Euro-KriseArgentinien, das Vorbild für Griechenland

Ob eine zweite Währung, ob Schneckenzucht als Gelderwerb für Arbeitslose – die Krisenrezepte für Griechenland haben die Argentinier vor Jahren erprobt. von Cornelia Mayrbäurl

Suppenküche in Athen

Suppenküche in Athen  |  © John Kolesidis/Reuters

Der Vorsitzende des griechischen Linksbündnisses Syriza, Alexis Tsipras, schlägt gelegentlich auch überraschend selbstkritische Töne an. Seinen Landsleuten schreibt er dann zu, Politiker mitgetragen zu haben, die korrupt waren, ihr Geld im Ausland gebunkert haben. Was Tsipras nicht sagt, ist, dass viele Griechen das System nicht nur geduldet, sondern auch davon profitiert haben: neben der angeblichen Elite auch all die Beamten, die ihren Job einem Politiker verdankten oder all jene, die kräftig Steuern hinterzogen. Nicht umsonst hat sich der Chef der griechischen Steuerbehörde Nikos Lekkas der Kritik von IWF-Chefin Christine Lagarde an der laxen Zahlungsmoral der Bürger angeschlossen.

Was Tsipras zwischen seinen Attacken auf das von der EU geforderte Sparprogramm zugibt, erinnert frappant an den Befund, den eine Frau in Buenos Aires Anfang 2002 kurz nach der spektakulären Staatspleite Argentiniens abgab. "Dieses Land hat kein wirtschaftliches Problem, sondern ein moralisches", sagte die Frau, die ihren Job als Buchhalterin verloren hatte. Während sie in einem jüdischen Sozialzentrum ein warmes Essen entgegennahm, kritisierte sie die Haltung ihrer Landsleute: "Es heißt, dass Leistung nicht fruchtet. Wer die anderen hereinlegt, gilt mehr als der, der arbeitet. Würde sich diese Mentalität ändern, würde sich alles ändern." Sie erwog, nach Israel auszuwandern.

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Für Griechenland wie Argentinien gilt: Wer sich an die Regeln hält, ist der Dumme. Und alle, denen neben dem Auskosten ihrer Rechte kein Pflichtgefühl im Wege steht, handeln aus ihrer Sicht ganz logisch: Die konkreten eigenen Interessen gehen vor das abstrakte Gemeinwohl – so lange, bis der Staat pleite ist. Dann wird geschimpft: auf den Internationalen Währungsfonds, das böse Brüssel, auf Deutschland.

Griechenland steht heute da, wo Argentinien 2001 stand. Buenos Aires war in der Bindung des Peso an den Dollar gefangen, Athens Geldpolitik ist an den Euro gebunden. Beide Regierungen waren beziehungsweise sind hoch verschuldet, und sie konnten beziehungsweise können nicht einfach abwerten oder die Zinsen senken, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Deshalb werden auch die gleichen Rezepte gegen die Krise diskutiert. Was der Chefvolkswirt der Deutschen Bank unlängst vorschlug – eine griechische Parallelwährung neben dem Euro für den inländischen Zahlungsverkehr und die Bezahlung wichtiger Importe – gab es damals auch in der Pampa.

Die Regierung emittierte eigenes Geld, das nur mit Abschlägen gegen die konvertiblen Pesos getauscht werden konnte (und die Supermarktkassiererinnen zur Verzweiflung brachte, die plötzlich Wechselgeld in zwei Währungen verwalten mussten). Sogar arbeitslose Städter kommen auf die gleichen schrägen Ideen. Das ZDF berichtete kürzlich von einem griechischen Ex–Manager, der aufs Land zog, um Schnecken zu züchten. Vor gut zehn Jahren taten einige Argentinier das Gleiche.

Natürlich gibt es zwischen den beiden Ländern auch große Unterschiede. Anders als die Hellenen hat Argentinien keine EU, die aus ihrem Eigeninteresse heraus mit Rettungspaketen beisteht. Dafür kann das Land der Gauchos auf enorme natürliche Ressourcen zurückgreifen. So geschah es nach dem Januar 2002, als der Peso dann doch um ganze zwei Drittel abgewertet wurde und das Land seine Gläubiger mit einem Schuldenschnitt in derselben Höhe konfrontierte. Boomende Sojaexporte sorgten von 2004 bis 2009 für ein jährliches Wirtschaftswachstum zwischen sechs und neun Prozent. Davon können die Griechen nur träumen.

