Rechtsruck in Ungarn – so titelten europäische Medien im April 2010. Damals hatte die nationalkonservative Fidesz-Partei die Parlamentswahlen fulminant gewonnen . Sie kann sich seitdem auf eine bequeme Zweidrittel-Mehrheit in Parlament stützen und hat diese Macht weidlich genutzt, den ungarischen Rechtsstaat auszuhöhlen . Der wirkliche Rechtsruck aber steht Ungarn möglicherweise noch bevor. Denn angesichts der dramatischen Wirtschaftskrise schwindet die Popularität von Fidesz, und die politische Kraft, die davon profitiert, ist die rechtsradikale Jobbik-Partei. Ihr Name bedeutet die Besseren – oder auch die Rechteren.

Schon bei den Parlamentswahlen im Jahr 2010 gaben mehr als 16 Prozent der Wähler Jobbik die Stimme, nach neuen Umfragen käme die Partei nun auf 22 Prozent. Besonders bei den jungen Wählern können die Rechtsradikalen punkten: Bei den unter 37-Jährigen würde ihnen fast jeder Dritte die Stimme geben, wie aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Tárki hervorgeht. Die postkommunistische MSZP hat in dieser Altersgruppe nicht einmal halb so viele Sympathisanten.

"Dabei sind es in erster Linie nicht die Armen und schlecht Ausgebildeten, die Jobbik wählen", sagt Attila Juhász. Der 36-Jährige ist leitender Analyst beim Budapester Forschungsinstitut Political Capital und beschäftigt sich seit Jahren mit dem politischen Radikalismus. Seine Forschungen haben gezeigt, dass der durchschnittliche Jobbik-Wähler mehr verdient und gebildeter ist als Anhänger der Regierungspartei Fidesz: "15 Prozent haben studiert, weitere 41 Prozent haben Abitur", sagt Juhász.

Mehr als zehntausend Besucher beim Jobbik-Fest

Offensiv wirbt Jobbik um junge Wähler. So hat die Partei zum verlängerten Wochenende vor dem 1. Mai ein dreitägiges Festival auf einer Donauinsel in Budapest veranstaltet. Die kostenlosen Konzerte beliebter nationalistischer Rockbands haben dabei täglich mehr als zehntausend Menschen auf die Insel gelockt.

Auch der 19-jährige Ákos und der 21-jährige Péter waren da. Ákos ist ausgebildeter Tontechniker und will sich mit einem Internet-Shop selbstständig machen, Péter beginnt bald sein Studium als Landwirtschaftsingenieur. Ihnen imponiert vor allem, dass Jobbik ein härteres Vorgehen gegen Roma verspricht. "Die werden doch von der Regierung bevorzugt", sagt Péter.

Péter ist mit seinen Vorurteilen nicht allein. "Fast 80 Prozent der Jobbik-Anhänger sind laut einer Studie überzeugt, dass Kriminalität den Roma im Blut liege", sagt der Politikwissenschaftler Juhász. Und während in westeuropäischen Ländern höher gebildete Menschen weniger Vorurteile gegenüber Einwanderern oder Minderheiten hätten, nimmt in Ungarn die Roma-Feindlichkeit laut Juhász mit zunehmender Bildung nicht ab.

Dichtes Netz von Sympathisanten

Die Rechtsextremen locken junge Wähler aber nicht nur mit ihrem radikalen Positionen. Während die Zivilgesellschaft in Ungarn als unterentwickelt gilt, kann sich gerade Jobbik auf ein dichtes Netz von Sympathisanten und Initiativen verlassen. Es gibt zahlreiche rechtsextreme Nachrichtenportale, auf Facebook ist Jobbik die populärste ungarische Partei, die Lieder sogenannter nationaler Rockbands wie Kárpátia sind populär. 

Zwar ist die paramilitärische Magyar Gárda (Ungarische Garde), die vor den Wahlen 2010 durch Roma-Viertel marschierte, längst verboten. Doch es gibt mehrere Nachfolge-Organisationen, die als lose Verbände organisiert und deshalb schwieriger zu verfolgen sind. Auch auf dem Festival zum 1. Mai waren deren stiernackige, glatzköpfige Mitglieder präsent. Sogar Zusammenschlüsse rechtsextremer Motorradfahrer gibt es. Beim Jobbik-Festival am 1. Mai ließen sie Kinder kostenlos eine Runde auf dem Beifahrersitz drehen.