Flüchtlings-Rekord Europa macht die Augen zu

Weltweit sind 42,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Der EU fällt nichts Besseres ein, als wieder Grenzkontrollen einzuführen, um Migranten abzuhalten.

Tunesische Flüchtlinge erreichen die italienische Insel Lampedusa.

Tunesische Flüchtlinge erreichen die italienische Insel Lampedusa.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) spricht von "Leid epischen Ausmaßes": Allein 2011 wurden nach dem am Montag veröffentlichten Jahresbericht des UNHCR 4,3 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, durch Kriege, Bürgerkriege, ethnische Säuberungen, Hunger und Not. Schätzungsweise 800.000 davon fanden in anderen Ländern, meist Nachbarstaaten Zuflucht – auch dies eine neue, schreckliche Rekordzahl. Die übrigen wurden in ihrem eigenen Land zu Vertriebenen.

Insgesamt waren im vergangenen Jahr auf fast allen Kontinenten mehr als halb so viele Menschen auf der Flucht, wie in Deutschland leben, viele davon seit Jahren. Und in dieser Zahl sind zum Beispiel die 4,8 Millionen heimatlosen Palästinenser, die seit Jahrzehnten in elenden Lagern hausen, nicht einmal enthalten.

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Seit Anfang des Jahrtausends steigen die Flüchtlingszahlen stetig, vor allem durch die Kriege im Irak, in Afghanistan, in Somalia, im Kongo oder zuletzt der Elfenbeinküste – eine vergessene Katastrophe, die bei uns allenfalls dann in den Medien auftaucht, wenn wieder einmal Afrikaner, die nach Europa fliehen wollten, ertrunken aus dem Mittelmeer gefischt werden, oder an süditalienischen Inseln überfüllte Flüchtlingsboote stranden. Dann ist das Erschrecken jedes Mal kurzfristig groß. Aber kaum über die Gründe, die Menschen in solch verzweifelte Flucht treiben.

Rasch vergessen wurde auch, dass durch den Bürgerkrieg in Libyen mit Nato-Beteiligung im vergangenen Jahr Hunderttausende aus dem Land getrieben wurden, ähnlich wie aktuell in Syrien. Die meisten flohen nicht etwa nach Europa, sondern in den angrenzenden Tschad, eines der ärmsten Länder der Erde. 365.000 Flüchtlinge beherbergt der afrikanische Staat, mit internationaler Hilfe, obwohl die meisten Einwohner dort selbst kaum genug zu essen haben.

Und wer weiß schon, dass die mit Abstand meisten Flüchtlinge aus Afghanistan kommen, wo die Amerikaner gemeinsam mit der Nato und der Bundeswehr seit 2001 einen erfolglosen Krieg gegen die Taliban führen. 2,7 Millionen Afghanen haben ihr zerrissenes Land verlassen – fast ein Zehntel der Bevölkerung. Der Großteil lebt jetzt in Pakistan und trägt dort zu Spannungen bei.

"Wir können nur dankbar dafür sein, dass das internationale Schutzsystem in den meisten Fällen funktionierte und die Grenzen für Flüchtlinge offen gehaltenwurden", sagt UN-Flüchtlingskommissar António Guterres. Fürwahr. Aber wir selber haben nur einen sehr geringen Anteil daran. Immerhin 571.700 Flüchtlinge zählt das UNHCR in Deutschland – die höchste Zahl im Vergleich der Industrieländer. Doch gemessen am Tschad mit etwa 8,6 Millionen Einwohnern, die selber unter einem Bürgerkrieg leiden und deren Pro-Kopf-Einkommen mit jährlich ganzen 747 Dollar 50 mal so klein ist wie das der Deutschen, müssten wir mindestens 3,4 Millionen Flüchtlinge aufnehmen. Da wäre der Aufschrei groß.

Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt, das wohlhabende Deutschland könne die Last der Eurokrise nicht mehr lange tragen. Aber wer trägt die Last der weltweiten Flüchtlingsströme, die auch durch das immense globale Wohlstandsgefälle und das noch immer extrem ungerechte Weltwirtschaftssystem verursacht werden? 

