NiederlandeBürger als Hilfspolizisten

Hören, sehen, anrufen: In den Niederlanden unterstützt ein Bürgernetzwerk die Polizei im Kampf gegen Verbrechen. Doch Kritik gibt es nur vereinzelt.

Die Polizei in Amsterdam erhält jetzt Hilfe von Bürgern, die sich in einem Freiwilligennetzwerk engagieren.

Die Polizei in Amsterdam erhält jetzt Hilfe von Bürgern, die sich in einem Freiwilligennetzwerk engagieren.

Als die junge Mutter sich über den Kinderwagen beugt, schlagen die Täter zu. Im Vorbeifahren entreißen sie der Frau die Handtasche, dann brausen sie davon. "Auf einem roten Mofa", wie ein beobachtender Passant darauf in sein Handy spricht. Am anderen Ende der Leitung sitzt eine Polizei-Koordinatorin. Sogleich schickt sie einen Fahndungsaufruf in die Nachbarschaft. Ein Mann erkennt die Flüchtenden beim Blick aus dem Fenster. Sein Anruf bringt die Streifenwagen auf ihre Fährte. Ein weiterer Tip von "Fleischer Pot" führt schließlich zum Zugriff. Die Delinquenten schauen verdattert aus dem Fond des Polizeiautos. Offenbar haben sie die Rechnung ohne "Burgernet" gemacht.

Diese Geschichte erzählt ein Cartoon auf einem Faltblatt, das Anfang Mai in die Briefkästen Amsterdams flatterte. Der Anlass: Auch in der niederländischen Hauptstadt können sich die Bewohner nun im Rahmen von Burgernet, eines Kooperationsmodells von Polizei und Kommunen, als Helfer registrieren lassen. Per SMS oder Mailboxnachricht empfangen sie die Profile verdächtiger oder vermisster Personen, um sodann als Augen und Ohren der Polizei zur Auflösung beizutragen. "Hören, Sehen, Anrufen", fasst die Broschüre das Prinzip zusammen. Und folgert: "Mit Ihrer Hilfe machen wir Ihre Nachbarschaft noch sicherer."

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Offenbar trifft dieses Konzept einen Nerv. Was 2004 als Pilotprojekt in der Provinz Utrecht begann, ist inzwischen in 368 der 415 Kommunen vertreten. Seit der von Gemeinschaftssinn geprägten Ära von Ex-Premier Jan Peter Balkenende ist die landesweite Ausdehnung von Burgernet erklärtes Ziel der jeweiligen Regierung. "Sicherheit ist keine Sache von Polizei und Justiz allein", hieß es damals. Inzwischen sind mehr als 600.000 Teilnehmer bei Burgernet registriert. In zehn Prozent der monatlich 400 Aktionen bewirkt ihr Einsatz, dass die Gesuchten gefunden werden. "Ein enormer Erfolg", sagt Jean Fransman, Sprecher des Ministeriums für Sicherheit und Justiz.

Burgernet will keine Petz-Hotline sein

Der Grund dieser Popularität? "Wir bieten eine Möglichkeit, auf einfache Weise zur Sicherheit im eigenen Lebensumfeld beizutragen", sagt Roeland van Zeijst, als Burgernet-Manager der Großregion Amsterdam maßgeblich bei der Einführung in der Hauptstadt beteiligt. Dieser Appell an den Gemeinschaftssinn spreche Menschen an, wovon auch die Polizei profitiere. Das Resultat nennt er "heterdaadkracht", eine Kombination aus "heterdaad" ("auf frischer Tat") und "Tatkraft", da Burgernet-Aktionen nur unmittelbar nach einem Vergehen ausgerufen werden.

Van Zeijst legt Wert auf solche Details, denn gelegentlich muss er in der Öffentlichkeit erklären, dass das Projekt nichts anderes sei als ein Beamter, der Passanten nach einem Verdächtigen frage, und schon gar keine "Petz-Hotline". Kritiker nämlich vergleichen Burgernet gern mit der Stasi, und das liberale NRC Handelsblad kritisierte schon vor Jahren die "Gelassenheit, mit der die Niederländer fundamentale Bürgerrechte abgeben".