Wenn Argentinien schon erlebt hat, was Griechenland möglicherweise bald blüht, stellt sich natürlich die Frage, was Griechenland beziehungsweise die EU aus den Geschehnissen in Südamerika lernen können.

Leserkommentare
    • hmr
    • 16. Juni 2012 9:03 Uhr

    ... hat Argentinien keine EU, die aus ihrem Eigeninteresse heraus mit Rettungspaketen beisteht."

    Ein bemerkenswerter Satz, den man so in der Mainstreampresse normalerweise nicht zu lesen bekommt. Ist das jetzt ein zarter Hauch von Qualitätsjournalismus oder nur ein Versehen ?

    Gruß hmr

    10 Leserempfehlungen
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    • TDU
    • 16. Juni 2012 10:24 Uhr

    Aber so ganz sollte man die gegenseitigen Abhängigkeiten, in die sich die Griechen mit ihrem EU Beitritt gebracht haben, doch auch nicht ausser acht lassen. Den Griechen würde es wohl nicht helfen, wenn die EU ausser reiner Meschenfreundlichkeit auch pleite gehen würde.

    Das hat die Argentinierin voraus. Die Selbstkritik, die nicht immer nur den anderen die schuld gibt, sondern auch den eigenen Beitrag zum Schlamassel nicht nur berücksichtigt, sondern Konsequenzen daraus fürs eigene Handeln ableitet.

    • äµ
    • 16. Juni 2012 9:06 Uhr
    2. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/au.

    Eine Leserempfehlung
  1. 3. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/au.

    2 Leserempfehlungen
  2. ausblendet ist das die Weltwirtschaft zwischen 2002-2009 boomte, ein plus für Argentinien, der Zug dürfte aber für die Europäer und Griechen abgefahren sein.

    Also nimmt man die nächste Option die Enteignung der Verursacher der Krise Banken und die Enteigung der Versorger. Etwas das in Südamerika ja zur Zeit gut im Gange ist. Die Spanien können in Argentien ein Lied davon singen.
    Ob solche Ideen die Eigner der Postille gutheißen und auch drucken würden, stelle ich mal in Zweifel.

    Auch blendet die Autorin aus das 35 Prozent der argentinischen Bevölkerung in Armut lebt. Ob das für GR gewollt sein kann?????

    im Gegensatz zu GR hatte Argentien noch eine Industrie, GR ist a fast de-industrialisert und es im Rest der Welt auch nocht so gut läuft, darf mal bezweifelt werden, das die landwirtschaftlichen Produkte, die teilweise heute geforderten Preise noch halten können.

    Leider ist Griechenland die Blaupause, was auch D in ein paar Jahren dank -Nepotismus, einem nicht finanzierbaren Beamtenapperat (allein Pension 25MIll auf 150 Mill in 2030) die jetzigen Gehaltsteigerungen um bis zu 500 Euro dieser Tage gar nicht mit eingerechnet, die Verabschiedung der Eliten (Wirtschaft, Politik etc) aus der sozialen Verantwortung und Umlegung aller Kosten auf den Bürger, über Steuerflucht der Reichen und der Industrie gar nicht erst zu reden - blüht.
    Aber Ignoranz ist ja ein Segen

    11 Leserempfehlungen
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    • joG
    • 16. Juni 2012 10:38 Uhr

    ....aus dieser Sache ergeben. Wieso haben wir und lassen die Argentinier, Peruaner oder Sudanesen hungern, schützen sie nicht vor den Widrigkeiten der Natur, ihrer Regime oder Fremder? Warum sollte man dann den Griechen etwas geben, vielleicht das Vielfache dessen, das wir dem Somali pro Kopf geben? Warum geben wir dem Mecklenburger soviel mehr? Ist das weil der Mecklenburger und mehr Schwierigkeiten machen kann, wenn er gewaltsam wird?

    Auch blendet die Autorin aus das 35 Prozent der argentinischen Bevölkerung in Armut lebt. Ob das für GR gewollt sein kann?????

