Ribal al-Assad"Baschars Abgang würde nichts ändern"

Ribal al-Assad beschreibt seinen Cousin, Syriens Präsidenten Baschar al-Assad, im Interview als ängstlichen Herrscher ohne Macht. Dem Westen wirft er Heuchelei vor.

Ribal Al-Assad

Ribal Al-Assad

ZEIT ONLINE: Herr al-Assad, die Proteste gegen Ihren Cousin, den syrischen Herrscher Baschar al-Assad, haben bislang mehr als 11.000 Menschen das Leben gekostet. Warum akzeptiert Ihr Verwandter dieses Sterben?

Ribal al-Assad: Ich denke nicht, dass er die Kontrolle darüber hat. Man muss verstehen, dass Baschar nur an die Macht kam, weil sein Bruder 1994 bei einem Autounfall starb. Bis zum Jahr 2000, als er Präsident wurde, hatte er nicht die Zeit, sich eine Machtbasis aufzubauen. All die Leute, die ihn an die Macht gebracht haben, sind seinem Vater oder seinem verstorbenen Bruder verbunden. Dazu kommt, dass er keine militärische Erfahrung hat. Er war ein Niemand im Militär, er hatte keinen Rang, wurde dann aber innerhalb von sechs Jahren zum Oberbefehlshaber.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Das Militär akzeptiert ihn nicht?

Ribal al-Assad

37, ist ein Cousin des syrischen Herrschers Baschar al-Assad und Direktor der Londoner Organisation for Democracy and Freedom in Syria. Er verließ seine Heimat zusammen mit seinem Vater im Alter von neun Jahren. Das Interview wurde am Rande des St. Gallen Symposium in der Schweiz geführt.

Al-Assad: Nein, die lachen über ihn, er genießt keinen Respekt. Der einzige Grund, warum er da oben ist, lautet: Er ist schwach genug, um die Interessen der Leute um ihn herum zu wahren. Sein Vater hatte ein System etabliert, das ausschließlich auf Rivalitäten aufgebaut ist. Bislang hat Baschar nichts geleistet, weil er es gar nicht kann. Man sieht ja an diesen lächerlichen E-Mails, die er geschrieben hat, dass er gar nicht regiert. Aber der Westen, der von Syrien so wenig weiß, war begeistert. Man rief, Baschar sei ein Reformer und er habe in London studiert. Madeleine Albright, Tony Blair reisten zu ihm, Jacques Chirac empfing ihn sogar schon, bevor er Präsident war. Ich bitte Sie! Baschar hat bloß ein Jahr lang in England studiert, das macht einen noch nicht zu einem Kind des Westens.

ZEIT ONLINE:  Sie leben seit Ihrem neunten Lebensjahr im Westen. Sie müssen es wissen.

Al-Assad: Genau. Dann gibt es Menschen wie diejenigen der Muslimbruderschaft, die seit 30 Jahren im Westen leben und sich immer noch einen Dreck um demokratische Werte scheren.

ZEIT ONLINE:  Verstehe ich Sie richtig? Würde Baschar abtreten, an der schrecklichen Situation würde sich gar nichts ändern?

Al-Assad: So ist es, sein Abgang würde nichts ändern. Dazu kommt, dass er gar nicht den Mut hat, abzutreten.

ZEIT ONLINE:  Warum?

Al-Assad: Weil man ihn sofort ermorden würde. Er hat sich ja in den letzten Monaten seinem Volk nie wirklich gezeigt. Er hat Angst. Zu Recht. Konstitutionell ist er verantwortlich für die schlimmen Dinge, die passiert sind und immer noch passieren.

ZEIT ONLINE: Wer ist denn der starke Mann?

Al-Assad: Es gibt keinen einzelnen. Das System der Rivalität war ursprünglich dazu da, den Präsidenten zu schützen – indem sich die Gruppen um ihn bekämpfen und so gegenseitig lahmlegen. Dumm nur, wenn der Präsident so schwach ist, dass er aus dieser Situation keinen Gewinn fürs Land schlagen kann. Er wollte ja den "Frühling von Damaskus", man hat es ihm ausgeredet.

ZEIT ONLINE: Was kann getan werden?

Al-Assad: Es gibt eine große Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie. Aber das syrische Regime konnte den vielen Minderheiten, aus denen Syrien besteht, glaubhaft machen, dass die eine Minderheit gegen die andere Minderheit agiert. Die Luft ist immer voller Verschwörungstheorien. Und die internationale Gemeinschaft hat das nicht begriffen. Aber was ist die Alternative zu diesem schlechten Regime? Sind es die Islamisten? Sicher nicht.

ZEIT ONLINE:  Das Problem der Opposition in Syrien ist ja auch ihre Uneinigkeit.

Al-Assad: Genau. Die Opposition, die international wahrgenommen wurde, ist der SNC, der Syrische Nationalrat.

