Eurovision Song ContestDas misslungene Kalkül der Autokraten von Baku
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Oppositionelle mit Hang zum Sektierertum

Anfangs verband sich mit dem fremdsprachengewandten und lebensfrohen Sohn die Hoffnung auf schrittweise Reformen. Sie wurde enttäuscht. Ilham verstand es nicht nur, seine Macht und das Land zu stabilisieren. Er hob die Begrenzung der Amtszeiten für sich auf und schuf einen autoritären Wohlfahrtsstaat, der große Bevölkerungsgruppen durch soziale Geschenke in Abhängigkeit hält. Der Präsident, der Kindergärten und Krankenhäuser eröffnet, ist ein fester Programmpunkt im Staatsfernsehen.

Aber Kindergartenplätze oder medizinische Behandlung sind oft nur gegen ein Schmiergeld zu bekommen. Korruption ist eines der Hauptübel des Petro-Systems, in dem sich Familienkartelle und der Beamtenapparat vielfältig bereichern können, solange sie loyal bleiben. Die Alijews, kritisieren Oppositionelle, sähen das Land als ihren Privatbesitz und den Ölfonds als persönliche Schatztruhe. Das autoritäre Regieren wird offiziell als besondere Fürsorge um das noch nicht mitsprachereife Volk dargestellt: "Nationale Besonderheiten und die herrschende Mentalität" seien in der aserbaidschanischen Demokratie zu beachten. Es klingt nach einem Argument für alle, die möglichst viel Zeit zum Ausleben ihrer Raffgier schinden wollen.

Das System, in dem die meisten Karriereplätze nicht nach Qualifikation, sondern nach Clanzugehörigkeit und Machtkalkül vergeben werden, kann den jungen Gebildeten und Aktiven wenig bieten. Deshalb strebt ein Teil der Jugendlichen ins Ausland. Für Aserbaidschan ist das ein Verlust, für das Regime auf mittlere Sicht nicht. Es bevorzugt Ruhe im Land und kann bisher darauf setzen, dass die Mehrheit der Menschen den bekannten Regimegegnern nicht vertraut.

Der Islam ist keine politische Größe

Denn Glorie und Leid liegen bei der Opposition dicht nebeneinander: So ehrenwert der Kampf gegen einen übermächtigen Staat ist, so befremdend wirkt auf viele Menschen der dissidente Hochmut einiger Oppositioneller. Manche neigen zum Sektierertum und verteidigen vor allem gegen Mitstreiter ihr Plätzchen in der Machtlosigkeit. Gemeinsam ringen sie mit dem sowjetischen Erbe: Viele Aserbaidschaner finden soziale Garantien und Stabilität wichtiger als politische Rechte und mögen grundsätzlich keinen öffentlichen Widerspruch, weil er als unpatriotisch gilt.

Der latente Ausnahmezustand durch den Konflikt mit Armenien um Bergkarabach spielt dem Präsidenten in die Hände. Wer aufmuckt, gerät in Verdacht, im Auftrag des Nationalfeindes die aserbaidschanische Solidargemeinschaft aufbrechen zu wollen.

Die meisten der Oppositionellen füllen ihre Rolle aus Sicht des Regimes wunschgemäß aus: Sie sind säkular, binden die Unzufriedenen an sich, zersplittern sie zugleich in Kleingruppen und werden den Mächtigen nicht wirklich gefährlich. Der Islam ist bisher nicht zur politischen Größe geworden. Das schiitisch dominierte Aserbaidschan ist eines der tolerantesten muslimischen Länder der Welt. Radikale islamische Gruppen sind schwach, und feierlich verkündete Festnahmen religiös motivierter Terroristen hören sich mehr nach Eigenwerbung der Geheimdienste an. Zumal sich unter dem Etikett der Islamistenjagd auch mancher weltliche Oppositionelle bequemer verfolgen lässt.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo

  2. 2. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo

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  3. 3. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo

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    • J.S.
    • 22. Mai 2012 11:37 Uhr

    Europa den Europäern und Deutschland den Deutschen, oder wie?
    Bitte ein mal auf die Zehenspitzen stellen und den Tellerrand überblicken.

    Entfernt. Bitte bedenken Sie, dass der Kommentarbereich der Diskussion des Artikelthemas vorbehalten ist. Kritik an Moderationsentscheidungen können Sie an community@zeit.de senden. Danke. Die Redaktion/ag

  4. immer kritische Berichte über Regionen geschrieben werden, auf die sich die Öffentlichkeit für den Bruchteil einer Sekunde konzentriert. Ist das nicht armselig??

