Am 12. Februar 2011, nur wenige Stunden, nachdem Hosni Mubarak zum Rücktritt gezwungen worden war, fragte mich meine Frau: "Wohin wird das alles führen?" Eine Minute hielt ich inne, Sorgen traten an die Stelle des Jubels. "Es wird viel davon abhängen, wie wir die grundlegenden Fragen angehen", erwiderte ich schließlich. Vor allem zwei Fragen verdienen die besondere Beachtung.

Erstens: welche Rolle spielt das Militär in Ägyptens neuer Machtstruktur? Zivile Kontrolle über das Militär ist kein Ziel der Demokratie, sie ist ihre Voraussetzung. Paradoxerweise gaben die ägyptischen Revolutionäre, nachdem sie den Tahrir-Platz wieder geräumt hatten, mehr Macht an dasselbe Militär ab, das schon die Basis jenes Regimes gewesen war, gegen das sie aufbegehrt hatten. An die Organisation also, die Ägypten seit dem Staatsstreich 1952 sechzig Jahre lang beherrscht hatte, auch wenn sie das Land nicht direkt regierte.

Die zweite Frage ist die nach der künftigen Rolle der Religion im öffentlichen Leben. Ägypter – Muslime wie Christen – gehören zu den gläubigsten Menschen der Welt, was die einzigartige – um nicht zu sagen: eigenartige – Stellung der Religion im öffentlichen Leben des Landes erklärt. Einerseits sind die Grundsätze der islamischen Scharia Hauptquelle aller Gesetze. Gleichzeitig waren religiöse Parteien immer verboten. In der Praxis sieht die Sache allerdings ganz anders aus.

Überhastete Verfassungsänderung

Die Muslimbruderschaft, Ägyptens mächtigste politische, religiöse und gesellschaftliche Organisation, wurde seit 1928 stets geduldet, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Ihre Partei für Freiheit und Gerechtigkeit und eine Reihe anderer religiöser Parteien wie die der Salafisten und Dschihadisten, die seit der Revolution alle zugelassen sind, hatten bei der ersten Parlamentswahl nach der Revolution sage und schreibe 75 Prozent gewonnen – obwohl sie den Test der Trennung zwischen Moschee und Staat ganz eindeutig nicht bestanden haben.

Doch statt sich dieser zwei lebenswichtigsten Fragen anzunehmen, wurden die Ägypter erst einmal zu einer Verfassungsänderung gedrängt. Eine Änderung, die eine gesicherte und erweiterte Rolle für das Militär und den Sicherheitsapparat – dem sogenannten tiefen Staat – vorsah und die eine schnelle Parlamentswahl ermöglichte, was den gut organisierten religiösen Gruppen besonders zugute kam. Neue liberale Kräfte fielen zurück, politische Regeln für die Übergangszeit wurden keine festgelegt.

Die Bestätigung der Verfassungsänderungen war nicht nur der Anfang vom Ende der Verheißung der ägyptischen Revolution, die damit bestenfalls in einen evolutionären Prozess abgewertet wurde, in dem die Jugend und die liberalen Kräfte, die die Revolution angeführt hatten, kaltgestellt wurden. Sie bildete auch – und das ist weitaus gefährlicher – das Ende der Vernunftehe zwischen dem Militär und den islamistischen Kräften, allen voran der Muslimbruderschaft.