Griechenland : "Die Sympathie für die Deutschen ist auf dem Tiefpunkt"

Thomas Maloutas ist Sozialforscher in Athen. Im Interview spricht er über die sozialen Konflikte in seinem Heimatland und fehlendes Vertrauen in den eigenen Staat.
Graffiti in Athen © John Kolesidis/Reuters

ZEIT ONLINE: Griechenland steckt seit 2009 in der Krise. Die Arbeitslosigkeit ist rapide gestiegen. Sind alle Generationen in gleicher Weise betroffen?

Thomas Maloutas: Vor allem junge Griechen finden keine Arbeit, mehr als die Hälfte der jungen Menschen ist arbeitslos . Das war früher ganz anders. Schauen Sie sich die Akademiker an. In den achtziger Jahren ergatterten siebzig Prozent der Universitätsabsolventen einen Staatsjob in Griechenland . Ihr Job war nicht nur sicher, sie verdienten teilweise sogar besser als die Privatangestellten. Heute finden die meisten Uni-Absolventen entweder keine Arbeit in der Privatwirtschaft oder sind nur geringfügig beschäftigt. Von einem Staatsjob kann die heutige Generation jedenfalls nur träumen – der Staat stellt kaum noch Menschen ein.

ZEIT ONLINE: Herrscht daher in Griechenland ein Generationen-Konflikt? Werfen die jungen Griechen den Älteren vor, das Land an den Rand des Abgrunds manövriert zu haben?

Prof. Thomas Maloutas

59, Sozialgeograph an der Athener Charokopio-Universität und Leiter des angesehenen Griechischen Nationalen Forschungsinstituts für Sozialfragen (EKKE).

Maloutas: Die Wut richtet sich gegen die griechischen Politiker, nicht gegen die Eltern oder die ältere Generation. Der Zusammenhalt zwischen den Generationen hat in dieser schlimmen Krise sogar zugenommen. Die Familie spielt hier eine zentrale Rolle. Die ältere Generation, also Eltern oder Großeltern, hilft der jungen Generation mit Geld- und Vermögenstransfers. Schon vor der Krise wohnten viele Griechen bis zum 30. Lebensjahr bei den Eltern. Sie verließen das Elternhaus erst, wenn sie heiraten wollten. Jetzt bleiben die jungen Griechen noch länger bei den Eltern, die Heirat wird auf später verschoben – aus rein ökonomischen Gründen.

ZEIT ONLINE: Bisher schickten viele Griechen ihre Kinder zum Studium ins Ausland. Die gutsituierten Kinder kamen in die USA , die Mittelschicht nach England und die übrigen nach Rumänien oder Bulgarien . Ist das immer noch so?

Maloutas: Nein. Bis auf die oberen Zehntausend. Die haben nie ein Problem – auch nicht in dieser Krise. Alle übrigen Griechen können sich das nicht mehr leisten. In Großbritannien studieren sehr viel weniger Griechen als noch vor der Krise.

ZEIT ONLINE: Warum wandern so wenige Griechen aus?

Maloutas: Nicht nur Griechenland steckt in einer tiefen Krise. Woanders herrschen ja auch nicht paradiesische Zustände. Früher war das anders: Da ergaben sich für Griechen viele Chancen in Kanada , Australien oder anderswo, wenn die Heimat keine Perspektive mehr bot.

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Kommentare

101 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

drehen sie die

Studie einmal um, den Tiefstpunkt würden sie umgekehrt garantiert auch herausfinden zum Beispiel in Deutschland.

Mir erschließt sich der Sinn des Berichtes in der jetztigen Situation nicht, ausser noch mehr Zündstoff für derartige Ergebnisse erzeugen worauf sich vernünftiger Weise aktuell verzichten ließe.

Warum?

Arbeitslose haben doch auch keine Gewissensbisse, wenn sie gegen jeden tüchtigen Menschen, der gut verdient, hetzen. Dann kommt noch der Rundumschlag gegen Politiker, große Konzerne und ggf. höhere Beamte, die weit über der 40-STunden-Woche sind und reichlich Steuern zahlen. Wollen wir beim Thema Arbeitslosenversicherung nun auch über Moral und Solidarität reden? Ich denke nicht. Und ich glaube, niemand in Deutschland möchte auch nur eine Sekunde, außer mal im Urlaub, mit den Griechen und ihrem wirtschaftlichen wie auch politischen Chaos tauschen. Da reden wir lieber weiter über Teppiche und einigen uns darauf, daß wir die Steuern vielleicht etwas später senken.

Aber genau darin liegt ein großer Teil der Probleme

"In den achtziger Jahren ergatterten siebzig Prozent der Universitätsabsolventen einen Staatsjob in Griechenland. Ihr Job war nicht nur sicher, sie verdienten teilweise sogar besser als die Privatangestellten."

Man wollte alles Sicherheit und besserer Verdienst und das ganze ohne eigene inländische Wertschöpfung. So viel Staat aber keine funktionierende Finanzbehörde und dann gibt es noch nicht einmal Unternehmenssteuern. Entweder es wurde das perpetuum mobile erfunden oder irgend etwas läuft da schon lange schief.

