjahus Regierungspolitik, weil sie damit meinen, auch den Staat Israel und die Juden dort und außerhalb des Landes zu unterstützen. Dabei droht diese Politik genau das Gegenteil auszurichten.

Grass hat dieses Problem nicht: Er sieht den Schaden, den ein Angriff auf Iran beiden Völkern zufügen würde. Er teilt die Logik nicht, der zufolge die militärische Macht Garant der nationalstaatlichen Existenz sei. Segev und seinesgleichen aber stehen vor dem Abgrund der Eskalationslogik, die auch die linkszionistischen Intellektuellen Israels verinnerlicht haben.

Segev spricht von einer "Holocaustfurcht", die sich in Israel ausbreite. Sicher ist die Angst groß. Doch der unmittelbare Grund dafür ist weniger Irans zukünftige Nuklearkapazität, sondern vielmehr Israels derzeitige Kriegsrhetorik. So lange die israelischen Eliten dazu schweigen und sich nicht ernsthaft mit der aussichtslosen Politik ihrer Regierung auseinandersetzen, darf und soll Grass seine Stimme laut machen . Und wenn es dafür eines misslungenen Gedichts bedarf.