Ägypten Der Präsident gegen alle

Ägyptens Staatsoberhaupt Mursi steht vor massiven innenpolitischen Problemen. Auch daher versucht er sich gegenüber Israel zu profilieren, analysiert M. Gehlen, Kairo

Der offiziell beglaubigte Sieg von Mohammed Mursi ist ein Schritt von hoher Symbolkraft, er hat aber zunächst einmal nur das totale Chaos in Ägypten abgewendet. Sieben Tage hatte der Nervenkrieg gedauert. Dann erst war der Oberste Militärrat von seinem Vorhaben abgerückt, nach alter Mubarak-Manier und mit alten Mubarak-Seilschaften den eigenen Favoriten, Ex-General Ahmed Schafik, auf den Präsidentensessel zu hieven. Am Ende schien der Armeeführung das Risiko anhaltender Unruhen offenbar zu groß. Zu durchsichtig wären auch die dafür notwendigen Fälschungen großen Stils gewesen – angesichts der im Internet komplett abrufbaren Wahlergebnisse aus allen Winkeln des Landes.

So wird mit dem 60-jährigen promovierten Ingenieur erstmals ein Muslimbruder ägyptischer Präsident, ein Zivilist, dessen militärische Erfahrung sich auf den einfachen Wehrdienst beschränkt. Gleichzeitig behält die Armee die meisten Fäden in der Hand. So stehen dem Land am Nil jetzt viele Monate eines hässlichen politischen Abnutzungskampfes bevor. Niemand weiß, ob Polizei und Sicherheitsdienste dem neuen Präsidenten überhaupt gehorchen. Die Armee hat sich zuvor bereits per Dekret seinem Oberbefehl entzogen.

Anzeige

Es gibt noch andere Probleme von politischer Sprengkraft. Im Haushalt klaffen Milliardenlöcher. Der Etat-Entwurf, den das Übergangskabinett hinterlässt, sieht drastische Kürzungen der Benzinsubventionen vor, ein Einschnitt, an dem sich schwere Revolten entzünden könnten. Ägyptische Staatsanleihen müssen mittlerweile mit mehr als 15 Prozent verzinst werden. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis dem Land ganz das Geld ausgeht.

So wundert es nicht, dass Mursi gleich zu Anfang versucht, wenigstens in der Außenpolitik Profil zu zeigen und neue Pflöcke einzuschlagen. Die seit der Islamischen Revolution 1979 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zum Iran will er normalisieren und ausbauen. Ägypten und der Iran, die beiden bevölkerungsreichsten Nationen des Nahen Ostens, unterhalten seit den Achtziger Jahren keine diplomatischen Beziehungen mehr. Anlass für das Zerwürfnis war zum einen der Friedensvertrag mit Israel von Camp David 1979, zum anderen die Entscheidung des Stadtrates von Teheran, eine Straße nach dem Attentäter zu benennen, der den ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat ermordete. Von einer Annäherung an Teheran verspricht sich Mursi engere Wirtschaftsbeziehungen.

Rauerer Ton gegenüber Israel

Der neue ägyptische Präsident will aber auch den Camp-David-Friedensvertrag einer Revision unterziehen. Das könnte der Vorläufer eines neuen, deutlich raueren, Tons gegenüber Israel sein. Aversionen gegen den jüdischen Nachbarstaat sind in der ägyptischen Bevölkerung weit verbreitet.  Zudem hat die im Gazastreifen regierende Hamas die gleichen islamitisch-ideologischen Wurzeln wie die ägyptische Muslimbruderschaft. Allerdings könnte Saudi-Arabien, das sich als strategischer Gegenspieler des Iran versteht, sein kürzlich zugesagtes 4,5 Milliarden Dollar schweres Hilfspaket für Ägypten nutzen, um Mursis Pläne zu torpedieren.

Leser-Kommentare
  1. er wird Zeichen in der Region setzen. Vor allem die Annäherung an den Iran dürfte vielen in der Welt nicht gefallen.
    Gemeinsam könnten sie eine Gefahr für Israel darstellen und NATO und auch Israel zu vorschnellen Handlungen treiben.

    Und zwischen beiden ist das "Pulverfass" Syrien.

