So hatten sich das die Regierenden in Aserbaidschan nicht vorgestellt. Der Eurovision Song Contest sollte ihre große Chance werden, das Land nicht nur als sowjetisches Überbleibsel und Ölfass am Kaspischen Meer, sondern als moderne Republik mit einer Hauptstadt Baku voller Hochhäuser und eleganter Boulevards zu präsentieren. Die ausländischen Berichterstatter aber schreiben vor allem über missachtete Menschenrechte, über mangelnde Pressefreiheit, Korruption und zwangsabgerissene Wohnhäuser.

Das gefällt dem Präsidenten gar nicht, und sein Staatsrat, Ali Hasanow, hält Korrespondenten im Präsidentenpalast einen wohlvorbereiteten Vortrag zum Thema: Bei uns ist es doch nicht schlimmer als anderswo. "Zeigen Sie mir ein Land, wo keine Häuser abgerissen werden", ruft er aus. "Sicher, es gab Morde, Verhaftungen und Prügel gegen Journalisten", sagt er, "aber das sind individuelle Fälle. Sie passieren überall auf der Welt."

Hasanow, der für die "öffentliche Politik" zuständig ist, erkennt eine Kampagne hinter all den kritischen Artikeln. Sie komme aus Deutschland, einem der zwei aktuellen Problemländer Aserbaidschans. Das andere ist Nachbar Iran , wo der Song Contest als singende Schwulen-Parade verabscheut wird. Das Bild Aserbaidschans werde verfälscht dargestellt, beklagt Hasanow. Kaum einer schreibe, dass die Konzerthalle Crystal Palace an der Stelle einer Marinebasis errichtet worden sei. "Da haben wir zugleich einen Beitrag zur Demilitarisierung geleistet", lobt er sein Land. Überhaupt sei der Song Contest nicht das zulässige Mittel, um Menschenrechte durchzusetzen. "Es ist doch nur ein Musikwettbewerb."

In den neunziger Jahren sah die Zukunft wenig rosig aus

Aserbaidschans Oppositionelle sehen das anders: Es komme immer auch darauf an, in welchem Umfeld der Song Contest auftrete. Nachdem sich der Westen jahrelang nur wenig um ihr Schicksal gekümmert hat, möchte die Opposition den europäischen Sängerstreit nutzen, um ihr Anliegen zu verbreiten: Aserbaidschan, das sich offiziell der europäischen Integration verschrieben hat und seit 2001 Mitglied im Europarat ist, sei keine Demokratie. Der Westen müsse mehr Druck auf die Regierenden in Baku ausüben. "Erst wenn wir unabhängige Gerichte und Menschenrechte und faire Wahlen haben, können wir uns als Teil Europas bezeichnen", sagt Rahim Hajijew, Chefredakteur der oppositionellen Zeitung Azadliq . "Im Moment sind wir es nur geografisch."

Die südkaukasische Republik erlebt dank ihrer Öl- und Gasvorkommen Boom-Zeiten. In den neunziger Jahren hatte die Zukunft weniger rosig ausgesehen: Eher widerwillig verließ Aserbaidschan die zerbrechende Sowjetunion und versank während eines jahrelangen Krieges mit Armenien um das umstrittene Gebiet von Bergkarabach fast im Chaos. Nach einer putschähnlichen Militäraktion übernahm 1993 Hejdar Alijew die Macht. Zehn Jahre später übergab er sie sterbenskrank an seinen Sohn Ilham. Die nachfolgende Präsidentschaftswahl glich nach Landessitte einer Absegnung an der Urne durch die Untergebenen. Die Alijews schufen die erste Wahlmonarchie der früheren Sowjetrepubliken.