Flüchtlings-RekordEuropa macht die Augen zu

Weltweit sind 42,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Der EU fällt nichts Besseres ein, als wieder Grenzkontrollen einzuführen, um Migranten abzuhalten. von 

Tunesische Flüchtlinge erreichen die italienische Insel Lampedusa.

Tunesische Flüchtlinge erreichen die italienische Insel Lampedusa.  |  © Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) spricht von "Leid epischen Ausmaßes": Allein 2011 wurden nach dem am Montag veröffentlichten Jahresbericht des UNHCR 4,3 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, durch Kriege, Bürgerkriege, ethnische Säuberungen, Hunger und Not. Schätzungsweise 800.000 davon fanden in anderen Ländern, meist Nachbarstaaten Zuflucht – auch dies eine neue, schreckliche Rekordzahl. Die übrigen wurden in ihrem eigenen Land zu Vertriebenen.

Insgesamt waren im vergangenen Jahr auf fast allen Kontinenten mehr als halb so viele Menschen auf der Flucht, wie in Deutschland leben, viele davon seit Jahren. Und in dieser Zahl sind zum Beispiel die 4,8 Millionen heimatlosen Palästinenser, die seit Jahrzehnten in elenden Lagern hausen, nicht einmal enthalten.

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Seit Anfang des Jahrtausends steigen die Flüchtlingszahlen stetig, vor allem durch die Kriege im Irak , in Afghanistan , in Somalia, im Kongo oder zuletzt der Elfenbeinküste – eine vergessene Katastrophe, die bei uns allenfalls dann in den Medien auftaucht, wenn wieder einmal Afrikaner, die nach Europa fliehen wollten, ertrunken aus dem Mittelmeer gefischt werden, oder an süditalienischen Inseln überfüllte Flüchtlingsboote stranden . Dann ist das Erschrecken jedes Mal kurzfristig groß. Aber kaum über die Gründe, die Menschen in solch verzweifelte Flucht treiben.

Rasch vergessen wurde auch, dass durch den Bürgerkrieg in Libyen mit Nato-Beteiligung im vergangenen Jahr Hunderttausende aus dem Land getrieben wurden, ähnlich wie aktuell in Syrien . Die meisten flohen nicht etwa nach Europa, sondern in den angrenzenden Tschad , eines der ärmsten Länder der Erde. 365.000 Flüchtlinge beherbergt der afrikanische Staat, mit internationaler Hilfe, obwohl die meisten Einwohner dort selbst kaum genug zu essen haben.

Und wer weiß schon, dass die mit Abstand meisten Flüchtlinge aus Afghanistan kommen, wo die Amerikaner gemeinsam mit der Nato und der Bundeswehr seit 2001 einen erfolglosen Krieg gegen die Taliban führen. 2,7 Millionen Afghanen haben ihr zerrissenes Land verlassen – fast ein Zehntel der Bevölkerung. Der Großteil lebt jetzt in Pakistan und trägt dort zu Spannungen bei.

"Wir können nur dankbar dafür sein, dass das internationale Schutzsystem in den meisten Fällen funktionierte und die Grenzen für Flüchtlinge offen gehaltenwurden", sagt UN-Flüchtlingskommissar António Guterres. Fürwahr. Aber wir selber haben nur einen sehr geringen Anteil daran. Immerhin 571.700 Flüchtlinge zählt das UNHCR in Deutschland – die höchste Zahl im Vergleich der Industrieländer. Doch gemessen am Tschad mit etwa 8,6 Millionen Einwohnern, die selber unter einem Bürgerkrieg leiden und deren Pro-Kopf-Einkommen mit jährlich ganzen 747 Dollar 50 mal so klein ist wie das der Deutschen, müssten wir mindestens 3,4 Millionen Flüchtlinge aufnehmen. Da wäre der Aufschrei groß.

Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt, das wohlhabende Deutschland könne die Last der Eurokrise nicht mehr lange tragen. Aber wer trägt die Last der weltweiten Flüchtlingsströme, die auch durch das immense globale Wohlstandsgefälle und das noch immer extrem ungerechte Weltwirtschaftssystem verursacht werden? 

Stattdessen hat die Festung Europa die Grenzen dicht gemacht. Zum Schutz vor Migranten und Flüchtlingen wollen die EU-Innenminister jetzt sogar wieder Kontrollen an den Binnengrenzen erlauben. Sie wissen warum. Denn schon fliehen Tausende Griechen und Spanier vor den von Berlin und Brüssel verlangten Spar- und Verarmungsprogrammen. Da müssen wir vorsorgen. Schließlich zahlen wir ja schon für ihre Schulden!

