Die Wahlen in Frankreich und Nordrhein-Westfalen haben einen unerwarteten Gewinner im Südosten Europas: die Türkei . Mit dem Fall des französischen Konservativen Nicolas Sarkozy verliert die Türkei ihren ärgsten Feind in der EU (abgesehen von der Levante-Großmacht Zypern ). Und mit der Niederlage der CDU und dem Zoff um Angela Merkels erratische bis selbstzerstörerische Personalpolitik versinken die Unionsparteien in innerem Zwist, der sie von der Nein-zur-Türkei-Agenda ablenkt. Insbesondere die zu antitürkischen Ausfällen neigende CSU . Der ist nämlich entgangen, wie in der vergangenen Woche zwei EU-Politiker in der Türkei bemerkenswerte Freundschaftsoffensiven gestartet haben.

Was sich hier abzeichnet, ist ein endlich gangbarer Weg jenseits der von Zypern blockierten Beitrittsverhandlungen zur EU und eine Annäherung zwischen der Türkei und Deutschland.

Die emotionalste und zugleich konzeptionell stärkste Rede hielt Guido Westerwelle , der seit Jahren, so wenig bemerkt wie beharrlich, den Draht zur Türkei pflegt . Bei den renommierten Kronberger Gesprächen der Bertelsmann Stiftung in Istanbul vergangene Woche hielt Westerwelle ein Loblied auf die wirtschaftliche Stärke der Türkei und ihre Rolle als eine der "gestaltenden Mächte der globalisierten Welt".

Eine Jugendbrücke mit der Türkei

In Deutschland sehen viele die Türkei nur als "Anatoliens-Bräute-Exportland" und Problemproduzent. Westerwelle sprach von dem "bereichernden Beitrag" der Türken in Deutschland, "ohne den unsere Gesellschaft heute nicht vorstellbar" wäre. Beim Istanbuler Open Forum der Kronberger Gespräche saßen viele Türken und Deutsche türkischer Herkunft, die Westerwelles positive Würdigung der Migrationsgeschichte gern hörten.

Konkret schlug der Außenminister eine Jugendbrücke ähnlich den Institutionen zwischen Deutschland und Polen sowie Frankreich vor. Westerwelle regte eine türkisch-deutsche "Rechtsstaats-Initiative" an. Er will die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei neu beleben. Von der Besetzung her am interessantesten ist sein Vorschlag eines "Strategischen Dialogs". Daran sollen die Minister beider Regierungen unter Vorsitz der Außenminister beteiligt sein. Diese Runde ähnelt dem, was im politischen Berlin sonst "Regierungskonsultationen" genannt wird. Deutschland pflegt diese mit Frankreich, Polen, Russland , Spanien , ja sogar mit Indien und China.

Pikant ist, dass die deutsch-türkische Variante offenbar ohne die Kanzlerin stattfinden soll, die ja bekanntlich mit weniger Emphase über die Türkei denkt und spricht. Der türkische Landesmeister im rhetorischen Ausrasten, Premier Tayyip Erdoğan, wäre in diesem harmonisch gedachten Format auch nicht dabei. Gesprochen werden soll über globale Probleme genauso wie über bilaterale Fragen. Bleibt nur die Frage, ob man ohne die beiden schwierigen Chefs auch entscheiden kann.