DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat Politiker für ihre Forderungen nach einem Boykott oder einer Verlegung von Spielen der Fußball-Europameisterschaft im Mitgastgeberland Ukraine scharf kritisiert. "Dass da jetzt einige ihre Statements abgeben wie zu einem x-beliebigen Thema, hat nichts mehr mit Vernunft zu tun", sagte Niersbach.

Die Position des DFB sei unverändert. "Ein Boykott oder eine Verlegung der EM-Spiele macht keinen Sinn. Es wäre auch falsch, weil die ukrainische Bevölkerung dieses Turnier verdient hat und sich darauf freut."

Zuletzt waren zahlreiche Stimmen aus der Politik laut geworden, wegen des Umgangs der ukrainischen Regierung mit der inhaftierten früheren Ministerpräsidentin Julija Timoschenko EM-Partien in ein anderes Land zu verlegen oder das Turnier ganz zu boykottieren. Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch hat sich bisher geweigert, die seit Tagen in einem Hungerstreik befindliche Timoschenko freizulassen oder zur medizinischen Behandlung ihres Bandscheibenvorfalls ausreisen zu lassen. Die Ukraine ist gemeinsam mit Polen Gastgeber der Fußball-EM vom 8. Juni bis 1. Juli.

EM hat Umgang mit Timoschenko erst zum Thema gemacht

"Wenn es das Turnier in der Ukraine nicht geben würde, wäre die Diskussion um die Situation von Frau Timoschenko nicht so hochgekocht. Erst durch die EM wurde es fast weltweit zum Thema", sagte Niersbach. Allein durch die aufgekommene Diskussion sei "schon ein positiver Effekt eingetreten".

Der DFB könne als Sportverband die politische Lage in dem Land aber nicht beeinflussen. "Und wir können keine Verhandlungen führen." Das müsse die Politik leisten, sagte Niersbach.

Der außenpolitische Sprecher der CDU /CSU-Fraktion im Bundestag, Philipp Mißfelder , hat inzwischen eine Staatenklage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angeregt. Deutschland solle gemeinsam mit seinen EU-Partnern einen solchen Schritt prüfen, sagte Mißfelder. Sowohl der Prozess gegen Timoschenko, als auch ihre Behandlung in der Haft verletzten die Europäische Menschenrechtskonvention. 

Österreich boykottiert, Westerwelle droht

Die Mitglieder der österreichischen Regierung kündigten derweil an, die Europameisterschaft in der Ukraine komplett boykottieren zu wollen. Vizekanzler Michael Spindelegger von der konservativen Volkspartei sagte: "Das ist unser Zeichen der Solidarität mit Julija Timoschenko."

Österreich ist nicht bei der EM dabei. Das Team hatte in der Qualifikationsgruppe A (mit Deutschland) nur den 4. Platz geschafft.

Der sozialdemokratische Kanzler Werner Faymann sagte, der Boykott solle ein "sichtbares Signal" sein, dass Österreich die deutsche Haltung unterstütze. Kanzlerin Merkel erwägt nach Informationen des Nachrichtenmagazins Der Spiegel , die deutschen Spiele zu boykottieren , falls sich die Situation für die inhaftierte frühere ukrainische Regierungschefin nicht bessert.

Außenminister Guido Westerwelle ( FDP ) drohte Präsident Viktor Janukowitsch indirekt mit Konsequenzen für sein Land beim Streben nach einer EU-Mitgliedschaft. Einen möglichen Boykott durch die Bundesregierung ließ er aber offen. Westerwelle sagte der Bild -Zeitung: "Die ukrainische Regierung muss wissen: Der Weg nach Europa führt über eine Brücke, die auf zwei Pfeilern steht: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit."