Was ist bloß los in Frankreich ? Marine Le Pen, die Kandidatin der rechtsextremen Front National , hat bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl fast 20 Prozent der Stimmen erreicht. Damit hat sie noch den Stimmenanteil ihres Vaters übertroffen, der vor zehn Jahren bis in die Stichwahl gelangte und dort anschließend gegen Staatschef Jacques Chirac verlor. Angesichts des Überraschungserfolges von Jean-Marie Le Pen, der die Gaskammern der Nazis als ein "Detail" der Geschichte verharmloste und gegen Muslime hetzte, ging damals ein Aufschrei durch Europa .

Auch wenn die erste Runde der Präsidentschaftswahl für seine Tochter diesmal die Endstation im Präsidentschaftsrennen bedeutet, so ist der Wahlausgang nicht weniger bedenklich. Zwar kommt es in zwei Wochen in Frankreich zum allseits erwarteten Duell zwischen dem konservativen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy und seinem sozialistischen Herausforderer François Hollande . Trotzdem muss der große Zulauf, den die Rechtsextreme Marine Le Pen mit ihren Parolen von der "Islamisierung" Frankreichs und ihrer Polemik gegen "straffällige Ausländer" erzeugt hat, wie ein Alarmsignal wirken.

Ihrem Vater war es gelungen, die Front National als eine feste Größe in der politischen Landschaft unseres Nachbarlandes zu etablieren. Seine Tochter, die der Partei ein moderateres Image verpasste, hat das Wählerpotenzial der französischen Rechtsextremen jetzt noch ausgebaut. 

Anti-Haltung gegen Konservative und Sozialisten

Nun mag man einwenden, dass der Wählerprotest in der ersten Etappe vor der endgültig entscheidenden Stichwahl in Frankreich Tradition hat. Erst rebellieren und dann im zweiten Wahlgang den Ersatz-Monarchen küren – darin haben die Franzosen eine lange Übung. Trotzdem lassen sich die Erfolge der radikalen Kandidaten nicht einfach unter den Teppich kehren. So wie Marine Le Pen ihren Wählern vorgaukelte, dass Frankreich auch ohne Euro und Schengen-Raum als Nationalstaat alter Prägung ganz gut bestehen könne, so machte am linken Rand der Volkstribun Jean-Luc Mélenchon Stimmung gegen den EU-Vertrag von Lissabon .

Rechnet man den Stimmenanteil der beiden Kandidaten zusammen, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass fast jeder dritte Wähler in einer Anti-Haltung gegen die dominierenden Parteien der Konservativen und der Sozialisten verharrte. Auf dieses gewaltige Reservoir der Unzufriedenen werden Hollande und Sarkozy nun im zweiten Wahlgang eingehen müssen – sie stehen unter dem Zugzwang der Extreme.

Das Rennen ist noch nicht gelaufen

Unter dem Strich kann sich Hollande nach dem ersten Wahlgang in seiner Favoriten-Rolle bestätigt sehen. Dem Sozialisten ist es eher als Sarkozy gelungen, die Wähler zu mobilisieren. Allerdings ist das Rennen noch keineswegs gelaufen: Sarkozy dürfte in den kommenden zwei Wochen alles daran setzen, die Wähler der Front National für sich zu vereinnahmen und noch einmal Boden gutzumachen.

Am Ende könnte jedoch auch ein häufig übersehener Kandidat der Mitte zum Königsmacher werden – der Zentrist François Bayrou. Unter seinen Wählern sind vermutlich viele, die vom amtierenden Präsidenten enttäuscht sind. Bei der letzten Wahl vor fünf Jahren haben zahlreiche Franzosen, die sich der gemäßigten Mitte zurechnen, auf einen politischen Aufbruch gehofft. Ob Sarkozy sie in den kommenden zwei Wochen davon überzeugen kann, dass er auch in den nächsten fünf Jahren der richtige Mann für das höchste Staatsamt ist, ist zumindest fraglich.

Erschienen im Tagesspiegel