Santa Rosa Treinta – ein verschlafenes Dorf in Zentralmexiko, 16.000 Einwohner, die weit verstreut wohnen, inmitten wogender Zuckerrohrfelder. Keine zwei Stunden Autofahrt südlich von Mexiko-Stadt fühlt man sich hier versetzt in vorrevolutionäre Zeiten: Der kopfsteingepflasterte Dorfplatz vor der Kirche ist der wichtigste Treffpunkt, direkt dahinter liegt die alte Hacienda, die einst das wirtschaftliche Leben bestimmte und nun das Feriendomizil einer reichen Familie ist. Die meisten Menschen hier leben von der Landwirtschaft, von kleinen Läden und den Wochenendtouristen aus der Hauptstadt, die das milde Klima des Bundesstaates Morelos lieben. Doch vor einem Jahr fand die Idylle ein jähes Ende.

Cristina Velarde (Name geändert) erinnert sich genau an den Tag, als ihr Nachbar erschossen wurde. An der Straßenecke, keine 100 Meter von ihrem Hauseingang entfernt. Er war Polizist, Velarde kannte ihn von klein auf, er hatte mit ihrer Enkelin gespielt. Jetzt lag er tot in einer Blutlache, und keiner im Dorf wusste genau warum. Kurze Zeit nach dem Mord wurde ein Gerücht laut. Der neue Bürgermeister sei mit der Drogenmafia verbandelt. Etwa einen Monat später hörte Cristina Velarde von draußen eine Durchsage per Megafon: Die Bürger sollten in den Nächten nach 21 Uhr nicht mehr aus dem Haus gehen.

Es blieb ungeklärt, wer für die Durchsage verantwortlich war. Die Dorfpolizei und der Bürgermeister stellten sich unwissend. Aber die 72-jährige Cristina Velarde, die früher politisch aktiv war, wollte sich nicht geschlagen geben. Also fragte sie den Pfarrer. Aber auch der zuckte nur ratlos mit den Schultern. An wen kann man sich wenden, in diesem Krieg ohne klare Fronten? Wenn man nie weiß, wer mit wem im Boot sitzt?

Die Entführungen beginnen

Velarde schloss sich, wie alle anderen im Dorf, am nächsten Abend zu Hause ein und verrammelte die Türen. Kurz vor Mitternacht hörte sie die Motoren. Drei dunkle Pick-ups fuhren direkt an ihrem Haus vorbei. Und verschwanden in der Finsternis. Ein Killerkommando auf der Fahrt zum Einsatz? Ein Drogentransport?

Wenige Wochen danach begannen die Entführungen. Taxifahrer, Eigentümer von Tante-Emma-Läden, Landwirte – niemand konnte sich mehr sicher fühlen. "Jeden dritten Tag wurde jemand verschleppt ", sagt Cristina Velarde. Manchmal gab es auch Tote, neben den Leichen lagen Zettel mit Botschaften wie "Das geschieht mit Petzern". Wie viele es waren, darüber schweigt die Regierung, die Zahl der Morde sei "sicherheitspolitisch sensibel".