Europäische IntegrationDem Balkan fehlt der Optimismus

Soziale Probleme fördern in Südosteuropa Nationalismus, alte Konflikte schwelen weiter. Die europäische Integration bleibt der beste Weg für den Balkan. von Frank Stier

Nicht jedes Gespräch über Außenpolitik in diesen Tagen könne zwangsläufig eines über die Euro-Krise sein – mit dieser Einschätzung eröffnete Bulgariens Außenminister Nikolai Mladenow am Wochenende das Sofia Forum for the Balkans . Sei die europäische Integration des Balkans auch durch die Griechenlandkrise aus den Schlagzeilen verdrängt worden, so müsse sie zurück auf die politische Tagesordnung der EU , sagte er. Besonderes Gewicht erhielt diese Forderung durch einen Zwischenruf aus dem Publikum: "Die Diskussion erinnert mich an eine Veranstaltung in Skopje vor gut zehn Jahren", rief ein Mann. "Damals wurde auf dem Podium der demokratische Übergang debattiert, doch dann kam einer reingestürmt und schrie: 'Was redet ihr hier herum, ein paar hundert Meter die Straße runter wird geschossen.'"

Die historische Anekdote taugt auch heute zur Veranschaulichung der konfliktbeladenen Situation in Südosteuropa . Zuletzt wurden Anfang Juni zwei Bundeswehrsoldaten der Kfor-Truppe im Kosovo von Serben angeschossen. "Bis jetzt gibt es dazu aus Belgrad keinerlei Stellungnahme", kritisierte Nikolaus Graf Lambsdorff, der Beauftragte der Bundesregierung für die Region. Auch viele kleinere Probleme würden einfach nicht angegangen. "Wenn ich in Kosovo bin, befasse ich mich vor allem mit technischen Problemen wie Telekommunikation und Stromversorgung. Das sind Dinge, die an einem Nachmittag zu erledigen wären, wenn es den politischen Willen dazu gäbe, der offensichtlich fehlt", sagte Lambsdorff.

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Es war im Juni 2003, dass der EU-Gipfel von Thessaloniki den sogenannten West-Balkanländern Albanien , Bosnien-Herzegowina , Kroatien , Mazedonien , Serbien und Montenegro die Perspektive einer EU-Mitgliedschaft in Aussicht stellte. "Wir alle teilen die Werte der Demokratie, der Herrschaft des Rechts, der Achtung der Menschen- und Minderheitenrechte, der Solidarität und der Marktwirtschaft", hieß es damals in der Abschlusserklärung. Am Rande des Gipfels wurde das Wirtschaftspotenzial Griechenlands noch mit der Reklameformel "der entfesselte Prometheus" beworben, erzählte man sich bei der Konferenz in Sofia. Eine knappe Dekade später steht Griechenland als heikelste Problembaustelle der EU symptomatisch für die Schreckensvision eines möglichen Scheiterns des Projektes Europäische Union.

Doch heute haben die Werte der Demokratie und Toleranz in allen Balkanländern einen schweren Stand, auch in den jüngsten EU-Mitgliederstaaten Bulgarien und Rumänien . Schwierige soziale Verhältnisse in der Folge der globalen Wirtschaftskrise bieten einen fruchtbaren Nährboden für Nationalismus und Euro-Skepsis. "Das größte Defizit auf dem Balkan ist das Defizit an Optimismus", sagte der Soziologe Ivan Krastev vom Zentrum für liberale Strategien, Mitveranstalter des Forums. Immerhin zwei Drittel der Kroaten seien aber für den EU-Beitritt ihres Landes im Juli 2013, sagte Kroatiens Außenministerin Vesna Pusić. "Enthusiasmus über unseren Beitritt fehlt bei uns Kroaten aber inzwischen ebenso wie bei den EU-Mitgliedern", gestand sie ein.

Böse Worte aus Serbien und ein Streit um Mazedoniens Namen

Anlass zu neuer Beunruhigung gab Serbiens neu gewählter Staatspräsident Tomislav Nikolić mit seinen Äußerungen, wonach das kroatische Vukovar eine "serbische Stadt" sei und es einen Völkermord in Srebrenica nicht gegeben habe. Als einziger Amtskollege eines Nachbarstaats wollte deshalb der montenegrinische Staatspräsident Filip Vujanović seiner Amtsvereidigung am Montag beiwohnen. Die kroatische Außenministerin schrieb die Äußerungen dem noch ausklingenden Wahlkampf zu, nannte sie aber zugleich inakzeptabel. "Künftig werden wir den serbischen Präsidenten an seinen Taten messen", sagte Pusić.