Doch solche Positionen sind in der Minderheit: Der einzige nennenswerte Protest ist publizistischer Art, auf politischer Ebene dagegen ist das Prinzip längst Konsens. Nur die Partei GroenLinks hatte anfangs Bedenken und befürchtete einen Big-Brother-Effekt. Selbst im kritischen Amsterdam, wundert sich van Zeijst, gebe es überraschend wenig Skepsis.

Leserkommentare
  1. Umsichtige Bürger, ohne an jeder Ecke den Teufel, zu sehen sind immer gut.

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  2. wenn man das in Deutschland macht, wird jedes Bagatelldelikt anderer daran gemessen: Mag ich den oder nicht, der über Rot über die Ampel geht?
    Wenn ich zB CDU wähle und das ist ein Linker, dann rufe ich doch mal eben die Polizei an, was?

    Ja, es klingt für mich auch nach Stasi, weil die Bürger anfangen, anderen hinterherzuspionieren und es vermutlich nicht immer nur um tatsächliche Straftäter geht mit bösen Dingen.

    Ausserdem käme man sich ungesund beobachtet vor. Auch wenn man nicht über Rot geht, man spürt die wachen Augen anderer, die einen beobachten, danach schielen, ob man unauffällig oder auffällig ist.

    Ich wurde zB schon mal im Wald von der Polizei aufgesucht, weil ich nur da rum stand, und eine Halbe Stunde Bäume bewunderte, die hinter einer Siedlung lagen. Das war sehr unangenehm, für einen Einbrecher gehalten zu werden. Für mich ist das schon Paranoia (der anderen).

    Das geht noch weiter:
    EInmal hatte ich einen Platten, ein Polizeiwagen kam grad auch vorbei zufällig, fuhr weiter, ich schob das Fahrrad an den Straßenrand und schloss es ab. Dann ging den Weg weiter, es war noch nicht weit von zuhause entfernt, und da fiel mir ein, ob ich noch mal zurück gehen soll, weil ich etwas nicht ganz so wichtiges vergessen habe. So stand ich dann an einer Kreuzung und starrte in die Luft , überlegend. Da kam das Polizeiauto erneut. Mein Gott noch mal. Die fanden das merkwürdig, auffällig, was ich bis dahin getan hatte.
    Und das war die Polizei, wie nörgelnd sind dann Bürger?

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    • Rooob
    • 01.06.2012 um 11:58 Uhr

    Wer genau liest, wird feststellen, dass der Bürger keine eigene Entscheidung trifft, was eine Straftat ist. Deshalb hat es auch nichts mit "hinterherspionieren" oder "Stasi" zu tun. Der Bürger wird nur zum erweiterten Auge der Polizei, wenn schon jemand gesucht wird.
    Und das ist auf jedem Fall besser als eine umfassende Videoüberwachung.

    Während die Stasi schon ordentlich Überzeugungsarbeit leisten musste,um ihre IM´s zu rekrutieren, klappt das hier ganz ohne! Wenn man sich mal vor Augen hält, mit welchen Nichtigkeiten sich die Gerichte rumschlagen müssen, muss einem schon der Gedanke kommen,von Spitzeln und Denunzianten umgeben zu sein.

    • Rooob
    • 01.06.2012 um 11:58 Uhr

    Wer genau liest, wird feststellen, dass der Bürger keine eigene Entscheidung trifft, was eine Straftat ist. Deshalb hat es auch nichts mit "hinterherspionieren" oder "Stasi" zu tun. Der Bürger wird nur zum erweiterten Auge der Polizei, wenn schon jemand gesucht wird.
    Und das ist auf jedem Fall besser als eine umfassende Videoüberwachung.

    Während die Stasi schon ordentlich Überzeugungsarbeit leisten musste,um ihre IM´s zu rekrutieren, klappt das hier ganz ohne! Wenn man sich mal vor Augen hält, mit welchen Nichtigkeiten sich die Gerichte rumschlagen müssen, muss einem schon der Gedanke kommen,von Spitzeln und Denunzianten umgeben zu sein.

