ÄgyptenSinnlose Grundsatzdebatten in Kairo

Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan beklagt im Interview mangelnde politische Expertise bei Ägyptens Muslimbrüdern. Und er sagt: Die Türkei ist kein Vorbild.

ZEIT ONLINE: Herr Ramadan, warum sind islamistische Parteien wie die Muslimbrüder in den Ländern des Arabischen Frühlings so erfolgreich?

Tariq Ramadan: Manche dieser Parteien existieren schon lange wie zum Beispiel die Muslimbrüder in Ägypten und Ennahda in Tunesien. Sie waren schon immer in der Opposition und auch populär. Aber sie wurden unter den Diktaturen unterdrückt und ihre Mitglieder gefoltert. Fragwürdiger ist das Erstarken der Salafisten. Sie waren früher gegen die Demokratie und betrachteten sie als unislamisch. Dann plötzlich änderten sie ihre Meinung und nahmen an den Wahlen in Ägypten teil. Jetzt besetzen sie 24 Prozent der Sitze im Parlament. Auch in Tunesien sind sie stark. Die Situation ist schwierig in diesen Gesellschaften, wo die islamistischen Parteien und Strömungen sich gegenseitig bekämpfen.

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ZEIT ONLINE: Es gibt im Westen – und nicht nur dort – eine gewisse Furcht vor diesen Parteien, die sich in ihren Grundsätzen auf die islamische Scharia berufen. Sind die Befürchtungen begründet?

Tariq Ramadan
Tariq Ramadan

Tariq Ramadan, Jahrgang 1962, ist Professor für Contemporary Islamic Studies am St Antony’s College in Oxford. Er ist Schweizer Staatsbürger und gilt als einer der einflussreichsten Islamwissenschaftler der Gegenwart. Er sieht sich als Vordenker eines europäischen Islam, gleichwohl ist er nicht unumstritten. Ramadan stammt ursprünglich aus Ägypten. Sein Großvater Hassan Al-Banna hat die ägyptische Muslimbrüder-Bewegung begründet.

Ramadan: Diese Furcht ist nichts Neues. Bei Erdoğan in der Türkei war das genauso. Man hatte Angst, dass er das Land islamisieren würde. Aber er hat gezeigt, dass es mit einer islamisch-orientierten Partei in der Regierung auch ganz anders gehen kann. Diese Furcht des Westens vor den Islamisten wird auch zum Teil von den säkularen Strömungen in den arabischen Ländern geteilt. Sie werfen den Islamisten vor, antidemokratisch und antiliberal zu sein. Aber in Ägypten, Tunesien, Marokko, Syrien oder sogar Libyen gibt es jetzt Islamisten, die nicht von einem islamischen Staat, sondern von einem zivilen Staat mit einem islamischen Bezug reden. Interessant in dieser Hinsicht ist eher, dass die Islamisten, zunächst in der Türkei und jetzt auch in Ägypten, sich dem Kapitalismus gegenüber offen zeigen. Das war nicht immer so. Die Ideologie der Muslimbrüder in Ägypten stand am Anfang eher der Befreiungstheologie nah.

ZEIT ONLINE: In Ihrem jüngst erschienen Buch, The Arab Awakening: Islam and the New Middle East, warnen Sie die arabischen Länder davor, die Türkei als Beispiel einer funktionierenden Demokratie in einem islamisch geprägten Staat zu nehmen. Warum?

Ramadan: Man kann von der Türkei vieles lernen. Man muss bedenken, dass die Türkei unter der Regierung der islamisch orientieren AKP einen stark liberalen Wirtschaftskurs eingeschlagen hat. Die Türkei versteht die neue Weltordnung ganz gut und bemüht sich, wirtschaftliche Beziehungen vor allem mit den Ländern des Südens aufzubauen, Afrika, Indien, China. Aber man kann die starke kapitalistische Ausrichtung der Türkei in Frage stellen.


Leser-Kommentare
  1. 17. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Diffamierungen. Danke, die Redaktion/ls

  2. Schade, dass ich meinen Kommentar ausnahmsweise nicht kopiert hatte :-(.
    Nach den Kriterien der ZO-Redaktion müsste z.B. die Mehrheit der Kommentare zu Sarrazin sowie Eure eigenen Texte oft genug wegen Diffamierungen gesperrt werden, aber das merkt Ihr nicht - gell!
    Der Islam WAR und IST eine Welteroberungsideologie und jede Partei, die solche Inhalte wie sie im Koran stehen in ihrem Parteiprogramm führen würde, wäre sofort verboten - und zwar völlig zu Recht!!!
    Ein Vorschlag: Am Besten Ihr lasst im Kommentarforum nur noch Leute zu Wort kommen, die Eure Medien-Meinung vertreten. Und wenn Euch solche Meinungen, wie z.B. die meine nicht passen, dann sperrt doch einfach die Konten.
    Beschwert Euch und "heult" aber nicht, wenn es eines Tages vielleicht doch anders kommt als manche Träumer gerne hätten.
    Sollte es so kommen, wie ich in meinem zensierten Kommentar schrieb, dann werdet Ihr selbst einer religiös verbrämten Meinungsdiktatur unterworfen werden.
    Man kann nur hoffen, dass dieses Szenario verhindert wird, denn in so einem unfreien Land möchte ich nicht leben!

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