FrankreichAuf Hollande wartet die Realität

Frankreichs neuem Präsidenten bleibt nicht viel Zeit zum Feiern. Euro-Krise, Afghanistan, das Verhältnis zu Deutschland – Hollande muss schnell ins Amt wachsen. von 

Frankreichs neuer Präsident wird François Hollande heißen. Die erste, offiziell um 20 Uhr bekannt gegebene Schätzung misst ihm 51,8 Prozent der gültig abgegebenen Stimmen zu. Damit regiert erstmals seit 17 Jahren wieder ein linker Präsident.

Am Samstag war seinen Anhängern noch einmal die Angst hochgekommen. Hatten sich die Umfragekurven der beiden Kandidaten einander nicht gefährlich angenähert? Und konnte sich nicht, während der Wahlkampfpause am Samstag, eine Kettenreaktion ereignen, ausgelöst von Diskussionen an den Familientischen, in den Kneipen, auf den Sportplätzen? Im Lager des scheidenden Präsidenten Nicolas Sarkozy hatte daran kaum einer mehr geglaubt, aber unsicher war die Sache irgendwie doch noch.

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Die ersten Ergebnisse der exit polls drangen gegen 15 Uhr durch, die Resultate der ersten Hochrechnungen gegen 18.30 Uhr. Französischen Journalisten war allerdings bei Strafe verboten, sie vor dem Schließen der letzten Wahllokale um 20 Uhr zu verbreiten, doch wie schon nach dem ersten Wahlgang vor zwei Wochen hielten sich belgische und schweizerische Websites nicht an das französische Gesetz, und Twitter besorgte den Rest. Da war die Spannung endlich vorbei.

In den Wahlbüros der Linken explodierte die Stimmung, während sie in denjenigen der Rechten implodierte, und das französische Fernsehen hatte alle Mühe, diese Anzeichen vor seinen Zuschauern zu verheimlichen. In Paris machen sich seither Tausende auf den Weg zum Platz der Bastille, um den Sieg zu feiern, wie einst 1981, als François Mitterand Präsident wurde. Dort ist alles schon seit dem frühen Nachmittag vorbereitet: Riesenbildschirm und Bühne, denn es werden Künstler auftreten, darunter wohl auch Yannick Noah. Vermutlich kommt Hollande aus Tulle angeflogen, der Stadt, der er bisher als Bürgermeister vorstand.

Angela Merkel anrufen – aber dann?

Doch wo immer er sich aufhalten wird, heute Nacht wird er noch viele Frauen küssen. Und Angela Merkel anrufen. Aber dann?

Zunächst muss er die offizielle Feststellung des genauen Ergebnisses am Dienstag, Mittwoch oder gar erst am Donnerstag abwarten, bevor er sich Präsident nennen kann. Gleichwohl soll schon am Montag sein enger Mitarbeiter Jean-Marc Ayrault im ARD-Morgenmagazin auftreten, um den Deutschen die Sorge davor zu nehmen, in Zukunft gäbe es Krach zwischen den beiden Regierungen. Ayrault spricht deutsch, und er könnte Premierminister werden.

Die offizielle Übergabe der Macht (unter anderem des Atomkoffers) war für den 14. oder 15. Mai vorgesehen, aber die Hollandisten haben den gegenwärtigen Bewohner des Élysée-Palastes wissen lassen, dass sie es gern früher hätten. Denn die Zeit drängt. Hollande will und muss sehr schnell nach Berlin reisen, denn schon am 18. und 19. Mai findet der G8-Gipfel in Camp David ( USA ) statt, auf dem er und die Kanzlerin möglichst viel Gemeinsamkeit demonstrieren sollten. Am 20. und 21. Mai dann Chicago , Nato-Gipfel. Hollande wird dort den Abzug aller kämpfenden Truppen Frankreichs aus Afghanistan bis Ende dieses Jahres verkünden.

Der Wahlkampf geht weiter

Als wenn das alles nicht schon genug wäre, wird er wohl recht schnell einen Premierminister und eine Regierung benennen – beide erst nur provisorisch: Am 21. Mai beginnt der Wahlkampf für die Parlamentswahlen Mitte Juni, und auf deren Ergebnis muss dann die Staatsführung einjustiert werden. Direkt danach kommt am 18. und 19. Juni der G20-Gipfel in Mexiko , und Ende Juni trifft sich der Europäische Rat in Brüssel – was wiederum durch ein informelles Treffen ein paar Tage vorher vorbereitet sein will.

Ein enger Fahrplan, dessen Inhalte durch zwei Ereignisse mitbestimmt werden könnten: Frankreich muss sich wieder Geld auf den Finanzmärkten leihen, und man darf gespannt sein, zu welchem Zins. Außerdem steht der "Kassensturz" bevor: Eine Gelegenheit für Hollande, seine Wahlversprechen den Realitäten anzupassen.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Frankreich | Angela Merkel | Nicolas Sarkozy | Finanzmarkt | Parlamentswahl | Premierminister
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