Chongqing in Südwestchina, die größte Stadt der Welt © OLLI GEIBEL/AFP/Getty Images

Die Globalisierung überfordert uns. Zuletzt hat uns die internationale Finanzmarktkrise die Grenzen nationaler Regulierungssysteme dramatisch deutlich gemacht. Es gelingt hier noch nicht einmal, eine handlungsfähige europäische Finanzmarktaufsicht zu schaffen. Die Euro-Krise bringt die Europäische Union nach über einem halben Jahrhundert gemeinsamer Kooperationserfahrung an die Grenzen der Belastbarkeit.

Auch die protektionistischen Stimmen werden lauter , die Welthandelsorganisation ( WTO ) macht seit über einer Dekade keine Fortschritte mehr. EU-Handelskommissar Mandelson warnte kürzlich, in der WTO sei es "fünf vor zwölf", ihr Generalsekretär Lamy meinte, es gebe noch keinen Grund zur Panik – drastischer geht es kaum. Für die globale Umweltpolitik sieht es nicht besser aus. Obwohl ein weltweiter Konsens über die Gefahren des Klimawandels und die enger werdenden Grenzen des Erdsystems besteht, treten die Klimaverhandlungen seit Jahren auf der Stelle und die Erwartungen an den Erdgipfel in Rio im Juni sinken.

Das nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene internationale System scheint den Anforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gewachsen zu sein. Statt globaler Kooperation machen sich eher nationale Egoismen, Verteilungskonflikte und Machtspiele in der Weltpolitik breit. Machiavelli und Thomas Hobbes scheinen sich gegen Kant durchzusetzen, der schon 1784 den Begriff der Weltbürgergesellschaft prägte. Bringt die Globalisierung erneut zu Tage, was die klassische ökonomische Theorie schon lange predigt? Dass Menschen nämlich egoistische Wesen sind, damit beschäftigt, ihre Eigeninteressen zu optimieren? Auch die realistische Schule der internationalen Beziehungen könnte sich bestätigt fühlen. Staaten gelten hier als Akteure, die in der anarchischen Welt des internationalen Systems ihre nationalen Interessen zu maximieren trachten. Scheitern die Menschen also an ihrer eigenen Natur?

Das Egoismus-Prinzip

Vor allem auf der eher konservativen Seite findet man dazu pessimistische Positionen. Der bekannte Publizist David Brooks schreibt 2007: "Der Informationsgehalt unserer Gene, die Beschaffenheit unserer Neuronen und die Lehre der Evolutionsbiologie – das alles lässt keinen Zweifel daran, dass die Natur von Konkurrenz und Interessenkonflikten bestimmt wird." Die russisch-amerikanische Schriftstellerin Ayn Rand verbreitet in ihren Romanen die gleiche Botschaft. Für moralische Verpflichtungen zwischen Menschen und für Kooperation hat sie nur Hohn und Spott übrig. Egoismus sei der Antrieb der Menschen. Neu ist diese Weltsicht nicht. Schon im 19. Jahrhundert beschrieb der britische Philosoph Herbert Spencer das Leben der Menschen und Staaten als nimmer endenden Kampf, in dem es um das "Überleben der Tüchtigsten" gehe.

In Zeiten allgegenwärtiger Kooperationsblockaden in der Weltpolitik erlebt diese Theorie einer per se konfliktiven Natur der Menschen und ihrer Institutionen eine Renaissance. Dem Stand der Forschung entspricht sie nicht. Der Evolutionsforscher Frans de Waal beispielsweise hat aufgezeigt, dass die Menschen vor allem Herdentiere und soziale Wesen sind. Der Grund hierfür liegt lange zurück: Als unsere Vorfahren einst die Wälder verließen und sich in eine offene und für sie gefährliche Welt begaben, wurden sie zur Beute und mussten zum Überleben eine Gemeinschaftsorientierung entwickeln.