ZEIT ONLINE : Am Wochenende findet das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in Aserbaidschan statt, einem Land, in dem laut Amnesty-Report die Meinungsfreiheit unterdrückt wird , Regierungskritiker grundlos eingesperrt werden. Der richtige Austragungsort?

Wolfgang Grenz : Die Austragung des Eurovision Song Contest in Baku kann unter Umständen hilfreich sein, weil es das Medieninteresse für ein sonst kaum im Scheinwerferlicht stehenden Landes weckt. Dazu muss die Presse dann aber natürlich auch über die Probleme berichten. Abgesehen davon sollte man aber im Vorfeld konkrete Bedingungen stellen, bevor man solche Großveranstaltungen an Staaten mit Menschenrechtsproblemen vergibt.

ZEIT ONLINE: Was für Bedingungen?

Grenz : Bei Fußball-Weltmeisterschaften müssen die Stadien festgelegte Kriterien erfüllen, ansonsten kann da der Wettbewerb nicht stattfinden. Warum sollten nicht auch ein Formel-1-Rennen , eine Fußball-WM oder Olympische Spiele verlegt werden können, wenn das Gastgeberland es bis zu einer Frist nicht schafft, die Einhaltung von Menschenrechten zu garantieren?

ZEIT ONLINE: Hieße das, keine Fußball-EM in der Ukraine ?

Grenz : Die Ukraine ist ein Sonderfall. Zur Zeit der Vergabe, 2007, entwickelte sich die Menschenrechtslage in dem Land eher positiv. Das hat sich seit 2010 geändert. Und da geht es nicht nur um die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko . In der Ukraine kommt es allgemein zu Misshandlungen und Folter in Polizeihaft. Die Presse wird zensiert. Und Bürger, die das kritisieren oder Korruption beklagen, werden mit fadenscheinigen Anschuldigungen überzogen, verurteilt und ins Gefängnis gesteckt.

ZEIT ONLINE: Sollte man die EM deshalb boykottieren ?

Grenz : Das würde den Menschen in den Gefängnissen auch nicht helfen. Die Medien, Sportler, Funktionäre, Politiker und Fans tragen jetzt vielmehr eine besondere Verantwortung, nicht die Augen vor diesen Problemen zu verschließen, sondern Stellung zu beziehen. Und besonders wichtig: Der dadurch entstehende Druck auf die Regierung in Kiew muss auch bestehen bleiben, wenn die EM vorüber ist.

ZEIT ONLINE: Können Großveranstaltungen überhaupt die Menschenrechtsituation in einem Land verbessern ?

Grenz : Das Internationale Olympische Komitee hat genau das bei der Vergabe der Olympischen Spiele an China per se behauptet – aber das war und ist eine Fehleinschätzung. Nach den Spielen 2008 hat sich die Lage in China sogar verschärft, gerade auch im Zuge des Arabischen Frühlings 2011. Nur ein kleines Beispiel: In Tunesien ist der Umschwung als "Jasminrevolution" bezeichnet worden. Daraufhin haben sich in China Menschen übers Internet zum Jasmintee-Trinken verabredet. Aber selbst das ist verboten worden, weil die Regierung Angst hatte, die Teetrinker kämen vielleicht auf revolutionäre Gedanken.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen den Arabischen Frühling an. Was sagt da der Report? Wie hat sich die Menschenrechtslage in den Ausgangsländern dieser Bewegung, Tunesien und Ägypten , entwickelt?

Grenz : In Tunesien hat sich schon viel zum Positiven gewendet. Politische Gefangene wurden freigelassen. Die Meinungsfreiheit ist dank vieler neuer Zeitungen, Fernseh- und Rundfunkanstalten viel stärker ausgeprägt. Allerdings werden immer noch Journalisten wegen angeblicher Verletzungen religiöser Gefühle angeklagt.