Im Streit um die Sparpolitik überschuldeter Euro-Staaten werden die Töne aus Griechenland schärfer: Der Chef der griechischen Radikallinken, Alexis Tsipras , will nach Angaben eines engen Mitarbeiters noch am heutigen Mittwoch in einem Brief an die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank das Sparprogramm Griechenlands für null und nichtig erklären.

Tsipras Ansicht nach habe "das griechische Volk bei den Wahlen vergangenen Sonntag" diese Annullierung beschlossen. Denn es habe "den Parteien, die das Stabilisierungsprogramm unterstützen, nicht die Mehrheit gegeben", sagte der Mitarbeiter im griechischen Fernsehen. Bei der Parlamentswahl hatten die regierenden Parteien Nea Demokratia und die sozialistische Pasok starke Verluste hinnehmen müssen.

Der Versuch der konservativen Nea Demokratia, eine Regierung zu bilden, ist bereits gescheitert . Seitdem hat Staatspräsident Karolos Papoulias den Linken-Chef mit einem erneuten Versuch beauftragt , weil dessen Bündnis zweitstärkste Kraft geworden ist.

Luxemburg droht mit Zahlungsstopp

Die bisherigen Koalitionsparteien äußerten sich entrüstet über Tsipras' Vorstoß. Er benehme sich, "als sei er schon Ministerpräsident", hieß es übereinstimmend aus Kreisen der Konservativen und Sozialisten. Dabei habe er nur knapp 17 Prozent der Stimmen und vom Staatspräsidenten derzeit nur ein Sondierungsmandat.

Ein erstes Euro-Mitglied drohte mit Zahlungsstopp, sofern die künftige Regierung des Landes nicht die mit den EU-Partnern vereinbarte Sparpolitik unterstütze. "Wir müssen jetzt hier aus Brüssel dem griechischen Volk sagen, dass es ernst ist", sagte Luxemburgs Außenminister Jean-Claude Asselborn auf einer Diskussionsveranstaltung. Kein Land der EU werde auch nur "einen Teil" der vereinbarten Hilfskredite zur Verfügung stellen, "wenn nicht eine Regierung am Werke ist, die die Regeln einhält".

Treffen am Abend

Wenn 80 Prozent der Griechen im Euro bleiben wollten, dann müssten sie auch die Parteien wählen, die diese Politik unterstützten, sagte Asselborn. "Andernfalls tut es mir unheimlich leid für Griechenland, für das griechische Volk, dann kommt der Punkt, wo Griechenland leider die Chance verspielt hat und das würde, glaube ich, dem Volk sehr, sehr weh tun."

Am Abend will sich Tsipras mit den Parteichefs der Sozialisten, Evangelos Venizelos, und der Konservativen, Antonis Samaras, treffen. Sollten diese Sondierungsgespräche scheitern, könnten die Sozialisten einen dritten Versuch der Regierungsbildung unternehmen.

Bis Mitte Mai muss Griechenland eine handlungsfähige Regierung haben. Sollten alle Gespräche scheitern, muss binnen 30 Tagen eine weitere Neuwahl stattfinden.

Finanzmarkt unter Druck

Tsipras' Ankündigung schürte am Finanzmarkt Befürchtungen, dass die Währungsunion den bisherigen Anti-Krisen-Kurs aufgibt. "So lange die politische Unsicherheit andauert, gilt der Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone in der derzeitigen Form als Risiko", mahnten Analysten von Bank of America Merrill Lynch . Die Furcht vor einem Scheitern der Regierungsbildung in Griechenland hatte zuvor schon die Wall Street belastet. Der Euro blieb unter Druck und fiel weiter.

Die Radikale Linke, eine antistalinistische Sammlungsbewegung, stellt 52 der 300 Parlamentsabgeordneten. Zusammen mit ihrer Schwesterpartei der Demokratischen Linken hat sie 71 Sitze. Für eine Mehrheit sind 151 Abgeordnete erforderlich.