Viel Zeit hat Aris Chatzistefanou nicht in diesen Tagen. Einladungen stapeln sich in der Athener Wohnung des 34-Jährigen. Überall in Griechenland wollen die Menschen mit ihm diskutieren – über Catastroika , seinen jüngsten Film. Seit rund einem Monat ist er kostenlos im Netz zu sehen – und nicht nur da.

Wer Aris Chatzistefanou trifft, der glaubt, einen strebsamen Studenten vor sich zu haben. Adrett gekleidet, Brille, freundlicher Blick. Doch dem ist nicht so. Chatzistefanou ist Filmemacher – ein ziemlich kritischer. Sein neuestes Werk beleuchtet die möglichen Folgen der bevorstehenden Privatisierungen in Griechenland.

Der Film zeigt abschreckende Beispiele der vergangenen Jahrzehnte in Kalifornien , England , Ostdeutschland, Frankreich, Italien und Russland . Penibel werden die überaus negativen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft aufgearbeitet. Bekannte Analysten wie Slavoj Zizek , Naomi Klein , Ken Loach oder Greg Palast sprechen über die rigorose Sparpolitik, die Griechenland seit dem Frühjahr 2010 in seinen Grundfesten erschüttert, aber auch über den massiven Angriff auf die Demokratie in Europa nach dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise. Dem Zuschauer soll erklärt werden, was den Griechen blüht, wenn wie geplant alsbald die noch unter staatlicher Kontrolle stehende Stromgesellschaft, Wassergesellschaft oder Nickelindustrie in Griechenland verscherbelt werden.

Der Film kennt nur eine Richtung

Schnell wird beim Betrachten von Catastroika klar: Chatzistefanou hat eine sehr gefestigte Meinung. Auf den Dialog, andere Sichtweisen wartet man in dem Film  vergeblich. Stattdessen Dramatik: Was passierte in Kalifornien, nachdem 1998 der Strommarkt dereguliert wurde? Binnen zwei Jahren stieg der Strompreis um das 30-Fache. Was geschah in England, nachdem 1994 die Bahnen privatisiert wurden? Es gab tödliche Unfälle. Was schuf die Treuhandanstalt in Ostdeutschland? Millionen Arbeitslose und Milliardenschulden. In Russland hatte die Schocktherapie Anfang der neunziger Jahre, die ganze Landstriche in Armut stürzte, einen Namen: Catastroika. So heißt nun Chatzistefanous Film. "Das alles kommt auch nach Griechenland", warnt er.

Tatsächlich haben Griechenlands öffentliche Kreditgeber, die Troika aus EU , Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, schon den Grundstein für ein gigantisches Privatisierungsprogramm im Krisenland gelegt. Das griechische Parlament verabschiedete es im Juni 2011. Ursprünglich sollten dadurch bis 2015 fünfzig Milliarden Euro in die hellenischen Staatskassen fließen. Mittlerweile ist das Ziel auf 19 Milliarden Euro reduziert worden. Derzeit liegt das Programm auf Eis – wegen der erneuten Parlamentswahl am 17. Juni.