Auf einer Salafisten-Demonstration in der tunesischen Stadt Kairouan © Reuters

Ausgerechnet Tunesien ! Das seit knapp einem Jahr von der moderat-islamischen Nahda-Partei regierte Land, das vielen Beobachtern als Musterland unter den nordafrikanischen Transformationsstaaten gilt, wurde Mitte Juni Schauplatz gewalttätiger Zusammenstöße zwischen radikalen Salafisten und der Polizei. Erzürnt über die angebliche Verunglimpfung von Muslimen in einer Kunstausstellung, lieferten sich Hunderte von salafistischen Demonstranten Straßenschlachten mit den tunesischen Sicherheitskräften, attackierten Regierungsgebäude, bewarfen die Polizisten mit Brandsätzen. Doch ebenso schnell wie der Spuk begonnen hatte, endete er auch.

Also nur eine Randnotiz in der wechselvollen Geschichte der arabischen Umbruchstaaten? Mitnichten. Die jüngsten Krawalle in Tunesien machen eines deutlich: In den postrevolutionären Staaten Nordafrikas verlaufen die Konfliktlinien nicht nur zwischen Islamisten und Säkularisten, zwischen ancien régime und Kräften des Wandels . Ein wichtiger – vielleicht sogar der entscheidende – Konflikt entwickelt sich zwischen den unterschiedlichen islamischen Bewegungen: den moderaten reformorientierten Parteien auf der einen und den ultrakonservativen Salafisten auf der anderen Seite . Es geht um die "Seele der islamischen Welt", wie es der sudanesische Intellektuelle Ahmed Daak formuliert.

Die gemäßigten islamischen Parteien halten das Ziel des sogenannten al nizam al salih (gerechte Ordnung) für vereinbar mit Demokratie, Freiheit und gesellschaftlichem Pluralismus. Für die Salafisten dagegen, die eine Rückbesinnung auf die al salaf al salih (die gerechten Vorfahren) der islamischen Frühzeit fordern, zählt einzig und allein die buchstabengetreue Interpretation des Koran. Jegliche Neuerungen lehnen sie strikt ab. Die Bildung von politischen Parteien, etwa der Nour-Partei in Ägypten , die bei den Parlamentswahlen 2011 mit 27,8 Prozent der Stimmen zweitstärkste Kraft wurde, sowie die Teilnahme an demokratischen Wahlen stehen allerdings in gewissem Widerspruch zu der eigentlich quietistischen Lehre der Salafis.

Moderate Islamisten im Zugzwang

Auch der Salafismus ist eben kein monolithischer Block, Salafi ist nicht gleich Salafi. Die Beschreibung "Salafist" kann ebenso auf einen streng gläubigen, gänzlich unpolitischen Muslim, der sich in der Nachfolge der al salaf al salih sieht und den Salafismus als Lebensform praktiziert, zutreffen wie auf einen politisch aktiven Salafi oder gar einen gewaltbereiten Dschihadisten.

Eines ist indessen allen Spielarten des Salafismus gemein: Die Rückkehr zu einem puristischen Ur-Islam macht die große Anziehungskraft der Salafis aus – und ist zugleich ihre größte Schwäche. Denn für die komplexen Herausforderungen, denen sich moderne Gesellschaften im 21. Jahrhundert stellen, halten sie keine Lösungen bereit. Rezepte etwa für die Wiederbelebung der maroden Volkswirtschaften in den nordafrikanischen Transformationsstaaten haben die salafistischen Parteien nicht. Doch wenn es darum geht, sich als Bannerträger der reinen Lehre zu profilieren, können sie gerade in den religiös geprägten Gesellschaften Nordafrikas mit ultrakonservativen Positionen punkten und die moderateren islamischen Kräfte als vermeintliche Vertreter eines Islam light in Zugzwang bringen.

Trotz allem setzt die tunesische Nahda-Partei im Umgang mit den Salafisten auf Dialog – in der Hoffnung, dass es gelingt, zumindest einige Salafis von den Spielregeln der Demokratie zu überzeugen und durch gezielte Einbindung ihr Störpotenzial für das Projekt Transformation zu neutralisieren. Auf dschihadistische Salafisten, eine gewaltbereite Minderheit innerhalb der salafistischen Bewegung, erstreckt sich die Dialogbereitschaft der Nahda allerdings nicht. Doch die Unterscheidung zwischen friedlichen und gewaltbereiten Salafis ist mitunter schwierig, denn gerade bei den jungen Aktivisten sind die Grenzen oft fließend. Eine Gratwanderung ist der Dialog mit den Salafisten allemal.