Noch ist offen, wer Ägyptens neuer Präsident wird , aber im Grunde ist das auch gar nicht so wichtig. Denn egal, wer sich am Ende durchsetzt: ob Mohammed Mursi , der hohe Funktionär der Muslimbruderschaft, oder Ahmed Schafik , der Ex-General und Gefolgsmann von Hosni Mubarak : Die Probleme Ägyptens lassen sich weder mit mehr Frömmigkeit noch mit einem System Mubarak 2.0 lösen. Entscheidend für die Zukunft Ägyptens ist vielmehr, ob die beherrschende Rolle des Militärs reduziert und strukturelle Reformen der politischen und wirtschaftlichen Ordnung umgesetzt werden können.

Aus Ägyptens kolonialer Vergangenheit blieben politische und wirtschaftliche Strukturen zurück, die darauf angelegt waren, die Bevölkerung mit militärischer Gewalt zu kontrollieren und das Land auszubeuten. Diese Strukturen manifestierten sich insbesondere durch einen permanenten rechtlichen Ausnahmezustand, eine korrupte, sich selbst bereichernde Elite und die von fast jeder Art politischer und wirtschaftlicher Beteiligung ausgeschlossene Bevölkerungsmehrheit. Die den Kolonialherren seit Mitte der fünfziger Jahre nachfolgende Militärdiktatur hat dieses System im Kern bis heute weitergeführt.

Das ägyptische Militär ist deshalb seit fast 60 Jahren das wirtschaftliche und politische Machtzentrum des Landes . Aus seinen Reihen kamen bisher alle Präsidenten, Ägyptens öffentliche Institutionen und (teil-)staatliche Unternehmen sind voll von aktiven oder pensionierten Offizieren. Geschätzte 10 bis 40 Prozent der Wirtschaft sollen unter Kontrolle des Militärs stehen.

Genaue Zahlen gibt es nicht, weil das Militär bisher nur dem Präsidenten gegenüber rechenschaftspflichtig war und ist. Es betreibt Häfen und Tankstellen, ist an Computerfirmen beteiligt, produziert Speiseöl, Wasserflaschen und Nudeln. Die Armee hat nicht nur wegen hoher Subventionen, Steuerbefreiungen und Ausnahmegenehmigungen keinen Wettbewerb zu fürchten, sie setzt auch kostenfrei Zehntausende Rekruten in ihren Produktionsstätten ein. Das Militär soll zudem der größte Grundeigentümer Ägyptens sein und durch den Verkauf von Grundstücken erhebliche Erlöse erzielen. Im letzten Jahr hat es der Übergangsregierung sogar eine Milliarde US-Dollar geliehen.

Staatliche Monopole wurden zu privaten Monopolen

Die in den vergangenen zehn Jahren unter Mubarak vorgenommenen wirtschaftlichen Reformen haben im Wesentlichen staatliche Monopole zu privaten Monopolen und treue Parteifreunde und Generäle zu Millionären und Milliardären gemacht.

Das Ergebnis von 50 Jahren Militärdiktatur ist auch deshalb verheerend, weil etwa 40 Prozent der Ägypter von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben müssen und ebenfalls etwa 40 Prozent weder schreiben noch lesen können. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt zwischen 30 und 40 Prozent, allein um den vorrevolutionären Stand wieder zu erreichen, sind jährlich mehr als 600.000 neue Jobs und neun Prozent Wirtschaftswachstum nötig.

Eine unter Mubarak eingesetzte Expertenkommission stellte im Jahr 2004 fest, dass im öffentlichen Sektor Ägyptens fast so viele Menschen arbeiten (5,9 Millionen) wie in der Privatwirtschaft (6,8 Millionen). Die meisten Menschen aber (9,6 Millionen) arbeiten schwarz in der Schattenwirtschaft. Etwa 92 Prozent der Ägypter mit Haus- und Grundeigentum haben keinen Grundbucheintrag, ihr Eigentum ist also nicht rechtlich abgesichert. Das liegt daran, dass eine Eintragung sehr teuer ist und länger als zehn Jahre dauert. Unternehmer haben mit 56 für sie zuständigen Regierungsbehörden zu tun, für die Genehmigung einer kleinen Bäckerei muss man mit einer Bearbeitungsdauer von mindestens 500 Tagen rechnen.