Nach Schüssen syrischer Regierungstruppen auf ein türkisches Flüchtlingslager nahe der Grenze hat die Regierung in Ankara das syrische Regime scharf vor weiteren Angriffen gewarnt. Die Türkei werde darauf mit geeigneten Maßnahmen reagieren, teilte das türkische Außenministerium mit. "Von morgen an wird ein neues Kapitel beginnen", kündigte Vizeaußenminister Naci Koru an.

Das Ministerium erklärte, syrische Truppen hätten über die Grenze hinweg in das Flüchtlingslager Kilis gefeuert . Dabei seien dort insgesamt zwei Syrer und zwei Türken verletzt worden. Bei den beiden verletzten Türken handele es sich um einen Polizisten und einen Übersetzer. Es war das erste Mal, dass Schüsse aus Syrien Menschen auf türkischem Boden verletzten. An der Grenze seien zudem 21 Syrer verletzt worden, von denen zwei starben.

Die Grenzverletzung durch die syrischen Truppen belastet das ohnehin seit Monaten angespannte Verhältnis zwischen Ankara und dem Assad-Regime . Ankara hatte zuvor bereits eine scharfe Warnung an das Regime in Damaskus gerichtet und das sofortige Ende der Angriffe gefordert. Zudem wurden die Truppen im Grenzgebiet verstärkt.

Türkei betrachtet Waffenruhe in Syrien als hinfällig

Am Dienstagmorgen sollte mit dem Abzug der syrischen Truppen aus den Städten des Landes die Umsetzung der vom UN-Sondergesandten Kofi Annan vermittelten Waffenruhevereinbarung beginnen. Das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad hatte die gemachten Zusagen allerdings wieder infrage gestellt. Nun zitierten türkische Medien Koru: "Der 10. April ist hinfällig geworden."

Während sich Annan um eine Waffenruhe bemühe, habe das syrische Regime seine Angriffe verschärft, erklärte das türkische Außenministerium weiter. Die internationale Gemeinschaft müsse handeln, um ein Ende der Gewalt zu erreichen. Die Türkei werde die über die Grenze geflüchteten Syrer schützen.

Etwa 25.000 Syrer sind vor der Gewalt in ihrer Heimat in die Türkei geflohen. Am Dienstag will der internationale Syrien-Gesandte Kofi Annan die Flüchtlingslager besuchen.

Gewalt erreicht auch Grenzgebiete zu Libanon

Einen Zwischenfall gab es auch an der Grenze zum Libanon , wo ein libanesischer Kameramann erschossen wurde. Er sei tödlich getroffen worden, als er mit zwei Kollegen an der nördlichen Grenze des Libanon zu Syrien unterwegs gewesen sei, hieß es vom libanesischen Privatsender Al-Dschadid, für den der Kameramann tätig war. Der Sender führte den Tod seines Mitarbeiters auf "Schüsse der syrischen Armee" zurück. Die Regierung in Beirut verurteilte den Vorfall und forderte von Damaskus eine Untersuchung.

Der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge wurden am Montag mindestens 35 Zivilisten in der Provinz Hama getötet, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Im Rest des Landes seien 13 weitere Menschen getötet worden, unter ihnen zwölf Soldaten. In Damaskus wurde Menschenrechtlern zufolge eine junge Frau festgenommen, die vor dem Parlament ein Ende der Gewalt forderte.