ZEIT ONLINE : Herr al-Assad, die Proteste gegen Ihren Cousin, den syrischen Herrscher Baschar al-Assad, haben bislang mehr als 11.000 Menschen das Leben gekostet . Warum akzeptiert Ihr Verwandter dieses Sterben?

Ribal al-Assad : Ich denke nicht, dass er die Kontrolle darüber hat. Man muss verstehen, dass Baschar nur an die Macht kam, weil sein Bruder 1994 bei einem Autounfall starb. Bis zum Jahr 2000, als er Präsident wurde, hatte er nicht die Zeit, sich eine Machtbasis aufzubauen. All die Leute, die ihn an die Macht gebracht haben, sind seinem Vater oder seinem verstorbenen Bruder verbunden. Dazu kommt, dass er keine militärische Erfahrung hat. Er war ein Niemand im Militär, er hatte keinen Rang, wurde dann aber innerhalb von sechs Jahren zum Oberbefehlshaber.

ZEIT ONLINE: Das Militär akzeptiert ihn nicht?

Al-Assad: Nein, die lachen über ihn, er genießt keinen Respekt. Der einzige Grund, warum er da oben ist, lautet: Er ist schwach genug, um die Interessen der Leute um ihn herum zu wahren. Sein Vater hatte ein System etabliert, das ausschließlich auf Rivalitäten aufgebaut ist. Bislang hat Baschar nichts geleistet, weil er es gar nicht kann. Man sieht ja an diesen lächerlichen E-Mails, die er geschrieben hat, dass er gar nicht regiert. Aber der Westen, der von Syrien so wenig weiß, war begeistert. Man rief, Baschar sei ein Reformer und er habe in London studiert. Madeleine Albright , Tony Blair reisten zu ihm, Jacques Chirac empfing ihn sogar schon, bevor er Präsident war. Ich bitte Sie! Baschar hat bloß ein Jahr lang in England studiert, das macht einen noch nicht zu einem Kind des Westens.

ZEIT ONLINE:  Sie leben seit Ihrem neunten Lebensjahr im Westen. Sie müssen es wissen.

Al-Assad: Genau. Dann gibt es Menschen wie diejenigen der Muslimbruderschaft, die seit 30 Jahren im Westen leben und sich immer noch einen Dreck um demokratische Werte scheren.

ZEIT ONLINE:  Verstehe ich Sie richtig? Würde Baschar abtreten, an der schrecklichen Situation würde sich gar nichts ändern?

Al-Assad: So ist es, sein Abgang würde nichts ändern. Dazu kommt, dass er gar nicht den Mut hat, abzutreten.

ZEIT ONLINE:  Warum?

Al-Assad : Weil man ihn sofort ermorden würde. Er hat sich ja in den letzten Monaten seinem Volk nie wirklich gezeigt. Er hat Angst. Zu Recht. Konstitutionell ist er verantwortlich für die schlimmen Dinge, die passiert sind und immer noch passieren.

ZEIT ONLINE: Wer ist denn der starke Mann?

Al-Assad : Es gibt keinen einzelnen. Das System der Rivalität war ursprünglich dazu da, den Präsidenten zu schützen – indem sich die Gruppen um ihn bekämpfen und so gegenseitig lahmlegen. Dumm nur, wenn der Präsident so schwach ist, dass er aus dieser Situation keinen Gewinn fürs Land schlagen kann. Er wollte ja den "Frühling von Damaskus ", man hat es ihm ausgeredet.

ZEIT ONLINE: Was kann getan werden?

Al-Assad : Es gibt eine große Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie . Aber das syrische Regime konnte den vielen Minderheiten, aus denen Syrien besteht, glaubhaft machen, dass die eine Minderheit gegen die andere Minderheit agiert. Die Luft ist immer voller Verschwörungstheorien. Und die internationale Gemeinschaft hat das nicht begriffen. Aber was ist die Alternative zu diesem schlechten Regime? Sind es die Islamisten? Sicher nicht.

ZEIT ONLINE:  Das Problem der Opposition in Syrien ist ja auch ihre Uneinigkeit.

Al-Assad : Genau. Die Opposition, die international wahrgenommen wurde, ist der SNC, der Syrische Nationalrat.