Stattdessen hat die Festung Europa die Grenzen dicht gemacht. Zum Schutz vor Migranten und Flüchtlingen wollen die EU-Innenminister jetzt sogar wieder Kontrollen an den Binnengrenzen erlauben. Sie wissen warum. Denn schon fliehen Tausende Griechen und Spanier vor den von Berlin und Brüssel verlangten Spar- und Verarmungsprogrammen. Da müssen wir vorsorgen. Schließlich zahlen wir ja schon für ihre Schulden!

 
Leser-Kommentare
  1. Jeder Mensch strebt nach Glück, natürlich. Daher ist eine Gesellschaft natürlich aber auch bestrebt, das ihre zu erhalten und möchte daher nicht ungeregelt viele Menschen aufnehmen, die oft nicht gebildet sind, die Sprache nicht sprechen, also sehr viel Hilfe benötigen und finanzielle Unterstützung. Ich glaube nicht, das jemand ernsthaft denkt, die Flüchtlinge flüchten zum Spaß aus ihrem Land. Aber davon abzuleiten, dass sie hingehen können wo sie wollen und die Länder verpflichtet sind, alle aufzunehmen, ist ein wenig seltsam. Es muss klare Regeln geben und auch Grenzen. Denn natürlich ist es auch ganz klar: Nimmt ein Land jeden auf ohne jemandem abzuweisen, kommen immer mehr, nicht weniger. Und ein Sozialsystem trägt so etwas nur bis zu einer gewissen Anzahl, das sollte ja auch klar sein. Wir haben ja auch Probleme mit immer mehr Rentnern, immer mehr Arbeitslosen, arbeitslosen Jugendlichen usw. Das ändert sich durch die Aufnahme von Tausenden von Flüchtlingen nicht, wie Sie es fordern. Damit hilft es irgendwann auch den Flüchtlingen nicht mehr, wenn gar kein Geld und auch kein Wille zur Hilfe mehr da ist.
    Und natürlich ist es doch klar, dass die Priorität darauf liegen müsste, die Bedingungen in den jeweiligen Ländern zu ändern. Gerade wenn der Grund in der wirtschaftlichen Lage und nicht einem Krieg oder politischer Verfolgung besteht. Dann müsste eigentlich daran gearbeitet werden, dass sich das ändert. DAS wäre der Ansatzpunkt.

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  2. aber man kann das Problem nicht loesen indem man sagt, "das reiche Europa soll mehr ( wievel ? 10 Millionen pro Jahr ? ) Fluechtlinge aufnehmen". Wo sollen die denn hin und wer soll fuer ihren Unterhalt aufkommen ? Das ist volkswirtschaftlich, finanziell und gesellschaftlich nicht zu bewerkstelligen. Am Ende sind die europaeischen Laender dann selbst ruiniert.

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  3. warum Europa für die - Entschuldigung - Karnikelartige Vermehrung der Bevölkerungen in Afrika und den Palestinaenserlagern verantwortlich gemacht werden soll!
    Nicht erwaehnt wird allerdings das aus Staaten, in denen sich Deutschland mit Entwicklungshilfe stark engagiert, viel mehr Asylbewerber nach Deutschland kommen als aus anderen Staaten. Daraus einen Schluss zu ziehen erscheint mir einfach .....

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  4. 124. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke, die Redaktion/au.

  5. Zitat ZEIT: "Denn schon jetzt fliehen Tausende Griechen und Spanier vor den von Berlin und Brüssel verlangten Spar- und Verarmungsprogrammen. Da müssen wir vorsorgen".

    "Spar und Verarmungsprogramme" gab es doch wohl eher in den letzten 15 Jahren in Deutschland (Bündnis für Arbeit, Agenda 2010, Hartz-IV). In Spanien gab jahrelang einen großen Wohlstandszuwachs, existiert eine top-moderne Infrastruktur.

    Diesen Kommentar, werte ZEiT-Redaktion, haben sie mir zensiert. Dabei geben Sie vor, eine Quelle für diese "Behauptung" zu verlangen. Abgesehen davon, dass Sie Ihrerseits als Redaktion eine solche Quelle erst einmal liefern sollten, werde ich dies gerne tun bzw. meine Aussage begründen.

