Graffiti in Athen © John Kolesidis/Reuters

ZEIT ONLINE: Griechenland steckt seit 2009 in der Krise. Die Arbeitslosigkeit ist rapide gestiegen. Sind alle Generationen in gleicher Weise betroffen?

Thomas Maloutas: Vor allem junge Griechen finden keine Arbeit, mehr als die Hälfte der jungen Menschen ist arbeitslos . Das war früher ganz anders. Schauen Sie sich die Akademiker an. In den achtziger Jahren ergatterten siebzig Prozent der Universitätsabsolventen einen Staatsjob in Griechenland . Ihr Job war nicht nur sicher, sie verdienten teilweise sogar besser als die Privatangestellten. Heute finden die meisten Uni-Absolventen entweder keine Arbeit in der Privatwirtschaft oder sind nur geringfügig beschäftigt. Von einem Staatsjob kann die heutige Generation jedenfalls nur träumen – der Staat stellt kaum noch Menschen ein.

ZEIT ONLINE: Herrscht daher in Griechenland ein Generationen-Konflikt? Werfen die jungen Griechen den Älteren vor, das Land an den Rand des Abgrunds manövriert zu haben?

Maloutas: Die Wut richtet sich gegen die griechischen Politiker, nicht gegen die Eltern oder die ältere Generation. Der Zusammenhalt zwischen den Generationen hat in dieser schlimmen Krise sogar zugenommen. Die Familie spielt hier eine zentrale Rolle. Die ältere Generation, also Eltern oder Großeltern, hilft der jungen Generation mit Geld- und Vermögenstransfers. Schon vor der Krise wohnten viele Griechen bis zum 30. Lebensjahr bei den Eltern. Sie verließen das Elternhaus erst, wenn sie heiraten wollten. Jetzt bleiben die jungen Griechen noch länger bei den Eltern, die Heirat wird auf später verschoben – aus rein ökonomischen Gründen.

ZEIT ONLINE: Bisher schickten viele Griechen ihre Kinder zum Studium ins Ausland. Die gutsituierten Kinder kamen in die USA , die Mittelschicht nach England und die übrigen nach Rumänien oder Bulgarien . Ist das immer noch so?

Maloutas: Nein. Bis auf die oberen Zehntausend. Die haben nie ein Problem – auch nicht in dieser Krise. Alle übrigen Griechen können sich das nicht mehr leisten. In Großbritannien studieren sehr viel weniger Griechen als noch vor der Krise.

ZEIT ONLINE: Warum wandern so wenige Griechen aus?

Maloutas: Nicht nur Griechenland steckt in einer tiefen Krise. Woanders herrschen ja auch nicht paradiesische Zustände. Früher war das anders: Da ergaben sich für Griechen viele Chancen in Kanada , Australien oder anderswo, wenn die Heimat keine Perspektive mehr bot.