Nicht viele haben sich am Samstag vor der Gamal Abdel Nasser Grundschule im Kairoer Stadtteil Dokki zur Wahl eingefunden – kein Vergleich zu den erwartungsfrohen Schlangen beim ersten Wahlgang vor knapp vier Wochen. Doch Ägypten ist mittlerweile ein anderes Land.

Die Entscheidung des Verfassungsgerichts , das erst vor sechs Monaten frisch gewählte Parlament aufzulösen, hat alles auf den Kopf gestellt. Mit dem juristischen Paukenschlag sind die demokratischen Uhren am Nil faktisch wieder auf Januar 2011 zurückgestellt , als das Volk mit seinen Massendemonstrationen Langzeit-Pharao Hosni Mubarak zu Fall brachte.

"Ich bin froh, dass das Parlament aufgelöst ist." Wessam Galaly klimpert mit seinem Autoschlüssel, ungeduldig wartet seine vierjährige Tochter Malka, dass es zurück nach Hause geht. Gewählt hat er Ahmed Shafik, den früheren General und letzten Premierminister unter Hosni Mubarak. "Ich habe meine Bedenken, aber bei ihm weiß ich wenigstens so ungefähr, woran ich bin", sagt der Ingenieur, der in Hurghada für einen großen Konzern Ferienapartments baut.

"Shafiq hat eine Vision, er kann das Land zurück auf die Beine bringen. Bei Mohamed Mursi dagegen ist mir das völlig unklar." Shafiq sei ohne Zweifel ein Mann, der dem alten Regime nahesteht, räumt Wessam Galaly ein. "Heute aber machen die Leute den Mund auf, sie lassen sich nichts mehr gefallen. Die Rückkehr zu einem Ägypten wie unter Mubarak, die wird es nie wieder geben."

Ergebnis am Montag

52 Millionen Ägypter sind an diesem Wochenende ausgerufen, per Stichwahl den ersten demokratischen Präsidenten ihres Landes zu bestimmen. Zwei Tage lang haben die 13.000 Wahllokale geöffnet, das Ergebnis wird wohl am Montag vorliegen. Abgesehen von einigen Rangeleien und Wortgefechten kam es zunächst zu keinen größeren Zwischenfällen.

Vor vier Wochen hatte die Wahlbeteiligung noch bei 43,4 Prozent gelegen, diesmal dürfte sie deutlich niedriger ausfallen, auch weil viele politische Gruppen zum Boykott aufgerufen haben. Damals kamen die beiden Finalisten, Mohamed Mursi und Ahmed Shafiq, auf 24,7 beziehungsweise 23,6 Prozent der Stimmen.

 

Im Wahlkampf präsentierte sich der frühere General und langjährige Mubarak-Freund Shafiq als Garant von Sicherheit und Ordnung, als Bollwerk gegen den Islamismus und als ein Mann, der Dinge geregelt bekommt. "Ich stehe für einen modernen, säkularen und zivilen Staat", warb der 70-Jährige für sich, eine Botschaft, die bei säkularen Wählern und koptischen Christen gut ankommt. Denn immer mehr haben die Nase voll von den endlosen Demonstrationen und Streiks, wollen Taten sehen gegen die wuchernde Kriminalität und den Verfall der Wirtschaft.

Angst vor islamistischem Staat

Muslimbruder Mursi dagegen empfahl sich als Schutzpatron der Revolution, der gegen die Rückkehr des alten Regimes kämpft . Zuletzt versuchte er vor allem, die Ängste der Frauen und der koptischen Minderheit vor einem Marsch in den islamistischen Staat zu zerstreuen. Seine Präsidentschaft werde basieren auf dem Islam, erklärte der promovierte Bauingenieur. Gleichzeitig aber wolle er alle Kräfte der Gesellschaft mit einbeziehen und die individuellen Freiheitsrechte der Menschen garantieren.

Im Armenviertel Dar al-Salaam jedenfalls sind viele Bewohner auf Mursis Seite, auch wenn sie zugeben, dass bei der Arbeit des Parlaments bisher nicht viel herausgekommen ist. "Es geht nicht um die Islamisten, es geht um neue Gesichter und um den Neubeginn, den wir uns mit unserer Revolution erkämpft haben", sagt Ahmed Ramadan, der in der Ahmed Oraby Grundschule seine Stimme abgab.

Amin Azer wollte diesmal eigentlich zu Hause bleiben, doch die Auflösung des Parlaments hat ihn aufgerüttelt. "Ich habe Mursi und die Revolution gewählt", sagt er. "Sollte aber Shafiq gewinnen, werden wir alle wieder auf die Straße gehen."