Globalisierung : Wir können nur durch Kooperation überleben

Umweltzerstörung, Protektionismus, Euro-Krise: Sind wir alle nur nutzenmaximierende Egoisten? Was uns daran hindert, die Probleme der Globalisierung zu lösen
Chongqing in Südwestchina, die größte Stadt der Welt © OLLI GEIBEL/AFP/Getty Images

Die Globalisierung überfordert uns. Zuletzt hat uns die internationale Finanzmarktkrise die Grenzen nationaler Regulierungssysteme dramatisch deutlich gemacht. Es gelingt hier noch nicht einmal, eine handlungsfähige europäische Finanzmarktaufsicht zu schaffen. Die Euro-Krise bringt die Europäische Union nach über einem halben Jahrhundert gemeinsamer Kooperationserfahrung an die Grenzen der Belastbarkeit.

Die Autoren

Dirk Messner ist Direktor des  Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) und Co-Direktor des Käte-Hamburger-Kollegs "Politische Kulturen der Weltgesellschaft" an der Universität Duisburg-Essen. Alejandro Guarín ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am DIE. Silke Weinlich ist Leiterin der Forschungseinheit "The (im)possibility of cooperation" am Kolleg "Politische Kulturen der Weltgesellschaft".

Auch die protektionistischen Stimmen werden lauter , die Welthandelsorganisation ( WTO ) macht seit über einer Dekade keine Fortschritte mehr. EU-Handelskommissar Mandelson warnte kürzlich, in der WTO sei es "fünf vor zwölf", ihr Generalsekretär Lamy meinte, es gebe noch keinen Grund zur Panik – drastischer geht es kaum. Für die globale Umweltpolitik sieht es nicht besser aus. Obwohl ein weltweiter Konsens über die Gefahren des Klimawandels und die enger werdenden Grenzen des Erdsystems besteht, treten die Klimaverhandlungen seit Jahren auf der Stelle und die Erwartungen an den Erdgipfel in Rio im Juni sinken.

Das nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene internationale System scheint den Anforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gewachsen zu sein. Statt globaler Kooperation machen sich eher nationale Egoismen, Verteilungskonflikte und Machtspiele in der Weltpolitik breit. Machiavelli und Thomas Hobbes scheinen sich gegen Kant durchzusetzen, der schon 1784 den Begriff der Weltbürgergesellschaft prägte. Bringt die Globalisierung erneut zu Tage, was die klassische ökonomische Theorie schon lange predigt? Dass Menschen nämlich egoistische Wesen sind, damit beschäftigt, ihre Eigeninteressen zu optimieren? Auch die realistische Schule der internationalen Beziehungen könnte sich bestätigt fühlen. Staaten gelten hier als Akteure, die in der anarchischen Welt des internationalen Systems ihre nationalen Interessen zu maximieren trachten. Scheitern die Menschen also an ihrer eigenen Natur?

Das Egoismus-Prinzip

Vor allem auf der eher konservativen Seite findet man dazu pessimistische Positionen. Der bekannte Publizist David Brooks schreibt 2007: "Der Informationsgehalt unserer Gene, die Beschaffenheit unserer Neuronen und die Lehre der Evolutionsbiologie – das alles lässt keinen Zweifel daran, dass die Natur von Konkurrenz und Interessenkonflikten bestimmt wird." Die russisch-amerikanische Schriftstellerin Ayn Rand verbreitet in ihren Romanen die gleiche Botschaft. Für moralische Verpflichtungen zwischen Menschen und für Kooperation hat sie nur Hohn und Spott übrig. Egoismus sei der Antrieb der Menschen. Neu ist diese Weltsicht nicht. Schon im 19. Jahrhundert beschrieb der britische Philosoph Herbert Spencer das Leben der Menschen und Staaten als nimmer endenden Kampf, in dem es um das "Überleben der Tüchtigsten" gehe.

In Zeiten allgegenwärtiger Kooperationsblockaden in der Weltpolitik erlebt diese Theorie einer per se konfliktiven Natur der Menschen und ihrer Institutionen eine Renaissance. Dem Stand der Forschung entspricht sie nicht. Der Evolutionsforscher Frans de Waal beispielsweise hat aufgezeigt, dass die Menschen vor allem Herdentiere und soziale Wesen sind. Der Grund hierfür liegt lange zurück: Als unsere Vorfahren einst die Wälder verließen und sich in eine offene und für sie gefährliche Welt begaben, wurden sie zur Beute und mussten zum Überleben eine Gemeinschaftsorientierung entwickeln.