    - Spanien leidet übrigens nicht an "Spar- und Veramungsprogrammen", die von Berlin verabreicht wurden, sondern vor allem an den Folgen struktureller Defizite, politisches Versagen, seinen Usancen, hoher Staatsquote, einem außer Kontrolle geratenen Banksektor (Korruption, Overbanking (siehe: http://www.zerohedge.com/...) - und man muss es leider erwähnen - auch Vetternwirtschaft sowie gewaltiger Verschwendung. Zwischen dem Zurückführen von Kreditströmen sowie Lebensstandard auf finanzierbare Maße und "Spar- und Verarmungsprogrammen" liegt ein gewaltiger Unterschied. Und nicht Fr. Merkel ist Schuld, dass die Finanzmärkte Madrid nicht mehr trauen, sondern in erster Linie die Spanier selbst (Thema "Kreditparty").

    ...ff...

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  6. ...ff...

    - Die in Spanien existierende, recht wohlwollende Arbeitslosenversicherung in Verbindung mit Steuergesetzgebung und traditionellen Usancen tragen maßgeblich dazu bei, dass etwa "Selbstständigkeit" unattraktiv wird und Menschen bevorzugt in die Schwarzarbeit abgleiten. Aus selbigen Gründen ist es auf der iberischen Halbinsel bislang noch nicht zu nennenswerten Tumulten gekommen. Es gibt in Spanien nur offiziell eine Arbeitslosenquote von 25% bzw. 50% unter jungen Menschen (Einen ZH-Quell-Artikel reiche ich gerne nach).

    - Die Infrastruktur in Spanien ist topmodern und vorbildlich: Fast überall nagelneue Autobahnen, Landstraßen, Ortsstraßen, in jedem kleinem Ort mittlerweile Fahrradwege und eine (oftmals nur 1x im Jahr genutzte) Kongresshalle. Spanien verfügt zudem über das modernste, schnellste und umfangreichste Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetz Europas, leistet sich millliardenteure Giga-Flughäfen, etwa jener (ungenutzte) in der Pleite-Provinz Valencia oder träumt vom Transrapid in der (Pleite-) Provinz Teneriffa. Zahlreiche Quellen wie diese nennen weitere Details: http://www.spainbusiness....

    Im Presseclub (ARD) beschrieb jüngst eine spanische Journalistin die gewaltige Verschwendung, die in Spanien betrieben wurde. Ebenfalls regte sich in der Presse von vielen Seiten Kritik an Vorschlägen Brüssels, weitere "Konjunkturprogramme" dieser Art just in Spanien aufzulegen (das sollten Sie wissen!).

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  7. Hingegen lebt Deutschland bereits über 15 Jahre von seiner Substanz, im Westen oft schon seit der Wiedervereinigung: Wohin man sieht: Die Straßen sind oftmals kaputt und vergammelt, öffentliche Gebäude, Kindergärten oder Schulden sanierungsbedürftig. Ganze Wohnviertel - etwa in Köln oder Essen - verwandeln sich in Vorstadt-Slums. Mit Verlaub: So etwas nenne ich "Spar- und Verarmungsprogramme".

    Die "Spar- und Verarmungsprogramme" Berlins griffen ebenfalls massiv auf die bundesdeutsche Bevölkerung über. Fast ein Drittel ist bereits in prekären Jobs tätig. Quellen wie diese schossen in den letzten Jahren wie Pilze aus den Boden - ich frage mich - wussten Sie das alles tatsächlich nicht?
    - Spiegel: "Soziale Ungleichheit wächst in Deutschland rasant" (schlimmer als in den meisten Industrieländern der Welt)t: http://www.spiegel.de/wir...
    - Stern: "Kinderschutzbund: 2,6 Millionen Kinder sind arm". http://www.stern.de/polit...
    - Welt: "Deutschland ist das Entwicklungsland Europas", siehe: http://www.welt.de/wirtsc...

    …oder recherchieren Sie doch einfach mal in Ihren eigenen Archiven:
    - ZEIT: "Gerecht war gestern" (Zitat aus dem Artikel: "Armut und Ungleichheit haben sich in keinem anderen Industrieland so schnell ausgebreitet wie zuletzt in der Bundesrepublik."

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  8. Auch direkte Vergleichsstudien, die meine "Behauptung" stützen, liegen vor - etwa diese:
    http://www.deutsche-mitte...
    (…übrigens auch in den USA kommuniziert: http://www.zerohedge.com/... - darüber hinaus gibt es andere Charts, die dies belegen.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie bei der Artikeldiskussion. Danke, die Redaktion/mk

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