"Ein grünes Algerien ist die bessere Zukunft", werben die Plakate. Vorn auf dem Podium aufgereiht sitzen die acht Kandidaten der Islamischen Allianz, hinten im Saal lärmt die Parteijugend mit ihren Trommeln. Vor 20 Jahren während des Bürgerkrieges war die Region Boumerdes östlich von Algier eine Hochburg mordlustiger Gotteskrieger. Heute wirbt in der heruntergekommenen Turnhalle des Städtchens Boudouaou ein Bündnis aus drei islamistischen Parteien für die Parlamentswahlen an diesem Freitag.

"Wir wollen keinen Arabischen Frühling, wir wollen keine algerische Revolution. Wir wollen eine Revolution an den Wahlurnen", sagt Abdelhamid Boulafoat, Sprecher von Algeriens Ennahda, die der gleichnamigen islamischen Regierungspartei in Tunesien nahe steht. Zusammen mit der Gesellschaftsbewegung für den Frieden (MSP), die ihre Wurzeln bei den Muslimbrüdern hat, sowie der Reformpartei Islah hat sich Ennahda vor fünf Monaten zur sogenannten Grünen Allianz zusammengeschlossen.

Mindestens 35 Prozent der 462 Mandate will das religiöse Bündnis erringen – und damit zum ersten Mal in der Geschichte des unabhängigen Algeriens die seit 1962 regierende "Nationale Befreiungsfront" (FLN) überflügeln. Dabei helfen soll der Aufwind der Islamisten in Tunesien und Ägypten und gleichzeitig das Fundament legen für einen Sieg bei den nächsten Präsidentenwahlen im Frühjahr 2014, zu denen der 75-jährige, nierenkranke Staatschef Abdelaziz Bouteflika wohl nicht mehr antritt.

"Wir hatten unseren Arabischen Frühling schon 1988 und haben aus dieser nationalen Tragödie unsere Lektion gelernt", sagt die 23-jährige Jihad Mariam, die gerade ihr Diplom in Ernährungswissenschaften gemacht hat und mit einer grünen Kappe über dem Schleier Flugblätter an die rund 500 Zuhörer verteilt. Damals führte Algerien ein Mehrparteiensystem ein. Doch als die heute verbotene Islamische Heilsfront (FIS) 1992 die erste Runde der Parlamentswahlen haushoch gewann, annullierten Staatspartei FLN und Militärführung das Ergebnis.

Arabischer Frühling fand in Algerien kaum Resonanz

Ein bestialischer Bürgerkrieg war die Folge, der mindestens 200.000 Menschen das Leben kostete. Das Trauma dieses "dunklen Jahrzehnts" verfolgt Algerien bis heute. Und das politische Beben des jetzigen Arabischen Frühlings fand in dem nordafrikanischen Land kaum Resonanz. Es blieb bei kleineren Demonstrationen. Mehr als 100 junge Algerier haben sich inzwischen aus Protest angezündet, selbst diese massenhaften Verzweiflungstaten haben das Land nicht aus seiner bleiernen Frustration aufgerüttelt.

"Alles leeres Theater, ich gehe nicht wählen", sagt ein junger Student. Wie auf dem Mouradia-Platz im Zentrum von Algier hat die Stadtverwaltung an vielen Boulevards lange Reihen von einheitlichen Plakatwänden aufstellen lassen. 44 Parteien treten diesmal an, 23 von ihnen wurden erst kürzlich aus dem Boden gestampft. Vor fünf Jahren lag die Wahlbeteiligung offiziell bei 37 Prozent, diesmal gilt es für das Regime bereits als Erfolg, wenn 20 Prozent ihre Stimme abgeben. Denn das Misstrauen gegen die politische Klasse frisst sich immer tiefer ein.

Die meisten Passanten würdigen Kandidatenlisten und Parolen keines Blickes. "Warum ein Parlament wählen, dass keine Macht hat", hat jemand quer über die Poster gesprüht. "Wir haben zwanzig Jahre lang gewählt und nichts hat sich geändert", sagt ein anderer und geht achselzuckend weiter. "Wir sind eines der reichsten Länder Afrikas und haben nichts davon", zischt ein dritter.