Nach dem Urteil im Prozess gegen den früheren Machthaber Husni Mubarak haben in Ägypten Tausende Menschen gegen das ihrer Meinung nach zu milde Urteil protestiert. Der 84-Jährige war der Todesstrafe entgangen, muss aber wegen des Befehls zur Tötung von Demonstranten während des Volksaufstands Anfang 2011 lebenslang in Haft, ebenso wie sein früherer Innenminister Habib al-Adli. Vor allem empörte die Demonstranten, dass sechs führende Polizeioffiziere aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurden.

Nachdem ein Kairoer Gericht am Samstag die Urteile verlesen hatte, kam es vor dem Gebäude zu Jubelausbrüchen mit " Allahu Akbar "(Gott ist groß)-Rufen, Feuerwerk wurde gezündet. Danach schlug aber die Stimmung um. Auf dem zentralen Tahrir-Platz, Brennpunkt der Volkserhebung im vergangenen Jahr, versammelten sich rund 20.000 Menschen. Sie errichteten mit symbolischen Grabsteinen ein Mahnmal für die bei der Revolution 2011 getöteten Oppositionellen. Auch am Sonntag campierten noch mehrere Hundert Menschen auf dem Platz. Manchen Quellen zufolge waren es sogar mehrere Tausend.

Einige von ihnen forderten eine Hinrichtung Mubaraks, andere brachten ihre Besorgnis zum Ausdruck, dass der Ex-Präsident in einem Berufungsverfahren ganz freigesprochen werden könnte. Ein Mitarbeiter des Generalstaatsanwalts teilte mit, dem Freispruch für die Vertreter der Sicherheitskräfte sei widersprochen worden. Ob der frühere Machthaber plant, Einspruch gegen sein Urteil einzulegen, blieb indes unklar.

Mursi fordert die Todesstrafe

"Das Urteil ist nicht fair", sagte ein Demonstrant. "Der Tahrir wird sich wieder füllen." Für die kommenden Tage sind weitere Proteste geplant. Die größte Kundgebung werde am Freitag stattfinden, kündigten Aktivisten an. Die Demonstranten sehen die lebenslange Haftstrafe für Mubarak und seinen früheren Innenminister Habib al-Adli sowie die Freisprüche als einen Beleg für den anhaltenden Einfluss des früheren Regimes.

Ägypten befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Umbruch. Am 16. und 17. Juni wird in einer Stichwahl ein neuer Präsident gewählt. Neben dem letzten Ministerpräsident unter Mubarak, Ahmed Schafik , tritt der Vertreter der Muslimbrüder, Mohammed Mursi , an.

Mursi zeigte sich am Samstagabend unter den Demonstranten auf dem Tahrir. "Ich halte an der Todesstrafe fest", erklärte er. Für den Fall eines Wahlsiegs kündigte er an, die Verfahren gegen Mubarak und mit ihm angeklagte Polizeioffiziere neu aufrollen zu lassen. Er nannte das Urteil eine "Farce" und forderte einen weiteren Prozess mit ausreichend Beweisen. Die Behörden, welche die Beweise versteckten, müssten vor Gericht gestellt werden, verlangten die Muslimbrüder. Sie riefen zu Massenprotesten auf.

Randale in Schafiks Wahlkampfzentrale

Mursis Gegenkandidat in der Stichwahl , der frühere Luftfahrtminister Ahmed Schafik, forderte die Ägypter hingegen auf, den Richterspruch zu akzeptieren. Er widersprach Vorwürfen, er habe dabei geholfen, Beweise gegen Mubarak beiseitezuschaffen.

In der Oasenstadt Fajum randalierten Demonstranten im Wahlkampfbüro von Schafik. Sie zerstörten das Mobiliar und zündeten Flugblätter an. Viele sehen in Schafik einen Vertreter des alten Systems. Es war bereits das zweite Mal, dass eine Wahlkampfzentrale des 70-Jährigen attackiert wurde. Schafik hatte Mubarak jüngst als Vorbild bezeichnet.

"Wichtiger Schritt gegen Willkür"

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch meinte, das Urteil gegen Mubarak sei eine Botschaft an den künftigen Präsidenten Ägyptens, der nun wisse, dass auch er eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Bedauerlich sei dagegen der Freispruch für hochrangige Funktionäre des Innenministeriums. Dies könnte als Freibrief für weitere Menschenrechtsverletzungen verstanden werden.

Amnesty International betonte, Mubaraks Verurteilung sei "ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die seit Langem herrschende Willkür und Straflosigkeit in Ägypten", kritisierte aber ebenfalls die Freisprüche der hohen Polizeioffiziere.

Mubarak nahm das Urteil zunächst ruhig auf, erlitt später jedoch nach Angaben von Augenzeugen einen Schwächeanfall. Demnach brach der 84-Jährige zusammen, als er mit einem Hubschrauber zum Tora-Gefängnis geflogen wurde. Sein Gesundheitszustand soll sich plötzlich sehr verschlechtert haben, weshalb ihn die Ärzte nach der Landung an Bord des Helikopters versorgen mussten.