ZEIT ONLINE: Herr Ramadan, warum sind islamistische Parteien wie die Muslimbrüder in den Ländern des Arabischen Frühlings so erfolgreich?

Tariq Ramadan: Manche dieser Parteien existieren schon lange wie zum Beispiel die Muslimbrüder in Ägypten und Ennahda in Tunesien . Sie waren schon immer in der Opposition und auch populär. Aber sie wurden unter den Diktaturen unterdrückt und ihre Mitglieder gefoltert. Fragwürdiger ist das Erstarken der Salafisten. Sie waren früher gegen die Demokratie und betrachteten sie als unislamisch. Dann plötzlich änderten sie ihre Meinung und nahmen an den Wahlen in Ägypten teil. Jetzt besetzen sie 24 Prozent der Sitze im Parlament. Auch in Tunesien sind sie stark. Die Situation ist schwierig in diesen Gesellschaften, wo die islamistischen Parteien und Strömungen sich gegenseitig bekämpfen.

ZEIT ONLINE: Es gibt im Westen – und nicht nur dort – eine gewisse Furcht vor diesen Parteien, die sich in ihren Grundsätzen auf die islamische Scharia berufen. Sind die Befürchtungen begründet?

Ramadan: Diese Furcht ist nichts Neues. Bei Erdoğan in der Türkei war das genauso. Man hatte Angst, dass er das Land islamisieren würde. Aber er hat gezeigt, dass es mit einer islamisch-orientierten Partei in der Regierung auch ganz anders gehen kann. Diese Furcht des Westens vor den Islamisten wird auch zum Teil von den säkularen Strömungen in den arabischen Ländern geteilt. Sie werfen den Islamisten vor, antidemokratisch und antiliberal zu sein. Aber in Ägypten, Tunesien, Marokko , Syrien oder sogar Libyen gibt es jetzt Islamisten, die nicht von einem islamischen Staat, sondern von einem zivilen Staat mit einem islamischen Bezug reden. Interessant in dieser Hinsicht ist eher, dass die Islamisten, zunächst in der Türkei und jetzt auch in Ägypten, sich dem Kapitalismus gegenüber offen zeigen. Das war nicht immer so. Die Ideologie der Muslimbrüder in Ägypten stand am Anfang eher der Befreiungstheologie nah.

ZEIT ONLINE: In Ihrem jüngst erschienen Buch, The Arab Awakening: Islam and the New Middle East , warnen Sie die arabischen Länder davor, die Türkei als Beispiel einer funktionierenden Demokratie in einem islamisch geprägten Staat zu nehmen. Warum?

Ramadan: Man kann von der Türkei vieles lernen. Man muss bedenken, dass die Türkei unter der Regierung der islamisch orientieren AKP einen stark liberalen Wirtschaftskurs eingeschlagen hat. Die Türkei versteht die neue Weltordnung ganz gut und bemüht sich, wirtschaftliche Beziehungen vor allem mit den Ländern des Südens aufzubauen, Afrika , Indien , China . Aber man kann die starke kapitalistische Ausrichtung der Türkei in Frage stellen.