Ägypten : Die Sehnsucht nach einem starken Mann

Bei der Stichwahl in Ägypten tritt ein früherer General gegen einen Muslimbruder an. Der erste verspricht Ruhe, der zweite, die Erfolge der Revolution zu retten.
Ein Wahllokal in Kairo © PATRICK BAZ/AFP/GettyImages

Nicht viele haben sich am Samstag vor der Gamal Abdel Nasser Grundschule im Kairoer Stadtteil Dokki zur Wahl eingefunden – kein Vergleich zu den erwartungsfrohen Schlangen beim ersten Wahlgang vor knapp vier Wochen. Doch Ägypten ist mittlerweile ein anderes Land.

Die Entscheidung des Verfassungsgerichts , das erst vor sechs Monaten frisch gewählte Parlament aufzulösen, hat alles auf den Kopf gestellt. Mit dem juristischen Paukenschlag sind die demokratischen Uhren am Nil faktisch wieder auf Januar 2011 zurückgestellt , als das Volk mit seinen Massendemonstrationen Langzeit-Pharao Hosni Mubarak zu Fall brachte.

"Ich bin froh, dass das Parlament aufgelöst ist." Wessam Galaly klimpert mit seinem Autoschlüssel, ungeduldig wartet seine vierjährige Tochter Malka, dass es zurück nach Hause geht. Gewählt hat er Ahmed Shafik, den früheren General und letzten Premierminister unter Hosni Mubarak. "Ich habe meine Bedenken, aber bei ihm weiß ich wenigstens so ungefähr, woran ich bin", sagt der Ingenieur, der in Hurghada für einen großen Konzern Ferienapartments baut.

"Shafiq hat eine Vision, er kann das Land zurück auf die Beine bringen. Bei Mohamed Mursi dagegen ist mir das völlig unklar." Shafiq sei ohne Zweifel ein Mann, der dem alten Regime nahesteht, räumt Wessam Galaly ein. "Heute aber machen die Leute den Mund auf, sie lassen sich nichts mehr gefallen. Die Rückkehr zu einem Ägypten wie unter Mubarak, die wird es nie wieder geben."

Ergebnis am Montag

52 Millionen Ägypter sind an diesem Wochenende ausgerufen, per Stichwahl den ersten demokratischen Präsidenten ihres Landes zu bestimmen. Zwei Tage lang haben die 13.000 Wahllokale geöffnet, das Ergebnis wird wohl am Montag vorliegen. Abgesehen von einigen Rangeleien und Wortgefechten kam es zunächst zu keinen größeren Zwischenfällen.

Vor vier Wochen hatte die Wahlbeteiligung noch bei 43,4 Prozent gelegen, diesmal dürfte sie deutlich niedriger ausfallen, auch weil viele politische Gruppen zum Boykott aufgerufen haben. Damals kamen die beiden Finalisten, Mohamed Mursi und Ahmed Shafiq, auf 24,7 beziehungsweise 23,6 Prozent der Stimmen.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Kein Zurück...

^^ Shafiq sei ohne Zweifel ein Mann, der dem alten Regime nahe steht, räumt Wessam Galaly ein. "Heute aber machen die Leute den Mund auf, sie lassen sich nichts mehr gefallen. Die Rückkehr zu einem Ägypten wie unter Mubarak, die wird es nie wieder geben." ^^

Och, das geht solange gut, bis die alten Eliten wieder in allen Ebenen ihre Macht restauriert haben.
Sofern die Massenmedien (wem gehören die - den alten Systemprofiteuren und Oligarchen?) auf deren Seite sind, kann Ägypten ruhig ganz offiziell eine "Demokratie" sein, mit "freien Wahlen" wie das auch bei uns üblich ist.

Die Machtmittel einer Diktatur, Terror und Drohung, werden dann denen der modernen Demokratie weichen, Suggestion und Propaganda.

Ganz relativ gesehen mag das ein großer Sprung nach vorne sein; ihre Freiheit im wahrsten Wortsinn haben die Ägypter damit aber noch nicht errungen.
Sie haben zur Zeit nur andere Herrscher, nicht ganz so offen brutal.

wenn das Volk

merkt das es mehr und mehr für sich selbst inklusive Gesundheit und Ernährung und Miete etc. aufkommen muß und es keine staatlichen Hilfen mehr geben wird könnte die große dann zu erlebende Armut den nächsten Revolutionsschub auslösen der dann nicht nach Demokratie sondern nach sozialer Sicherheit ruft.Wer die dann verspricht ist bei den dann nächsten Wahlen klar im Vorteil.

" Nach der Bürger-Randale "

^^ " "Angies" mit tränenfeuchten Augen verkündete Botschaft, dass in Ägypten nach der Bürger-Randale "die Demokratie gesiegt habe", hat sich schnellstmöglich als eine Fehleinschätzung mehr erwiesen!" ^^

Bedenken Sie, dass nach der "Bürger-Randale" 1989 in der DDR auch nicht Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herauskam, sondern Kapitalismus mit Anscheinsdemokratie.
Oder mit Boley gesprochen:
Sie wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.

Allerdings nicht, weil die "Randalierer" versagt hätten, sondern weil jene die es in der Regel vorziehen, bei politischen Unruhen zu Hause zu bleiben, NACH dem Sturz des alten System, sich von den erstbesten Scharlaten haben blenden lassen die ihnen das Paradies versprachen ohne das sie selbst dafür etwas tun müssten.

Die "randalierende" Avantgarde kann Regime stürzen, aber alleine keine neue Gesellschaftsordnung aufbauen.
Wenn die Masse aus Lethargie und geistiger Unbeweglichkeit ihnen die Mithilfe verweigert und sich der einfachheit halber, an die "bewährte" Ordnung klammert, folgt die Konterrevolution und die Opfer der Avantgarde waren umsonst.

Demokratie funktioniert dann, wenn die ganze Gesellschaft demokratisiert ist.
Eine Ordnung in der Wirtschaft und Medien einigen wenigen gehören, wird immer eine Oligarchie bleiben, auch wenn Demokratie drauf steht und die Vertreter dessen gewählt werden dürfen.