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Kommentare

108 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

Konservative Fehldiagnose

Die konservative und marktliberale Weltsicht, die davon ausgeht dass der Kampf naturgegeben ist, und man den anderen mit Misstrauen und Kontrolle begegnen muss, sind eine Self-fulfilling Prophecy. Sie schafft erst das Problem, bzw. ist selbst Ausdruck hinderlicher Denkweise.
Empathie, Kooperation und Respekt sind die Heilmittel. Sie sind eben nicht abgehobene Fantasien von Sozial-Romantikern, sondern Schlüssel-Kompetenzen, ohne deren Förderung die Menschheit als ganzes scheitern wird. Viel fehlt ja nicht mehr.
Das Leben selbst bringt solche Impulse auch immer wieder neu hervor. Der Grundgedanke von Kooperation steckt z.B. in den Ideen von OpenSource, die die Piraten beflügelt. Ohne jetzt sofort in die quälende Urheberrechts-Debatte einsteigen zu wollen. Deren Vehemenz übrigens Ausdruck ist von Angst, die daher rührt dass seit langem Solidarität und echter von gegenseitigem Respekt geprägter Bürgersinn, auf dem Rückzug sind. Das spürt eben jeder.
Es ist wirklich grotesk, aber die die behaupten zu wissen wie die Realität sei, nämlich gnadenloser Wettbewerb - der somit auch quasi durch die Natur legitimiert sei, übersehen ganz wichtige Aspekte der Realität. Das ist vielleicht eine Art spieltheoretisches Problem. Denn die die ohnehin weniger Empathie haben setzen sich, WENN die Gesellschaft das zulässt, stärker durch und prägen dadurch wieder überwiegend die Gesellschaft. Sie wollen es einfach so sehen weil es ihnen entspricht, und der Verstand folgt stets dem Gefühl.

Kooperation

So ist es, Kooperation ist ein Naturgut. Die Natur kooperiert, das eine schenkt dem anderen Leben. Aber wir glauben, das aus Sicht des Einzelnen zu betrachten. Wo können wir überleben, wo müssen wir andere besiegen-

Das archaische Steinzeitmentalität-

So zB Druckerpatronen. Konzerne erschweren dem Kunden das Nachfüllen, damit diese die Patronen von den Herstellern (teuer) kaufen. Die ganze Industrie ist darauf getrimmt, zu überleben, anstatt aufzugeben.

Ja, das ist genau der Punkt. Man müsste vieles aufgeben, statt dreissig Druckerhersteller, drei , und alle kooperieren und schaffen das beste Produkt, sowohl für den Kunden als auch für die Umwelt, und nicht mehr das beste Produkt für den Konzern.

Es gibt so viele Möglichkeiten, und der moderne Faschismus der Wirtschaft sagt aber durch Politiker ausgesprochen: NEIN, ihr sollt dumm bleiben, damit wir leben.

Es fängt also auch damit an, dass wir aufwachen und merken, was schief läuft. Noch regiert Angst die Wahl. Man hat so viele eingetrichterte Ängste, dass man keine Veränderung will, weil man glaubt, es wird immer schlimmer.

Das ist eine ziemliche Krankheit. Nur Krisen , die Heilungskrisen, können die Menschheit noch retten.

Genau

diesen Gedanken hatte ich als ich ein Stahlwerk im Saarland besichtigte.
Die Arbeiter durften niemals ihren Platz verlassen oder wechseln, damit sie kein Know-How an Andere weitergeben.
Ich dachte da nur wie weit wir sein könnten wenn alle Stahlproduzenten zusammen gearbeitet hätten. Hätten wir vielleicht schon transparenten Stahl?
Wenn wir alle Menschen so einsätzen würden das alle arbeiten, könnten wir alle Waren und Dienstleistungen für alle zugänglich machen und vielleicht nur noch 20 Stunden die Woche arbeiten. Den Rest könnten wir dann leben.
Aber solange es, wie einige meiner Kollegen, noch Menschen gibt die sich nur über Besitz definieren klapt das leider nicht.
Aber

Individuum vs System

Also diese Egoismus-Sicht hier ist doch obsolet. Nur weil die Theorie Luhmanns schwer zugänglich ist und für viele ein Buch mit sieben Siegeln bleibt, liefert sie dennoch eben die Antworten auf die sogennten Probleme der modernen Gesellschaft. Einfach Zeit nehmen und sie studieren.
Polykontexturale soziale Sinnzusammenhänge werde von hochkomplexen sozialen System produziert und betrieben. Ich benutze bewusst nicht dass Wort "gesteuert", denn Intervention ist nur sehr begrenzt möglich.....

Alles Gute

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