Santa Rosa Treinta ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel dafür, wie sich die Drogenmafia in Mexiko Gebiete unterwirft. Fügt sich die Bevölkerung nicht, eskaliert die Gewalt. So wie im Valle de Juárez an der Grenze zu den USA, einst Hochburg des Juárez-Kartells. Als das konkurrierende Sinaloa-Kartell dort einfiel, wurde kurzer Prozess gemacht mit jedem, der in Verdacht stand, der gegnerischen Seite gedient zu haben – oder der den Mund aufmachte und die Gewalt denunzierte.

So wie in der Grenzstadt Ciudad Mier im Nordosten Mexikos, ein anderer Umschlagplatz für den Drogenhandel, der tagelang ins Kreuzfeuer genommen wurde von zwei verfeindeten Syndikaten, den "Zetas" und dem Golfkartell, einst Verbündete. Die Regierung schickte Soldaten und Bundespolizisten, die sich mit den Gangstern ein Feuergefecht lieferten. Danach lag die Polizeistation in Schutt und Asche und in der Stadt sah es aus wie nach einem Krieg.

Und die schockierte Bevölkerung floh in die nächstgrößere Stadt Miguel Alemán. Ein Exodus von mehr als 500 Familien, die sich der Rache der Verbrecher schutzlos ausgeliefert sahen. Insgesamt sind in Mexiko nach Angaben der UN rund 160.000 Menschen vor der Gewalt geflohen. Kartelle wie die "Zetas" sind weit verzweigte Imperien, die nicht nur mit Drogen handeln, sondern auch mit Waffen, mit Menschen, und die Schutz- und Lösegelder erpressen.

Drogengangs warnen jene, die sich wehren

Anders als das martialische Militäraufgebot von Präsident Felipe Calderón vermuten lässt, ist der mexikanische Staat ein Potemkin’sches Dorf. Besonders auf dem Land, wo das Organisierte Verbrechen und die Politik oft vollkommen miteinander verschmolzen sind. Wo gegen Bürgermeister, Gouverneure und Abgeordnete wegen Geldwäsche oder Verbindungen zur Drogenmafia ermittelt wird. Ein Drittel der Politiker stünden im Sold der Kartelle, sagt eine, die es wissen muss: die inhaftierte Drogenkönigin Sandra Avila Beltrán. Aber auch Polizisten, Militärs, Richter und Staatsanwälte verdienen am Drogengeschäft.

Die Institutionen sind bis aufs Mark ausgehöhlt, zerfressen vom Wurm der Korruption. Und der Angst. "Ploma o plata" – "Blei oder Geld", heißt die Alternative für Funktionäre. Jeder, der aufmuckt, riskiert sein Leben. Journalisten, Menschenrechtler, Pfarrer, Blogger. Cristina Velarde hat es trotzdem versucht. Zusammen mit ein paar mutigen Nachbarn bat sie einen Lokaljournalisten, einen Hilfeaufruf an die Bundesregierung zu veröffentlichen: Sie möge Militärs schicken und Straßensperren einrichten. So wie es Calderón in Ciudad Juárez getan hat, in Monterrey oder in Acapulco, als die Gewalt überhandnahm.

Doch Santa Rosa Treinta ist ein kleines, unwichtiges Dorf. Die Soldaten kamen nicht. Die Drogengangs sprühten nun immer häufiger Christina Velardes Namen an Hauswände. Es waren Warnungen. Sie zögerte nicht. Zusammen mit ihren Kindern und Enkeln packte sie ihre Sachen und verließ das Haus, in dem sie 50 Jahre lang gelebt hatte. Sie gingen in die Hauptstadt des benachbarten Bundesstaates Puebla. Sie suchten Schutz in der Anonymität der Großstadt. 

Erschienen im Tagesspiegel