Unterstützer von Abdel Moneim Abolfotoh in Kairo © Asmaa Waguih / Reuters

Aus den Lautsprechern dröhnen süffige Töne zu wummernden Bässen. "Al-Futuh wird unser Land beschützen, unsere Rechte achten und Ägypten hinführen zu einem neuen Leben", schmachtet die Stimme des jungen Sängers. Dann und wann wabern Schwaden von Mopedabgasen über die Köpfe der Zuhörer hinweg. Manche haben ihre Kinder dabei, andere studieren das Hochglanz-Flugblatt mit Lebenslauf und Programm des Kandidaten, unters Volk gebracht von seinen Helfern in orangen Westen. Ganz vorne nehmen nun die Majestäten des Ortes Platz – Imam, Bürgermeister, Schuldirektor und Chef der lokalen Bank. Zwei Spuren der Hauptstraße sind an diesem Abend mit bunten Sichtblenden von dem Durchgangsverkehr abgetrennt.

Vor der Front aus gesichtslosen, unverputzten Wohnkästen mit roten Ziegeln stehen ein paar verstaubte Zypressen und Palmen, die den Abgasen trotzen. Die Hälfte der rund 75.000 Einwohner hier lebt von der Landwirtschaft, bestellt mit Wasserbüffeln und Handpflug die umliegenden Felder. Die andere Hälfte pendelt Tag für Tag anderthalb Stunden in vollgestopften Minibussen zur Arbeit in die ägyptische Millionen-Metropole. Und so wie in diesem Nil-Städtchen Awsin nördlich von Kairo sieht es überall aus im Delta, wo die Mehrheit der 85 Millionen Ägypter wohnt.

Am kommenden Mittwoch und Donnerstag erlebt Ägypten seine zweite große demokratische Premiere in diesem Jahr. Nach den Parlamentswahlen im Januar sind die rund 40 Millionen Wahlberechtigten nun aufgerufen, ihren Präsidenten zu bestimmen, den ersten direkt vom Volk gewählten Staatschef des Arabischen Frühlings. 13 Kandidaten kämpfen um die Nachfolge des gestürzten Hosni Mubarak , der in einem Militärkrankenhaus in Kairo auf das Urteil in seinem Prozess wartet. Am 21. Juni soll der Neue dann in den 400-Zimmer-Palast von Heliopolis einziehen und offiziell die Macht vom Obersten Militärrat übernehmen.

Fünf Jahre lang saß al-Futuh im Gefängnis

Ein kümmerlich knatterndes Feuerwerk kündigt derweil in Awsin die Ankunft des Kandidaten an. Abu al-Futuh, ein wuchtiger Mann mit weißem Haar, hat die Ausstrahlung eines väterlichen Landarztes. Schon als junger Medizinstudent forderte er 1975 bei einer Diskussion an der Universität den damaligen Staatspräsidenten Anwar as-Sadat offen heraus. Das inzwischen legendäre Tondokument des gereizten Wortwechsels ist auf Youtube ein Renner. Sadat sei umgeben von Kriechern und Heuchlern, hielt der couragierte junge Mann damals dem sakrosankten Präsidenten vor. "Halt den Mund, steh auf, stell dich anständig hin, du redest mit dem Führer des ägyptischen Volkes", herrscht Sadat ihn an. "Ich stehe anständig", gab dieser ruhig und bestimmt zurück.

Jetzt könnte Abu al-Futuh selbst Präsident Ägyptens werden. Fünf Jahre saß der Vater von sechs Kindern unter Mubarak im Gefängnis. Lange war er führendes Mitglied der Muslimbruderschaft, galt jedoch stets als relativ moderat und reformoffen. Vor einem Jahr warfen ihn die Brüder raus, als er auf eigene Faust seine Kandidatur für das Präsidentenamt erklärte. Heute unterstützen ihn die radikalen Salafisten genauso wie der bekannte Chefblogger der Revolution, Wael Ghonim, sowie beträchtliche Teile der jungen Muslimbrüder. Und so bietet er allen etwas von allem. Den Salafisten stellt er die Einführung der Scharia in Aussicht, im Blick auf die säkularen Wähler knüpft er das gleichzeitig an Bedingungen, die faktisch unerfüllbar sind. Erst müsse in Ägypten die Armut verschwinden und soziale Gerechtigkeit für alle herrschen, sagt er, bevor wir Gesetze einführen, nach denen Dieben die Hand abgehackt wird.

"Wir wollen ein Leben in Würde, wir wollen keine Willkür der Polizei mehr, und wir wollen einen anständigen Lohn für unsere Arbeit", sagt Samaa Tallima, die als Staatsangestellte die Website des Kairoer Zoos betreut und nicht einmal 100 Euro im Monat verdient. Für Menschen wie sie hat al-Futuh eine doppelte Botschaft. Ägypten braucht einen wirklichen Wechsel und ein neues Verhältnis zwischen Volk und Regierenden. "Ich höre euch zu, ich will euch dienen", ruft er in den brausenden Applaus hinein. Ägypten sei eine reiche Nation und werde wieder auf die Beine kommen.