Der bulgarische Ministerpräsident Boiko Borissow fiel als Gastgeber auf dem Konferenzpodium nur mit einem wenig inspirierten Grußwort auf. Erst ein mazedonischer Journalist konnte ihn am Rande der Gespräche aus der Reserve locken: "Warum mischen Sie sich ein in den griechisch-mazedonischen Namenstreit ?", fragte er Borissow in der Lobby. In einem Interview hatte der zuvor gesagt, er werde eine geographische Bezeichnung im Namen Mazedoniens wie etwa Nord-Mazedonien nicht akzeptieren. "Ein solcher Name könnte den Vorwand liefern für territoriale Ansprüche Mazedoniens gegen Bulgarien", sagte er. "Wir Bulgaren waren die ersten, die 1991 Mazedoniens Unabhängigkeit anerkannt haben, doch ihr stellt uns dafür in Filmen als Faschisten dar", polterte Borissow und spielte damit auf den mazedonischen Spielfilm Die dritte Halbzeit an. Dieser behandelt die bulgarische Besatzung Mazedoniens im zweiten Weltkrieg und das Schicksal der nach Treblinka deportierten mazedonischen Juden.

Verglichen mit virulenten Konflikten wie der strittigen Kosovo -Frage oder den Problemen im Zusammenleben der Volksgruppen in Bosnien-Herzegowina und in Mazedonien erscheint die Auseinandersetzung zwischen Bulgarien und Mazedonien um die Namensfrage zwar nur als kuriose Randnotiz. Sie zeigt aber, dass Südosteuropa auch zehn Jahre nach den letzten kriegerischen Kampfhandlungen in der Folge des Zerfalls von Jugoslawien ein zumindest mit Fettnäpfchen vermintes Territorium ist. Der einstige UN-Diplomat für den Balkan und jetzige schwedische Außenminister Carl Bildt zeigte sich bei der Konferenz dennoch optimistisch: "Ich sehe keinen Grund dafür, dass es dort erneut explodieren könnte", sagte Bildt und nannte den Wunsch der Balkanstaaten nach europäischer Integration eine "Garantie für Fortschritt und Stabilität in der Region".

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Leserkommentare
  1. der Balkanstaaten sehe ich nur auf dem Papier-manchmal glaube ich es wäre besser es gäbe noch Jugoslawien in den dort nun verschiedenen neuen Ländern gibt es doch viel zu viele Probleme, Ungerechtigkeiten und Blauhelme.
    Und Rumänien und Bulgarien, da fallen mir nur die Zigeuner ein die vor unserer Haustür den ganzen Tag betteln, das kannes ja auch nicht sein.

    Die Armut und Hilflosigkeit und Bestechlichkeit, sowie die wirtschaftliche Ausnutzung von Billigarbeitskräften der Großindustrie die im Rest Europa dann Arbeitslosigkeit erzeugt hat etc. in den Balkanstaaten haben wir nicht gebraucht. Für die einzelnen Menschen dort ist es sicherlich nicht besser sonders anders geworden.

    2 Leserempfehlungen
  2. ...hat ein in sich abgeschlossenes Hitzeproblem. Dabei ist man sehr darauf bedacht, dass der glühende Ofen keine Flammen nach außen lässt.
    Wie sieht es aber im Südosten Europas aus.
    Dort scheint man trotz der verkorksten Vergangenheit mit Mord und Totschlag zu glauben, dass die neuen Anbauten im europäischen Haus gut mit offenem Feuern beheizt werden können.
    Nagut! Wenn wir die besten Löschgeräte haben, um uns der Brandherde erwehren zu können, dann lasst uns das Haus erweitern.
    Wenn nicht, dann verhindert bitte einen Backdraft im Voraus. Der Rauch um Nichts hat sich nämlich noch nicht verzogen. Ob da neuer Wind und viel Sauerstoff hilft, möchte ich bezweifeln. Die notorischen Brandstifter sind noch überall unterwegs.

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    • 29C3
    • 22. Juni 2013 20:22 Uhr

    ... und haben auch auf dem Balkan mitgezündelt, schon in den späten 80er.

  3. 3. Europa

    durch die Aufnahme in eine grössere Organisation werden doch die ´´kleinen´´ Probleme nicht plötzlich verschwinden.
    England und Irland waren Mitglieder der EU und doch trieb Sinn Fein dort ihren Terrorismus.
    Wer glaubt, dass durch die Schaffung eines Staates Kosovo die Probleme Serben-Albaner verschwunden sind wird laufend eines Besseren belehrt.