    Diese Zahl dürfte auch inzwischen in Griechenland erreicht sein. +20% Arbeitslosigkeit, bei den Jungen +50%. Suppenküchen an jeder Ecke. Medikamente werden nurnoch gegen Bargeld rausgegeben, die Energie- und Wasserversorger bekommen keine Lieferungen mehr.

    Die Austeriätspolitik in Griechenland krachend gescheitert. Sie wird als Musterbeispiel für eine völlig missratene Wirtschaftspolitik in die Geschichte eingehen.

    Griechenland muss sich an Argeninien ein Beispiel nehmen. Solten die EU-Gläubiger sich wirklich nicht bewegen bei der Anpassung der Tilgungsfristen, MUSS Griechenland die Drachme wieder einführen. Das Land will es nicht, muss es aber.

    Und das hat auch gute Seiten. Denn dann haben wir ein Beispiel was passiert wenn ein land die EU-Diktatur verlässt und seine Souveränität wiedererlangt.

    Sollte es nach einer harten Übergangszeit funktionieren, werden andere Länder nachziehen. Übrig bleiben wird entweder garkeine Währungsunion oder der harte Kern der Nordländer.

    Dieses schlampig geplante künstliche Gebilde mit Gewalt aufrecht zu erhalten kann ja nicht die Lösung sein.

    Wir müssen nur darauf achten, dass der Steuerzahler die Gläubiger nicht noch komplett rauskauft. Ich will Banken sehen die pleite gehen!

    • joG
    • 16. Juni 2012 9:53 Uhr

    ...bei Vielen noch jetzt verhasst, weil die Chicago Boys durchaus effiziente Politik Maßnahmen vorschlugen. Die Menschen Mussten nämlich darunter etliche Jahre enorm Leiden, während ihre Eliten und ausländische Firmen große Teile des Erfolgs nicht unverdient ernteten. Genau dieses Problem gilt es zu managen, wenn wir Europa friedvoll halten wollen.

    3 Leserempfehlungen
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    hat damals Argentinen und jetzt Europa geradewegs in die Krise geführt.

    Da hilft es sicher, weiter Oel ins Feuer giesen.

    • Chios
    • 16. Juni 2012 9:53 Uhr

    In den seltensten Fällen machen sich Menschen Gedanken darüber, was jeder einzelne tun kann. Stattdessen wird immer nach dem Staat und dessen Verantwortung geschrien.

    Kein Geld da? Gut muss ich den Gürtel enger schnallen und die Ärmel hochkrempeln. Was solls, kann doch auch Spaß machen, die ausgelatschten Pfade zu verlassen.

    7 Leserempfehlungen
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    • joG
    • 16. Juni 2012 10:14 Uhr

    ....die wir ungerne aussprechen. Wir haben in der Vergangenheit Länder so behandelt, dass, wie das heute in Griechenland getan wird, ihre politische Stabilität auf Jahr(zehnt)e untergraben. Was ein wenig offen bleibt, ist auszuarbeiten welche Gruppen profitierten (die Firma bzw deren Aktionäre, die Autos oder Unterseeboote lieferten), jene, die leiden (griechische Pensionäre, deutsche Halter von Pflege- und Riesterversicherungen) oder jene, die wahrnehmen, dass ihnen etwas weggenommen wird, das sie erarbeitet hatten, ihnen aber nur zugekommen war, weil ein Bürokrat in Brüssel mit einem Unternehmer in Saloniki gut konnte.

    Eben!

    Woher sollen die Eliten wissen, wie Moral geht, wenn die einfachen Leute es nicht vorleben?

    • äµ
    • 16. Juni 2012 9:55 Uhr
    7. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Danke, die Redaktion/au.

    Antwort auf
  3. Nestor Kirchner ist seit eineinhalb Jahren tot.

    Des Weiteren muss man sich die Frage stellen, ob Griechenland mit Argentinien vergleichbar ist. Ich glaube, Griechenland steht zu Europa und dem Euro in einem anderen Verhätlnis als Argentinien zu den USA und dem Dollar.

    3 Leserempfehlungen
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    Die Argentinier hatten damals ihre Währung an den Dollar gekoppelt und sind damit auch einfach ein Opfer der Spekulation geworden. So etwas ist z.B. auch mal den Briten passiert, als es fixe Umtauschverhältnisse z.B. zur DM gab. Mit der eigentlichen Wirtschaft, oder gar den Menschen, die dort leben, hat das garnichts zu tun.

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