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Leserkommentare
    • Chali
    • 18. Juni 2012 9:52 Uhr

    "Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt, das wohlhabende Deutschland könne die Last der Eurokrise nicht mehr lange tragen"

    "Das wohlhabende Deutschland" könnte noch hanz andere Lasten tragen. Das Problem besteht aber gerade darin, dass nur "das arme Deutschland" alle Lasten zu tragen hat. Insbesondere die Lasten, die einige wenige Deutsche so wohlhabend gemacht haben.

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  1. Vielen Dank für diesen Zwischenruf, Herr Greven!

    Aber es bleibt ja in Bezug auf die EU nicht bei dem Festungsbau - wenn es denn ein Mensch trotzdem schafft, sich nach Europa zB zu retten, schlägt ihnen häufig Fremdenfeindlichkeit und Mißtrauen entgegen; und die "Ausländer"behörden mit Ihren Beamten tun alles, um das Leben hier so ungemütlich wie möglich zu machen.

    Das ist der Teil, wo sich kein Bürger hinter seiner Regierung verstecken kann, nicht die Politik, nicht die EU - wir entscheiden über das Klima in unserer Gesellschaft und wie wir "dem Anderen" entgegentreten.

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  2. "Und in dieser Zahl sind zum Beispiel die 4,8 Millionen heimatlosen Palästinenser, die seit Jahrzehnten in elenden Lagern hausen, nicht einmal enthalten."

    Tja, für das Geld, das ein Atom-U-Boot kostet, könnte man die wahrscheinlich größtenteils ganz komfortabel unterbringen. Die Aufnahme von Flüchtlingen, auch wenn sie in einzelnen Fällen durchaus sinnvoll sein mag, ist doch im Großen und Ganzen nur Augenwischerei, das die zugrundeliegenden Probleme lediglich verdeckt und ausblendet. Echte Lösungen wären uns viel zu anstrengend.

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  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/lv

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    Danke für diesen Artikel! Das Problem wird sich weiter verschärfen. Der kapitalistische Westen ist auf seine Kriege angewiesen und hat sich an die Nahrungsmittelspekulationen gewöhnt. Ressourcenreiche Länder wie der Kongo werden erbarmungslos ausgebeutet. Die Menschen denen so die Existenzgrundlage genommen wird, werden nach Auswegen suchen.

    42 millionen Menschen auf der Flucht und Europa guckt Fussball. Vielleicht kommt so ein Artikel auch nochmal zur Sommerpause, dann wird vielleicht ein bisschen drüber geredet.

    So kann man hübsch auf Menschen "einschlagen" die sich eh nicht wehren können.

    Denn Sie - Matsushita - wissen es natürlich ganz genau. - Was für ein Unsinn!

    Menschen sind weder legal, noch illegal. Allein schon aufgrund der offensichtlichen Blödsinnigkeit ein Legalitätsprinzip auf Menschen anzuwenden. Wie war das noch gleich mit der Reisefreiheit des Menschen? - Ach so - die gilt nur für Westeuropäer und ähnlich aussehende Menschen.

    Es macht so schön empathiefrei und vernebelt den Gedanken so angenehm, wenn man einen Menschen als "illegal" stigmatisiert. Dann ist der ja schon einmal Schuld und am besten selbst und uns geht das Unglück auf Lampedusa oder den Häfen der Kanarischen Inseln nichts mehr an; ganz zu schweigen von jenen, denen Frontex (und somit auch Beamte der Bundesrepublik) Treibstoff, Wasser und Lebensmittel in internationalen Gewässern abnimmt.

    Ach es ist doch immer die selbe Sauce, die Flüchtlinge über sich ergehen lassen müssen. gerade von denen, die die geringste "last" dabei schultern. Fragen Sie doch einmal im Niger oder in Zambia, wie deren Gesellschaften.... aber das überfordert die europäischen Mittelschichten ja leider schon.

  4. ...noch auf Israel dienen der Wahrheitsfindung.

    Nüchterne Zahlen wären besser geeignet.

    Asylbewerber 2012 (Januar bis April) in Deutschland:

    Aus Afghanistan: 2.404,

    aus Serbien: 1.562, aus Iran: 1.221, aus Russland. 608

    quelle: http://de.statista.com/st...

    Die Leute fliehne nicht vor der NATO, sie fliehen mit wenigen Ausnahmen aus wirtschaftlichen Gründen wegen der Unfähgikeit ihrer Gesellschaftssysteme.