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  4. dass sich die Balkanlaender in die EU integrieren lassen. Diese Voelker haben ganz andere historische, traditionelle, religioese, ehtische und soziale Unterschiede. Es sei denn man nennt "Integration" das Uebersiedeln in die EU der bildungsfernsten Unterschichten, die es in Europa gibt. Wie z. B. die Roma. Gut ausgebildete Balkanbuerger bleiben in ihren Laendern, weil sie da bessere Chancen haben.

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    "Gut ausgebildete Balkanbuerger bleiben in ihren Laendern, weil sie da bessere Chancen haben."

    Eben nicht. Die Realitaet sieht erwiesenermassen ganz anders aus. Bulgarien z.B. hat in den letzten Jahren einen "brain drain" ohne gleichen erlebt und es waren vor allem die jungen, motivierten und gut ausgebildeten Buerger dieses Landes, die abgewandert sind. Sie integrieren sich in aller Regel ohne Probleme in anderen EU-Laendern und fallen Ihnen daher nicht weiter auf.

    • 29C3
    • 22. Juni 2013 20:27 Uhr

    ist leider völlig falsch. Vielleicht sollten Sie sich vorher mit der Situation vertraut machen, damit es nicht bei den gefühlten Fakten bleibt.

    • jugo
    • 12. Juni 2012 2:03 Uhr

    Es ist leicht frustrierend zu lesen dass d. Balkan nicht gerade EUphorisch ist, wobei ausgeblendet wird, das der heutige Balkan eher ein Ergebnis der EU- und USA-Politik ist.

    Was den ExYU-Raum betrifft, so fährt die EU zweigleisig. Bsp. Serbien: Auf der einen Seite ist das Thema Kosovo* kein Thema für den Beitritt Serbiens in die EU, auf der anderen Seite soll Belgrad (das ein dutzend Vorschläge in der Kosovo-Frage vorbrachte) die Beziehung mit dem Kosovo (das nur am blocken ist) „normalisieren“, wobei mit Normalisierung eine Anerkennung der südserbischen Provinz als eigenständiger Staat gemeint ist.

    Das Problem an der Kosovo*-Problematik ist: Die EU ist nicht Konkret gegenüber Serbien und drückt sich eher schwammig aus. Die Kosovo*-Regierung bestärkt sie in ihren separatistischen Bestrebungen. Dadürch fühlen sich beide Seiten im Recht und frönen ihren Nationalismus. Made in EU eben, die kein Plan hat und eher Kopflos auf dem Balkan agiert! Und dan wundert man sich in EU über den Nationalsmus auf dem Balkan?!?

    Und jetzt wird es spannend: Der Ehemalige Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte im Kosovokrieg Wesley Clark beantragte die Erlaubnis von der Kosovo*-Regierung, zu erforschen, wie viel Kohle in Kosovo* vorhanden ist, aus welchem Öl synthetisiert werden kann. Alles klar!?

    In Bosnien wird es bis auf weiteres keine Fortschritte geben.

    Kroatien wird in EU aufgenommen, mit zuhilfenahme eines Rettungsschirmes. Das sieht man von hier aus. Balkan made in EUSA eben.

  5. Zitat: "Das größte Defizit auf dem Balkan ist das Defizit an Optimismus"

    Ich bin öfters am Balkan unterwegs und kann das nur unterschreiben. Gerade die jüngeren Generationen scheinen mir erschreckend desillusioniert.
    Die These des 1. Posters, dass es Jugoslawien besser noch gäbe, teile ich übrigens auch. Viele im Westen wissen das vielleicht nicht, aber Jugoslawien war eigentlich der Staat, in dem der Sozialismus wirklich funktioniert hat. Das sagen mir selbst Leute, denen es im neuen System ziemlich gut geht.

    Was offensichtlich nicht funktioniert hat, war die Machtübergabe des "wohlwollenden Diktators" Tito an seine Nachfolger.

    2 Leserempfehlungen
  6. übrige Europa nähert sich seinem Zerfall ...

  7. Die uns die EU durch immer neue Gesetze aufzwingt!
    Natürlich mit Hilfe der Deutschen Politiker fast aller Parteien und Frau Merkels Steuergeldbörse.
    Ungarn: ein Land das an sich selbst denken muß passt da natürlich nicht hinein,da schon eher Griechenland.
    Nur wollen das die Griechen auch!
    Keine Deutsche Partei würde uns diese Wahl lassen !
    Warum wohl?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Europäische Union | Integration | Balkan | Carl Bildt | Mazedonien | Außenminister
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