BürgermeisterWählt London wieder Boris?

Als Clown wurde er beim Amtsantritt verhöhnt – dann wurde Witzigkeit sein Erfolgskonzept. Heute könnte Boris Johnson als Bürgermeister von London wiedergewählt werden. von Matthias Thibaut

Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson

Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson  |  © Stefan Wermuth/Reuters

Narzissen blühen im Valentines Park in London-Redbridge, die Sonne strahlt, und hinter Absperrungen stehen Tausende Menschen, die begeistert Union Jacks schwenken. Sie warten auf Queen Elizabeth II., die sich angekündigt hat für diesen Frühlingstag, aber zu hören ist davon nichts.

" Boris , Boris!", rufen die Menschen beim Fähnchenschwenken, und sie meinen Boris Johnson , 47, ihren Bürgermeister. Der ist auch da und wartet. Er bringt seine blonden Haare mit der Hand in große Unordnung und steuert dann auf die Menge zu. "Fantastisch, dass die Queen bei ihrer Jubilee Tour nach Redbridge kommt", dröhnt er, "wir sollten es ab heute Royal Redbridge nennen." Er schüttelt Hände, scherzt, schreibt Autogramme. Dann stellt er sich in seinem schlecht sitzenden, graublauen Anzug und den bequemen Schuhen wieder in die Reihe der Redbrigder Vorstadthonorationen und faltet zufrieden die Hände über dem Bauch.

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Wie er wirklich heißt, wissen nur wenige: Alexander Boris de Pfeffel Johnson. Aber jeder kennt "Boris". Würde Großbritannien über Nacht Republik und bräuchte einen Präsidenten statt einer Königin, der Tory-Mann Johnson wäre Spitzenkandidat. Statt am farbigen Hut erkennt man ihn an der Frisur – und die zerzausten Haare markieren auch den Unterschied zwischen ihm und den anderen wohlgekämmten, korrekt gekleideten, angepassten Politikern von der Stange. Wenn er von Menschen umringt ist, die begeistert "Boris, Boris" rufen, wirkt er bereits wie eine Alternativversion der Königin. Und in diese Richtung – nach oben – zieht es ihn auch. Falls er denn am heutigen Donnerstag die Bürgermeisterwahl in London zum zweiten Mal für sich entscheiden kann.

"Ein Schmetterling, dem man die Flügel ausreißen wird"

Als Johnson 2008 erstmals antrat, auch damals gegen Ken Livingstone von der Labour-Partei, galt der als unschlagbar. "Wie verzweifelt müssen die Tories sein, wenn sie diesen Clown aufstellen", schrieb der Guardian . "Ein Schmetterling, dem man die Flügel ausreißen wird", prophezeite der "Independent". Aber die Londoner stellten Unkonventionalität, Witz und Jugendlichkeit über die alten politischen Rezepte des heute 66-jährigen Livingstone. Vier Jahre später sind wieder dieselben Männer im Rennen – doch diesmal ist Johnson Favorit.

Er fuhr mit seinem Wahlkampf-Doppeldecker kreuz und quer durch die Stadt, eilte im Marks&Spencer-Billigmantel durch Einkaufsstraßen und verteilte seinen "Neun-Punkte-Plan für ein größeres London" . Überall riefen die Londoner "Boris, Boris", Handys filmten, er lachte, hörte zu und fragte höflich: "Darf ich am 3. Mai mit Ihrer Unterstützung rechnen?"

Johnsons Regierungsbilanz ist nach seinen ersten vier Jahren nicht übertrieben beeindruckend, aber grobe Fehler hat er nicht gemacht. "Wir haben unsere Führungsrolle als beste Stadt der Welt ausgebaut", behauptet er mit begeistert-ironischer Übertreibung. "Ich habe 91 Prozent meiner Wahlversprechen verwirklicht." Das öffentliche Fahrradleihsystem, die Ausmusterung der verhassten Gelenkbusse, Prototypen eines neuen Londoner Doppeldeckers wurden entwickelt, 50.000 Wohnungen gebaut, es gibt weniger Morde, weniger Messerstechereien unter Jugendlichen, die U-Bahn ist teurer, aber besser, und die Stadt für die Olympischen Spiele, die Livingstone in die Stadt geholt hat, herausgeputzt. Vor allem aber hat Boris Johnson sich gleichzeitig als glaubwürdiger Repräsentant einer multikulturellen Stadt und neuer Flügelstürmer der Konservativen etabliert, als Hoffnungsträger für Unzufriedene und für das Establishment.

"Ping Pong's coming home"

Wenn es drauf ankommt, kann er Seiten lang Plato zitieren. Aber noch besser sind seine witzigen Reden, wie 2008, als er bei der Olympia-Übergabe in Peking verblüfften Chinesen erklärte, Tischtennis sei unter dem Namen "Wiff-Waff" an Englands Dinnertafeln erfunden worden. "Wenn die Franzosen einen Tisch sehen, denken sie ans Essen. Wir denken an Wiff-Waff." Dann reckte er die Faust in die Luft und brüllte "Ping Pong’s coming home." Sogar der steife Premier Gordon Brown kugelte sich vor Lachen.

"Es ist der Premierminister", ruft jemand, als Johnson im Knäuel seiner Begleiter vor der U-Bahnstation steht. "Das ist ein sehr schwerer Irrtum", sagt Johnson, guckt vergnügt und denkt sich vermutlich ein "noch" hinzu. Denn ein Wahlsieg würde seinen bisher unerklärten Anspruch unterstreichen, David Cameron als Chef der Tory Party und britischen Premier abzulösen.

Wer ist Boris Johnson? Die joviale Art, die schlagfertigen Aperçus, die gedrechselte Art zu reden, die ironischen Übertreibungen, die Unpünktlichkeit, die Fernsehauftritte in Comedyshows wie auch in seriösen Programmen, Frau Marina und die vier Kinder, die Seitensprünge, das uneheliche Kind, die allumfassende Toleranz-Attitüde, der alles nur Spaß und Spiel scheint – diese farben- und motivreiche Fassade präsentiert der Welt nicht nur einen unterhaltsamen Exzentriker, sondern sie versteckt – wenn es ihn denn gibt – den wahren Boris.

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  • Schlagworte David Cameron | London | Boris Johnson | Ken Livingstone | Elizabeth II | Queen
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