    Ein Flächenbrand in dieser Region würde auch uns die Hitze spüren lassen.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ägypten wird sich nie und nimmer dem Iran annähern - als schiitischer Staat ist der Iran dazu verdammt als Pariastaat in seinem sunnitischen Umfeld mit Skepsis und Mißtrauen beäugt zu werden. Sogar die Hamas hat zwar die iranische Hilfe dankend angenommen, hat aber nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Iraner gemacht. Letztendlich dürfte aber die iranische Hilfe für den syrischen Schlächter Assad, die sunnitischen Sympathien nicht gefördert haben.

    Ägypten wird sich nie und nimmer dem Iran annähern - als schiitischer Staat ist der Iran dazu verdammt als Pariastaat in seinem sunnitischen Umfeld mit Skepsis und Mißtrauen beäugt zu werden. Sogar die Hamas hat zwar die iranische Hilfe dankend angenommen, hat aber nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Iraner gemacht. Letztendlich dürfte aber die iranische Hilfe für den syrischen Schlächter Assad, die sunnitischen Sympathien nicht gefördert haben.

  2. Kaum richtig im Amt wird er vom Westen schon kritisiert.
    Passt den USA wohl nicht in den Plan.
    Wie General Clark schon 2007 die Pläne veröffentichte:
    Folgende Staaten sind zu erobern:
    Irak,Afganistan,Libyen,Iran ,Syrien und das aus witschaftlichen Gründen,nicht der Menscherechte wegen,wie er sagt:

    "Wesley Clark ( US 4 Star General ) US will attack 7 countries in 5 years"

    Das ist keine ehrliche Politik.

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Na ja, jetzt übertreiben Sie mal nicht. Ich bin auch der Westen, und ich kritisiere Herrn Mursi nicht. Übrigens, es wird Ihnen nicht entgangen sein, auch die Kommentatorenschaft dieser Webseite hat es in den vergangenen Monaten nicht an absoluter Zustiummung zur Politik der Muslimbrüder mangeln lassen - und hat mit Ihnen die USA kritisiert. Der Westen, das sind wir alle - die einen kritisieren, die anderen lieben Mursi.

    Wer ist Wesley Clark? Unter den Bewerbern zur Präsidentschaft war er nicht aufgetaucht. Wenn interessiert, was irgendein ein Amerikaner vor 5 Jahren geplappert hat? Er wird sich hüten, 5 Kriege zu beginnen.

    Die USA hat Mursi zum Wahlsieg gratuliert und erklärt, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit mit ihm freue. Das passt ihrem Antiamerikanismus wohl nicht in den Plan.

    Na ja, jetzt übertreiben Sie mal nicht. Ich bin auch der Westen, und ich kritisiere Herrn Mursi nicht. Übrigens, es wird Ihnen nicht entgangen sein, auch die Kommentatorenschaft dieser Webseite hat es in den vergangenen Monaten nicht an absoluter Zustiummung zur Politik der Muslimbrüder mangeln lassen - und hat mit Ihnen die USA kritisiert. Der Westen, das sind wir alle - die einen kritisieren, die anderen lieben Mursi.

    Wer ist Wesley Clark? Unter den Bewerbern zur Präsidentschaft war er nicht aufgetaucht. Wenn interessiert, was irgendein ein Amerikaner vor 5 Jahren geplappert hat? Er wird sich hüten, 5 Kriege zu beginnen.

    Die USA hat Mursi zum Wahlsieg gratuliert und erklärt, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit mit ihm freue. Das passt ihrem Antiamerikanismus wohl nicht in den Plan.

    • ThorHa
    • 25.06.2012 um 21:12 Uhr
    3. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Find ich auch gut, ein neuer Vernichtungsfeldzug mit der Parole "keine Gnade" ist genau das, was wir brauchen.

    Wie kommen Sie eigentlich dazu, dass Sie, nachdem die Ägypter das erste mal einen frei gewählten Präsidenten haben, gleich mal der ägyptischen Armee die Vernichtung durch die Israelis wünschen und sich auch noch anmaßen, zu wissen, dass die Ägypter es besonders schlimm mit Mursi erwischt hätten? Liegt wohl daran, weil Mursi kein Speichellecker der USA zu werden gedenkt. In der Tat, schlimm für das ägyptische Volk. Auch, dass er sich erdreistet, unter Mubarak geschlossene Verträge zu hinterfragen, so als ob er der frei gewählte Präsident eines souveränen Volkes wä... hoppla....

