US-WahlkampfDas Kalkül hinter Obamas Ja zur Homo-Ehe

Obamas Unterstützung der gleichgeschlechtlichen Ehe erscheint mutig im Wahljahr. Entscheidend werden vor allem die Reaktionen der Wechselwähler sein. von 

US-Präsident Barack Obama

US-Präsident Barack Obama  |  © Olivier Douliery/Getty Images

Eines ist sicher: Es ist ein historischer Schritt, dass US-Präsident Barack Obama erstmals offen seine Unterstützung der gleichgeschlechtlichen Ehe ausgesprochen hat. Kein Präsident vor ihm hat das getan. Und man möchte ihm auch seine persönliche "Entwicklung" bei diesem stark polarisierenden Thema glauben – eine Sprachregelung, auf die sich Obama in jüngster Zeit zurückgezogen hatte, um seine Linie anzudeuten, ohne allzu deutlich werden zu müssen.

Die Zeiten des Wahlkampfs 2008, als er sich noch dagegen aussprach, dass Lesben und Schwule heiraten, sind jedenfalls seit Langem vorbei; das war ein offenes Geheimnis. Inhaltlich waren Obamas Äußerungen in einem Interview mit dem Sender ABC deshalb für niemanden eine Überraschung.

Anzeige

Gleichwohl hat der Präsident damit nicht nur ein starkes Signal gesetzt: Er ist im Wahljahr ein hohes politisches Risiko eingegangen. Auch wenn er offensichtlich dem Druck der vergangenen Tage nachgegeben hat, sich endlich eindeutig zu positionieren, darf man davon ausgehen: Unüberlegt oder gar leichtfertig ist dieses Bekenntnis nicht.

Im Gegenteil dürften Obamas Strategen lange über das Für und Wider gebrütet haben. Am Ende muss die Einsicht gestanden haben: lieber jetzt als später – und die Hoffnung, dass die positiven Effekte die negativen überwiegen werden.

Debatte spaltet die Gesellschaft

Ob dieses Kalkül aufgeht, vermag kein Beobachter zu sagen. Im Grunde sogar nicht einmal, ob das Thema im Wahlkampf bis zum November eine entscheidende Rolle spielen wird; selbst einflussreiche Vertreter der Schwulen- und Lesbenlobby in den USA glauben nicht daran. Denn für Befürworter wie Gegner ist die gleichgeschlechtliche Ehe zwar emotional von hoher Bedeutung, aber politisch eben ein sehr heißes Eisen. Wohl auch deshalb will Obama die Entscheidung über die Legalität gleichgeschlechtlicher Ehen weiter den Bundesstaaten überlassen.

Die zahlreichen Umfragen zu diesem Thema zeigen nämlich zweierlei: Auf der einen Seite bleibt die Gesellschaft in den USA in dieser Frage weiterhin gespalten, auf der anderen Seite nimmt die Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Ehe insgesamt seit Jahren deutlich zu. Nach einer aktuellen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Gallup etwa sind inzwischen 50 Prozent der Amerikaner dafür, die gleichgeschlechtliche Ehe nicht nur zu ermöglichen, sondern eine solche Partnerschaft der traditionellen Ehe rechtlich gleichzustellen; 48 Prozent wollen sie verbieten. 1996 waren noch lediglich 27 Prozent für eine Legalisierung, 68 Prozent dagegen.

Positiv dürfte sich Obamas Schritt zunächst finanziell auswirken. Unter den größten Geldgebern seiner Kampagne kommt auf fünf Spender ein offen Homosexueller . Hollywood und das Silicon Valley sind seit jeher wichtige Pfeiler in der Finanzierung seines Wahlkampfes, die Film- und Computerbranche unterstützen gleichzeitig in weiten Teilen die gleichgeschlechtliche Ehe. Zuvor hatten einige schwule Geldgeber ihre Beiträge zurückfahren wollen. Nach Obamas deutlicher Aussprache dürfte nun eher noch mehr Geld aus dieser Richtung in die Kasse kommen.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Barack Obama | Debatte | Ehe | Hollywood | Mitt Romney | Partnerschaft
    Service