    2 Leserempfehlungen
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    Nüchterne Zahlen ok. Man muss diese aber auch zu interpretieren wissen. Dass von zig Millionen Menschen auf der Flucht, ein paar tausend in Deutschland Asyl beantragen (wieviele Anträge letzendlich erfolgreich sind ist damit noch nicht gesagt) zeigt deutlich, dass man von diese Anträgen keineswegs repräsentativ auf die Gründe für Flüchtlingsströme schliessen kann, wie Sie das so wunderbar pauschalisierend tun. Asyl in Deutschland und weltweites Flüchtlingselend sind erst einmal zwei unterschiedliche Paar Stiefel.
    Die NATO wirkt jedenfalls wunderbar bei der Erschaffung unfähiger Gesellschaftssysteme mit, soviel steht fest.

  5. 6. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

  6. die im Artikel erwähnt werden, sind keine Flüchtlinge, sondern die Nachfahren der ca. 650 000 ursprünglich 1948 Vertriebenen, von denen jetzt noch etwa 30 000 am Leben sind. [...]
    Bis zu welcher Generation soll der Flüchtlingsstatus erblich sein? Das UNRWA, das UN-Flüchtlingshilfswerk nur für Palästinenser, betrachtet Kinder und Enkel von Flüchtlingen selbst als solche. Mit dieser Logik werden es im Jahr 2050 wahrscheinlich 15 Millionen palästinensische "Flüchtlinge" sein, was ganz sicher Anlaß zu neuem Alarmismus geben wird.

    Teil entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/lv

    2 Leserempfehlungen
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    Eine Flüchtlingsstatus legt man genau dann ab, wenn es gelingt eine eigene Existenz aufzubauen. Wird dieses den Nachkommen verweigert, so erben die halt den Status der Eltern.

    Manche Länder sind einfach nicht in der Lage eine große Zahl von Flüchtlingen eigenständig zu ernähren und in ihre Gesellschaft zu integrieren. Letztendlich kann so etwas auch keine Voraussetzung für die Aufnahme von Flüchtlingen sein, da sonst die meissten Staaten ihre Grenze schließen müßten oder gar Genozide (indirekt) unterstützen würden.
    Wenn einer Volksgruppe die andere nicht mehr passt, dann ermordet man halt ein Paar und jagdt den Rest über die Grenze, so ala "wegegangen, Platz vergangen".

    Nein, die Palästinenser sind ein Problem mit dem sich die Israelis auseinandersetzen müssen. Wenn die sich halt in den Lagern vermehren, anstatt dort einfach wegzusterben, ist das halt ein Problem der Israelis.

    [...]

    Der Inhalt, auf den Sie sich kritisch bezogen, wurde inzwischen entfernt. Danke, die Redaktion/lv

  7. ...."Und wer weiß schon, dass die mit Abstand meisten Flüchtlinge aus Afghanistan kommen, wo die Amerikaner gemeinsam mit der Nato und der Bundeswehr seit 2001 einen erfolglosen Krieg gegen die Taliban führen"

    und damit quasi die Schuld auf Amerikaner und die Bundeswehr zu schieben (ja, denn sonst bestünde eben keine moralische Verpflichtung, Flüchtlinge in Europa oder Amerika aufzunehmen, worauf der Artikel hinauswill) ist schon sehr gewagt, wenn man in der Zeit vorher zu Recht festgestellt hat, dass 77 % der getöteten Zivilisten auf das Konto der Taliban gehen:

    http://www.zeit.de/politi...

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    schlagen in dem ganzen Artikel muntere Haken. Zuerst flüchten die Flüchtlinge vor Krieg, Bürgerkrieg, ethnischen Säuberungen, Hunger und Not (es fehlen noch zwei der apokalyptischen Reiter), dann flüchten die Afghaner vor der NATO cum Bundeswehr und deren erfolglosem Krieg (und nicht etwa vor den Taliban und deren erfolgreichem Krieg!) und schließlich ist dann doch die Weltwirtschaftsordnung (seit wann gibt es so eine überhaupt?) an allem schuld: "Aber wer trägt die Last der weltweiten Flüchtlingsströme, die auch durch das immense globale Wohlstandsgefälle und das noch immer extrem ungerechte Weltwirtschaftssystem verursacht werden?"

    Absicht des Artikels: Deutschland muß mindestens 4 Millionen (um mit dem Tschad mitzuhalten) Fremde aufnehmen, egal, woher und warum sie migrieren. Da ist Bürgerkrieg und ethnische Säuberung genau so Deutschlands Schuld wie Mißwirtschaft, Korruption oder einfach nur die Existenz von failed states.

    Man fragt sich, was den Autor umtreibt. Zumal er ja selbst feststellt, daß die Massen afghanischer Flüchtlinge in Pakistan für Spannungen sorgen, Und das unter muslimischen Glaubensbrüdern.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Angela Merkel | Nato | Europäische Union | UNHCR | Bundeswehr | Bürgerkrieg
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