    Find ich auch gut, ein neuer Vernichtungsfeldzug mit der Parole "keine Gnade" ist genau das, was wir brauchen.

    Wie kommen Sie eigentlich dazu, dass Sie, nachdem die Ägypter das erste mal einen frei gewählten Präsidenten haben, gleich mal der ägyptischen Armee die Vernichtung durch die Israelis wünschen und sich auch noch anmaßen, zu wissen, dass die Ägypter es besonders schlimm mit Mursi erwischt hätten? Liegt wohl daran, weil Mursi kein Speichellecker der USA zu werden gedenkt. In der Tat, schlimm für das ägyptische Volk. Auch, dass er sich erdreistet, unter Mubarak geschlossene Verträge zu hinterfragen, so als ob er der frei gewählte Präsident eines souveränen Volkes wä... hoppla....

  3. Na ja, jetzt übertreiben Sie mal nicht. Ich bin auch der Westen, und ich kritisiere Herrn Mursi nicht. Übrigens, es wird Ihnen nicht entgangen sein, auch die Kommentatorenschaft dieser Webseite hat es in den vergangenen Monaten nicht an absoluter Zustiummung zur Politik der Muslimbrüder mangeln lassen - und hat mit Ihnen die USA kritisiert. Der Westen, das sind wir alle - die einen kritisieren, die anderen lieben Mursi.

    Wer ist Wesley Clark? Unter den Bewerbern zur Präsidentschaft war er nicht aufgetaucht. Wenn interessiert, was irgendein ein Amerikaner vor 5 Jahren geplappert hat? Er wird sich hüten, 5 Kriege zu beginnen.

  4. Der neue ägyptische Präsident will aber auch den Camp-David-Friedensvertrag einer Revision unterziehen."

    Diese ist eine falsche Behauptung, die die ZEIT von einem iranischen Nachrichtenagentur her hat. Farsnews ist aber eine Propagandamaschine der iranische Paramilitärs. Hier aus meinem Blog:

    IRNA (Islamic Republic News Agency) dementiert das Ganze. Es gab gar kein Interview zwischen dem neuen ägyptischen Präsidenten und Fars News.

    Kann man die ZEIT vorwerfen, nicht professionell gehandelt zu haben? Ja. In der Tat hat Fars schon längst den Ruf, Nachrichten zu verfälschen. Das sollte die ZEIT auch wissen, spätestens nach dem sie bereits ähnliche Fehler gemacht haben.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Find ich auch gut, ein neuer Vernichtungsfeldzug mit der Parole "keine Gnade" ist genau das, was wir brauchen.

    Wie kommen Sie eigentlich dazu, dass Sie, nachdem die Ägypter das erste mal einen frei gewählten Präsidenten haben, gleich mal der ägyptischen Armee die Vernichtung durch die Israelis wünschen und sich auch noch anmaßen, zu wissen, dass die Ägypter es besonders schlimm mit Mursi erwischt hätten? Liegt wohl daran, weil Mursi kein Speichellecker der USA zu werden gedenkt. In der Tat, schlimm für das ägyptische Volk. Auch, dass er sich erdreistet, unter Mubarak geschlossene Verträge zu hinterfragen, so als ob er der frei gewählte Präsident eines souveränen Volkes wä... hoppla....

    Antwort auf "[...]"
  6. 7. Falsch

    Die USA hat Mursi zum Wahlsieg gratuliert und erklärt, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit mit ihm freue. Das passt ihrem Antiamerikanismus wohl nicht in den Plan.

  7. Ägypten wird sich nie und nimmer dem Iran annähern - als schiitischer Staat ist der Iran dazu verdammt als Pariastaat in seinem sunnitischen Umfeld mit Skepsis und Mißtrauen beäugt zu werden. Sogar die Hamas hat zwar die iranische Hilfe dankend angenommen, hat aber nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Iraner gemacht. Letztendlich dürfte aber die iranische Hilfe für den syrischen Schlächter Assad, die sunnitischen Sympathien nicht gefördert haben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service