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    Nein, dass nennt man ablenken von eigenen Problemen.

    Die Menschen sind in Aserbaidschan zufrieden wie es momentan ist, aber nein, deutsche Eliten meine Sie müssen ihre Werte aufzwingen.

    Dafür wurden Kriege geführt. Ohne Öl kein Treibstoff für Machtinstrumente wie militärische Fahrzeug aller Art, keine industrielle Landwirtschaft, keine moderne Logistik (Verschiffung). 3 Elemente auf die unsere Welt und damit auch deutsche Demokratie fusst.
    Was wäre hier los wenn wir kein preiswertes Rohöl mehr hätten? Fragen sie mal ein Bauern in ihrer Nachbarschaft. Ein Morgen Land kommt von Zeiten wo es keine Traktoren gab. Und nun schauen wir mal wie viel Morgen ein heutiger Bauer bewirtschaftet. Am Ende gilt immernoch vor der Moral kommt das Fressen.

  5. 5. ......

    Nein, dass nennt man ablenken von eigenen Problemen.

    Die Menschen sind in Aserbaidschan zufrieden wie es momentan ist, aber nein, deutsche Eliten meine Sie müssen ihre Werte aufzwingen.

    Antwort auf "komisch, dass"
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    "Die Menschen sind in Aserbaidschan zufrieden wie es momentan ist, aber nein, deutsche Eliten meine Sie müssen ihre Werte aufzwingen."

    Dann fragen Sie mal die, deren Häuser abgerissen wurden, die aus ihren Stadtteilen vertrieben wurden damit Baku "hübscher für den Rest Europast beim Songcontest aussieht"...

    • Suryo
    • 22. Mai 2012 12:03 Uhr

    Was wäre denn so schlimm daran, Aserbaidschan Menschenrechte, ein funktionierendes Rechtssystem und Transparenz aufzuzwingen?

    Sie können ja wohl kaum argumentieren, daß dieser "Zwang" deswegen so schlimm wäre, weil er gegen Menschenrechte verstöße. Da beißt sich Ihre relativistische Schlange nämlich in den Schwanz.

  6. Nach der Ukraine nun die mediale Maßregelung für Aserbaidschan, den Staat im Südkaukasus. Die Korruption und Wahlmonarchie werden pflichtgemäß angeprangert: „Die Alijews schufen die erste Wahlmonarchie der früheren Sowjetrepubliken.“

    Dagegen (Berichterstattung) ist nichts einzuwenden, aber warum berichtet eigentlich die ZEIT nicht über Zustände, vielleicht noch viel schlimmere, in der EU und Eurozone? Wer hindert die ZEIT daran? Oder darf nicht sein was nicht sein darf?

    Die erste Wahl-Oligarchie wurde 1974 in Griechenland mit dem Wahlmodus plus 40, später 50 Sitze extra für die Oligarchen-Partei geschaffen. In Griechenland unter dem Oligarchen-Regime blüht die Korruption seit 1974 und seit der Euroeinführung in gigantischen Ausmaßen und alles das, was einen demokratischen Staat auszeichnet, danch kann man in dem Euroland lange suchen.

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    Nach der Ukraine nun die mediale Maßregelung für Aserbaidschan, den Staat im Südkaukasus. Die Korruption und Wahlmonarchie werden pflichtgemäß angeprangert: „Die Alijews schufen die erste Wahlmonarchie der früheren Sowjetrepubliken.“

    Dagegen (Berichterstattung) ist nichts einzuwenden, ...

    Selbst dagegen ist keine negative Berichtserstattung statthaft, schließlich gilt das HRR mit seiner über Jahrhunderte stabilen "Wahl"monarchie als kultureller und gesellschaftlicher Höhepunkt unserer deutschen Geschichte.

    Und wer bei uns gegen die grundsätzlichen Vorstellungen der Staatsmacht demonstriert oder veröffentlicht, wird ebenso an den Rand gedrängt. Es muss noch nicht mal verfassungsfeindlich sein, wie der Fall Sarrazin zeigt (welchen ich im Übrigen nicht gutheiße). Die Medien spielen die ihnen zugedachte Rolle...

  7. 7. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo

    Antwort auf "[...]"
  8. "Die Menschen sind in Aserbaidschan zufrieden wie es momentan ist, aber nein, deutsche Eliten meine Sie müssen ihre Werte aufzwingen."

    Dann fragen Sie mal die, deren Häuser abgerissen wurden, die aus ihren Stadtteilen vertrieben wurden damit Baku "hübscher für den Rest Europast beim Songcontest aussieht"...

    Antwort auf "......"

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