Aber warum ist Deutschland daran schuld?

Ansehensverlust verkraftbar

Genau das ist es. Wie sagte doch der frühere griechische Wirtschaftsminster: An der Verschwendung waren alle beteiligt, vor allem der öffentliche Dienst. Genau diese Jungakademiker, die in der Vergangenheit schöne Staatsjobs ergatterten, die keine oder wenig Wertschöpfung aufwiesen, sind mit die Hauptverursacher für die Verschuldung des Staates, neben den Steuerbetrügern selbstverständlich.

Dass das Ansehen der Deutschen in Griechenland auf dem Nullpunkt ist, kann ich verschmerzen. Die Griechen haben gehofft, bei uns bis zu 150 Mrd. Euro Reparationszahlungen für den vor 70 Jahren zu Ende gegangen Krieg einstreichen zu können. Das alte Verschwenderspiel hätte dann noch einige Zeit weitergehen können. Da nichts daraus geworden ist, ist man halt bitter enttäuscht.

Sei's drum. Meinen Urlaub kann ich auch woanders verbringen.

ach kommt

Immer ist es so gewesen, Kollektivschuld zu verteilen. Wir sollten da mal langsam rauswachsen, weil es der Realität nicht gerecht wird.-

Es sind nicht DIE Deutschen, nicht DIE Griechen, die das System erfunden, angenommen, verteidigt und in den Sand gefahren haben. Sondern DIE Elite, DIE Politiker, DIE Reichen. Das ist keine Kollektivschuld gegenüber einer rase, Nation usw. , sondern eine angemessene Betrachtung.

Niemand kann dieses System wollen, wenn er einigermaßen den Braten durchschaut hat. Das System dient uns Normalos nicht. Es dient nur den oberen Zehntausend inkl. dem abstrakten Geldwert.

Ich habe in dieser Krise nicht oft an die Griechische Mentalität gedacht. Die Mentalität eines Volks kann man nicht volkswirtschaftlich oder finanziell messen.
Das ist der Unfug!

Die Mentalität der Griechen oder Südländer sieht zB so aus, dass ich Geschichten kenne, wo der Bürgermeister eines kleinen Dorfes früher die Gemeinde zusammen getrommelt hat, wenn einer drohte obdachlos zu werden, und es gab immer eine Lösung, so hat man einmal eine Hütte gebaut. Das ist für mich Ausdruck wahrer Staatlichkeit.

Und was ist die Mentalität der Ellenbogengesellschaften im Westen: Ach, da sagt man: Kümmer dich um deinen Dreck, und helf die selbst aus dem Drec, ich will meine Ruhe haben (solange es mir noch gut geht)!
Also, man könnte den Deutschen zB sicher auch gutes zuschreiben. Zum Beispiel die Arbeitswilligkeit, Disziplin, großes zu schaffen. Aber nicht MIT und IN diesem System!

Schoenes Linkes Parteiprogramm...

Sie uebersehen einfach etwas. Die "Normalos", die ja nichts machen oder die Situation aendern koennten, tun etwas...z.B. im Fall Griechenland streben die "Normalos" nicht an, dass die Steuern rigoros eingetrieben werden.
Das ist unabhaengig von den oberen Zehntausend...sonst wuerden im arabischen Fruehling auch nur die oberen Zehntausend auf der Strasse, wenn die Normalos nichts zu melden haetten.
Sparen Sie sich also deshalb ihre linkes Trompetenspiel und fordern lieber, dass die "Normalos" in Griechenland endlich sorgen, von allen (inklusive den so gennanten oberen Zehntausend) die Steuern einzutreiben.

Verallgemeinerungen

Echt süß finde ich, wie sie die Verallgemeinerung gegenüber "den Griechen" und "den Deutschen" kritisieren und gleich darauf exakt dasselbe tun: "DIE Reichen", "DIE Elite" usw.

Nein, es sind auch nicht DIE Reichen, DIE Politiker oder sonst irgendein "DIE", die das Schlamassel eingebrockt haben. Es sind vielmehr all diejenigen, die zu lange weggeschaut haben - ganz gleich auf welcher Seite.

gut bemerkt

Menschenbild 1: Der Mensch ist ein Mensch und kann darüber hinaus dies und das sein und tun.

Menschenbild 2: Der Mensch bewohnt Quadrate einer möglichst flachen Landschaft (damit man alles besser einteilen kann), bewegt sich nie, lernt auch nichts dazu und vergisst nichts, vor allem nicht die sagenhafte Herkunft seiner Vorfahren. Er hat eine quadratische, ererbte Mentalität, mit der man ihn perfekt und flächendeckend berechnen und klassifizieren kann. Wahrscheinlich ist er ein Gras in einem graeko-lateinischen Quadrat.

Suchen Sie sich eins aus; ich hab mich auch grad entschieden ;-)

Schönes Wochenende, postit