  3. ...dass eine Gruppe Jugendlicher die "sich ohne erkennbares Ziel im öffentlichen Raum aufhält" schon als Belästigung gilt?
    Armes Land...

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  4. Wie immer gibt es zwei Seiten, aber es macht Sinn es auszuprobieren. Warum nur trauen die Kritiker den Bürgern nicht zu der Polizei zu helfen?

    Es ist schon komisch dass dem Staat (also uns allen als Gemeinschaft - denn wir sind der Staat) im Zweifel nur böses zugetraut wird.

    Der Bürger, der sich im Bürgerten engagiert wird ebenfalls nur dummes anschwärzen zugetraut.

    Man sollte es ruhig ausprobieren, beobachten und verbessern.

    Wenn sich die negativen Befürchtungen bewahrheiten sollten, na dann kann man immer noch gegensteuern.

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    • Rooob
    • 01.06.2012 um 11:58 Uhr

    Wer genau liest, wird feststellen, dass der Bürger keine eigene Entscheidung trifft, was eine Straftat ist. Deshalb hat es auch nichts mit "hinterherspionieren" oder "Stasi" zu tun. Der Bürger wird nur zum erweiterten Auge der Polizei, wenn schon jemand gesucht wird.
    Und das ist auf jedem Fall besser als eine umfassende Videoüberwachung.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "STASI-BLICKE"
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    Es geht immer leicht und entspannt los, der richtige Spaß wird dann später aus angeblicher Notwendigkeit verabschiedet.
    Stasi ist das nicht, aber eine russische Säuberung ala Stalin '37 kriegt man damit auch iwann hin, wenn unsere Politiker die Nerven verlieren, da der Bürger ja auch denken darf.

    Es geht immer leicht und entspannt los, der richtige Spaß wird dann später aus angeblicher Notwendigkeit verabschiedet.
    Stasi ist das nicht, aber eine russische Säuberung ala Stalin '37 kriegt man damit auch iwann hin, wenn unsere Politiker die Nerven verlieren, da der Bürger ja auch denken darf.

  5. Allerdings ist die Überschrift nicht so gelungen. Es handelt sich im eigentlichen Sinn nicht um Hilfspolizisten sondern um Helfer der Polizei. Sie unterstüzen die Arbeit der Polizei.

    Würde hier in D aber gar nicht gehen, wie man hier schon lesen konnte.

    "Stasi, ungesund beobachtet, hinterherspionieren usw."

    Es geht doch nicht darum, das Bürger anderen hinterherlaufen um zu schauen, ob sie vielleicht was falsches machen. Es geht darum wenn etwas passiert die Polzeiarbeit zu unterstützen.

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  6. Klingt wirklich atemberaubend toll....dann vor Gericht iwann verhandeln, dass Jugendliche draußen auf einer Parkbang gesessen und Musik gehört haben....

    Am besten noch was wie damals in der Matrix, einfach bei Geburt jedes Kind in seiner Box anschliessen, damit auch nix passiert. Zynismus aus...

    Bei aller Liebe, egal in welchem Land der westlichen Hemisphäre, Verbrechensbekämpfung treibt nur merkwürdige Blüten. Das man durch Bereitstellung von Chancen durch Arbeitsplätze und Bildung nicht mehr solche wie im Faltblatt angegebenen Handtaschendiebe hat, weil ja auch der Verbrecher abwägt, ob wg. einer Handtasche ins Gefängnis zu gehen oder vll doch lieber normal leben besser ist...

    Immer nur weiter so, Sovietunion 1937 ist näher, als man denkt, wenn man für solchen Schwachsinn Freiheit opfert. Angenehm natürlich für Leute mit der passenden Perversion.
    Und das nach dem Artikel über Ungarn und seine kleinen Problemchen...Gute Nacht!

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  7. Es geht immer leicht und entspannt los, der richtige Spaß wird dann später aus angeblicher Notwendigkeit verabschiedet.
    Stasi ist das nicht, aber eine russische Säuberung ala Stalin '37 kriegt man damit auch iwann hin, wenn unsere Politiker die Nerven verlieren, da der Bürger ja auch denken darf.

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    Antwort auf "Genau lesen!"

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