Leserkommentare
    • joG
    • 09.05.2012 um 13:25 Uhr

    ....wenn nur der Diktator gehen muss. Es braucht eine frei entworfene Verfassung und freie faire Wahlen. Das garantiert nicht, dass die Stabilität der Autokratie sofort wieder da wäre. Das wird vermutlich nicht geschehen. Schlimmer als jetzt wird es aber auch wahrscheinlich nicht. Das liegt bei den Syrern.

    Es wäre besser, die UNO würde ein Mandat robuster Herstellung der Sicherheit übernehmen und rigoros durchsetzen, wenn Assad gegangen ist. Auch dann wird es nicht einfach. Aber im ehemaligen Jugoslawien sieht man, dass man eine tentative Ruhe erhalten kann selbst dort, wo man aus bürgerkriegsähnlichen Umständen kommt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sie schreiben: "Es braucht eine frei entworfene Verfassung und freie faire Wahlen." Und das lustige ist, es gab eine neue Verfassung und freie Wahlen finden derzeit statt. Das Ergebnis der Wahlen wird ein Ergebnis von 60-80% für die Partei von Assad ergeben bei einer mittleren Wahlbeteiligung. Die Rebellen werden das Wahlergebnis nicht anerkennen und weiter geht´s.

    Aber Sie haben Recht, in Syrien wird erst Ruhe einkehren, wenn Assad und die Assad-Anhänger gegangen wurden. Klar gesagt, wenn eine Minderheit vertrieben und/oder massakriert wurden.

    Wenn Assad Glück hat, werden die Rebellen massakriert und es wird nur ab und zu einen Bombenanschlag alle paar Monate geben.[...]

    Und das UNO-Mandat trifft sich gut, im Irak und Afghanistan werden Ressourcen frei.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

    sie schreiben: "Es braucht eine frei entworfene Verfassung und freie faire Wahlen." Und das lustige ist, es gab eine neue Verfassung und freie Wahlen finden derzeit statt. Das Ergebnis der Wahlen wird ein Ergebnis von 60-80% für die Partei von Assad ergeben bei einer mittleren Wahlbeteiligung. Die Rebellen werden das Wahlergebnis nicht anerkennen und weiter geht´s.

    Aber Sie haben Recht, in Syrien wird erst Ruhe einkehren, wenn Assad und die Assad-Anhänger gegangen wurden. Klar gesagt, wenn eine Minderheit vertrieben und/oder massakriert wurden.

    Wenn Assad Glück hat, werden die Rebellen massakriert und es wird nur ab und zu einen Bombenanschlag alle paar Monate geben.[...]

    Und das UNO-Mandat trifft sich gut, im Irak und Afghanistan werden Ressourcen frei.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

  1. sie schreiben: "Es braucht eine frei entworfene Verfassung und freie faire Wahlen." Und das lustige ist, es gab eine neue Verfassung und freie Wahlen finden derzeit statt. Das Ergebnis der Wahlen wird ein Ergebnis von 60-80% für die Partei von Assad ergeben bei einer mittleren Wahlbeteiligung. Die Rebellen werden das Wahlergebnis nicht anerkennen und weiter geht´s.

    Aber Sie haben Recht, in Syrien wird erst Ruhe einkehren, wenn Assad und die Assad-Anhänger gegangen wurden. Klar gesagt, wenn eine Minderheit vertrieben und/oder massakriert wurden.

    Wenn Assad Glück hat, werden die Rebellen massakriert und es wird nur ab und zu einen Bombenanschlag alle paar Monate geben.[...]

    Und das UNO-Mandat trifft sich gut, im Irak und Afghanistan werden Ressourcen frei.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 10.05.2012 um 8:59 Uhr

    ... Wahlen." Und das lustige ist, es gab eine neue Verfassung und freie Wahlen finden derzeit statt."

    Lustig bzw Tod traurig ist Ihre Reaktion. Sie demonstrieren ein völlig wirres Verständnis von Begriff, Bedeutung und Funktionsweise einer Verfassung. Das wäre in der hiesigen Bevölkerung nicht unüblich, wie man beim neuerlichen Versuch einer EU Verfassung sah. Das machte es aber nicht besser, sondern zeigte ein schwerwiegendes Problem der hiesigen Demokratie auf, das deren Funktion tatsächlich behindert und deren Existenz gefährdet.

    Gekürzt. Verzichten Sie bitte auf persönliche Anfeindungen. Die Redaktion/ds

    • joG
    • 10.05.2012 um 8:59 Uhr

    ... Wahlen." Und das lustige ist, es gab eine neue Verfassung und freie Wahlen finden derzeit statt."

