Mohammed Mursi, Präsidentschaftskandidat der Muslimbrüder, nach seiner Stimmabgabe © Ahmed Mahmud/AFP/GettyImages

Was für eine Wahl! Die erste freie Präsidentschaftswahl Ägyptens stellt die Umfragen vor der Abstimmung auf den Kopf und zeigt, dass die Ägypter gern in die Kabine zum Ankreuzen gehen, aber ungern vorher sagen, wen sie zu wählen gedenken. Herausgekommen sind bei diesem Fest der freien Wahl zwei große Gewinner und zwei relative Verlierer .

Der wichtigste Gewinner ist das ägyptische Volk. Die Ägypter konnten zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt ihr Staatsoberhaupt wirklich frei und gleich wählen. Sie dürfen das am 16. und 17. Juni in der zweiten Runde gleich noch einmal machen. Die Mehrheit der Wahlberechtigten stellte sich stundenlang an, um das Kreuz auf dem bunten Wahlzettel mit Bildern und Symbolen zu machen. Auch wenn die Wahlbeteiligung mit etwas über 50 Prozent noch verbesserungswürdig war, in einem Land, im dem Wählen nicht üblich war, sind das fast 50 Prozent mehr als gegenüber der letzten Wahl unter dem gefallenen Herrscher Hosni Mubarak .

Womit wir beim zweiten Gewinner wären: dem alten Regime. Ironischerweise ist der Überraschungssieger bei dieser Wahl nicht der erstplatzierte Islamist Mohammed Mursi , sondern Mubaraks letzter Premierminister Ahmet Schafiq. Er ist als Law-and-Order-Kandidat in diese Wahl gegangen, als einer, der aufräumt mit Kriminellen, Verkehrsbehinderern, Tahrir-Platz-Belagerern, Revolutionären und anderen Übeln Ägyptens. Er ist der Mann der Mittelklasse, der die Revolution schon lange nicht mehr gefällt.

Mubaraks letztes Aufgebot

Schafiq, ein ehemaliger Luftwaffengeneral, hatte sich einen Namen gemacht mit der Sanierung der einst maroden Staatsline Egypt Air, die heute neben Lufthansa in der Star Alliance fliegt. Doch dass Mubaraks letztes Aufgebot im Februar vor einem Jahr nun in die zweite Runde der Präsidentenwahl einzieht, ist eine schallende Ohrfeige für alle, die diese Revolution unterstützen.

Womit wir bei den Verlierern angekommen sind. Die Revolutionäre, die jungen Aktivisten, die Facebook-Aufrührer und Tahrir-Demonstranten haben ihre bevorzugten Kandidaten nicht durchsetzen können. Sowohl der liberale Islamist Abd al-Monem Abu al-Futuh als auch der linke Nationalist Hamdin Sabbahi haben Schafiqs Stimmenzahl um wenige, aber entscheidende Prozentpunkte verfehlt. Wenn Ägypten am 16. Juni wieder an die Urnen geht, gibt es keinen Kandidaten mehr, den die Revolutionäre aufrichtig unterstützen könnten.