Marktszene in Kabul © Daniel Berehulak/Getty Images

"Ich habe hier lange keine Reisenden mehr gesehen", ruft Gul Khan über die Straße. Der Antiquitätenhändler im Ruhestand bittet im Basar von Kabul Platz zu nehmen. Staub wirbelt durch die Luft, Gul Khan stößt einen röchelnden Husten aus. "Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als Frauen aus Europa hierher kamen."

Viele von Gul Khans schönen Erinnerungen liegen in der fernen Vergangenheit. Er erzählt von Nächten in den Parks von Kabul, in denen Männer und Frauen zu afghanischem Pop tanzten. Von den Röcken der Mädchen. Von der Schönheit der Altstadt mit ihren bunten Basargassen. Afghanistan war nicht immer nur Krieg. Doch als Gul Khan 2002 nach Jahren im pakistanischen Exil nach Kabul zurückkehrte, erkannte er die zerbombte Stadt nicht mehr wieder. Von Altstadt und Basar waren nur noch Schutt und Asche übrig. Nun blickt Khan auf ein verspiegeltes Hotel gegenüber vom Basar. Er lacht. "Dafür haben wir jetzt Fensterglas!"

Seit die Ausländer im Land sind, wurde in Kabul viel gebaut. Die neuen Glasgebäude und das Botschaftsviertel sind hochgesichert und für die meisten Afghanen nicht zugänglich. In einigen Gegenden der Stadt hat sich der Dollar als Währung etabliert. Diplomaten, Helfer und Journalisten haben eine Parallelwelt geschaffen, in der sie arbeiten und junge gebildete Afghanen als Dolmetscher oder Berater beschäftigen. Vieles davon wird nach dem Truppenabzug von 2014 vorbei sein.

Der Alltag ist einigermaßen sicher geworden

Aber auch für das Gros der Stadtbevölkerung ist die gegenwärtige Zeit noch die beste seit Jahrzehnten. Weder werden politisch Andersdenkende eingesperrt, wie unter den Kommunisten, noch bedroht ein täglicher Raketenhagel das Überleben, wie im Bürgerkrieg. Und die Taliban schüren mit ihren harschen Gesetzen keine Angst mehr auf den Straßen. Die meisten Hauptstadtbewohner sind zwei Jahre vor dem Truppenabzug mit dem Grundmaß an Sicherheit im Alltag zufrieden.

Doch was ist mit den Koran-Verbrennungen ? Mit dem Massaker in der Provinz Kandahar ? Mit dem Angriff auf das Diplomatenviertel im April ? Was die Weltöffentlichkeit beschäftigt, erscheint Gul Khan weit weg. Natürlich gebe es Probleme, aber das Leben sei doch im Augenblick wenigstens sicher. Khans Sorge gilt eher der Zukunft, der Zeit nach 2014. Er möchte die Ausländer nicht aus Afghanistan gehen lassen, vor allem die Deutschen nicht.

Am Fuße von Kabuls alter Stadtmauer liegt die Khwarazm-Apotheke. Hinter dem Tresen und gut sortierten Regalen empfängt Sultan Muhammad seine Patienten. Eine Frau in einer Burka betritt mit ihrer Tochter die Apotheke. Das Kind schreit. Es leidet schon seit Tagen an Husten. Die Frau hebt ihre Burka aus dem Gesicht und folgt Muhammad ins Behandlungszimmer. Man schätzt ihn und vertraut ihm hier.

Sultan Muhammad spricht fehlerfrei Deutsch. Und das, obwohl er nie in Deutschland war. "Ich habe in den 52 Jahren meines Lebens Afghanistan nie verlassen." Als Jungen schickte ihn die Mutter auf eine deutsche Schule nach Kabul. Für den Sohn eines Bauern aus der Provinz war das ungewöhnlich. Als Muhammad die Schule beendete, stand Afghanistan vor dem Einmarsch der Sowjets. Einmal wurde er von den Kommunisten festgenommen, weil man ihn für einen Mudschaheddin hielt. Viele seiner Klassenkameraden wanderten nach Deutschland aus.