    Lustig bzw Tod traurig ist Ihre Reaktion. Sie demonstrieren ein völlig wirres Verständnis von Begriff, Bedeutung und Funktionsweise einer Verfassung. Das wäre in der hiesigen Bevölkerung nicht unüblich, wie man beim neuerlichen Versuch einer EU Verfassung sah. Das machte es aber nicht besser, sondern zeigte ein schwerwiegendes Problem der hiesigen Demokratie auf, das deren Funktion tatsächlich behindert und deren Existenz gefährdet.

    Gekürzt. Verzichten Sie bitte auf persönliche Anfeindungen. Die Redaktion/ds

  2. kommt so was erst jetzt?
    solche interviews hätte ich vor 13 monaten lesen wollen.

    17 Leserempfehlungen
  3. Wie sind die syrischen Parlamentswahlen vom letzten Wochenende eigentlich ausgegangen? Warum schreibt die Zeit nichts darüber? Warum finde ich weder in Prînt- noch in Onlineausgaben der großen deutschen Zeitungen etwas über diese Wahlen?

    13 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • LaoLu
    • 09.05.2012 um 14:17 Uhr

    Warum?

    • zekrec
    • 09.05.2012 um 23:13 Uhr

    Die Wahl war nicht am Wochenende,sondern erst am Montag und die Wahllokale hatten bis 22:00h offen.

    Da es jetzt Unregelmäßigkeiten gegeben haben soll,werden teilweise die Wahlen wiederholt.

    Ansonsten hätte es schon heute Ergebnisse gegeben.

    • 1 2 3
    • 10.05.2012 um 10:03 Uhr

    Wahlen sind nur was für Regimetreue. *)

    http://www.faz.net/aktuel...

    Wir sehen wohin der Zug in den sog. EU "Hochdemokratien" fährt.

    • LaoLu
    • 09.05.2012 um 14:17 Uhr

    Warum?

    • zekrec
    • 09.05.2012 um 23:13 Uhr

    Die Wahl war nicht am Wochenende,sondern erst am Montag und die Wahllokale hatten bis 22:00h offen.

    Da es jetzt Unregelmäßigkeiten gegeben haben soll,werden teilweise die Wahlen wiederholt.

    Ansonsten hätte es schon heute Ergebnisse gegeben.

    • 1 2 3
    • 10.05.2012 um 10:03 Uhr

    Wahlen sind nur was für Regimetreue. *)

    http://www.faz.net/aktuel...

    Wir sehen wohin der Zug in den sog. EU "Hochdemokratien" fährt.

    • LaoLu
    • 09.05.2012 um 14:17 Uhr
    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wahlen?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hakufu
    • 09.05.2012 um 22:19 Uhr

    Nicht nur in den deutschen Medien gibt es keine Berichte.

    Auch bei Ria Novosti gibt es nichts.

    Also auch im Osten nichts neues. Irgendwie seltsam.

    • zekrec
    • 09.05.2012 um 23:13 Uhr

    Die Wahl war nicht am Wochenende,sondern erst am Montag und die Wahllokale hatten bis 22:00h offen.

    Da es jetzt Unregelmäßigkeiten gegeben haben soll,werden teilweise die Wahlen wiederholt.

    Ansonsten hätte es schon heute Ergebnisse gegeben.

    • hakufu
    • 09.05.2012 um 22:19 Uhr

    Nicht nur in den deutschen Medien gibt es keine Berichte.

    Auch bei Ria Novosti gibt es nichts.

    Also auch im Osten nichts neues. Irgendwie seltsam.

    • zekrec
    • 09.05.2012 um 23:13 Uhr

    Die Wahl war nicht am Wochenende,sondern erst am Montag und die Wahllokale hatten bis 22:00h offen.

    Da es jetzt Unregelmäßigkeiten gegeben haben soll,werden teilweise die Wahlen wiederholt.

    Ansonsten hätte es schon heute Ergebnisse gegeben.

  4. Ob Ribal al-Assad aufrichtig ist, kann ich nicht beurteilen. Seine Einschätzung jedoch erscheint mir "am dichtesten an der Wahrheit" von all dem, was wir in den letzten Monaten über Syrien lesen durften.

    Fazit: Scheuklappen ab und Augen auf. Das Problem in Syrien ist nicht Baschar. Sein Abtreten kann das Blutvergiessen und den Terror nicht stoppen. Es gäbe nur ein anderes Blutvergiessen, einen anderen Terror. Den der Muslimbruderschaft. Wer das größere Übel ist, darf jede(r) für sich entscheiden. Eine gewaltfreie Lösung gibt es nicht. Das ist die traurige, arabische Realität.

    6 Leserempfehlungen
  5. Demnach wäre Assad eigentlich ein armes Würstchen. Präsident wider Willen und von der Elite nur geduldet. Aber für alles verantwortlich, was in seinem Namen geschieht, ohne wirklich Einfluss darauf zu haben.

    Wenn es denn stimmt, was Ribal al-Assad so sagt

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service