UmbrücheKeine arabische Demokratie ohne Salafisten

Nordafrikas neue Kräfte: Die Politik der Region entscheidet sich vor allem zwischen reformorientierten Islam-Parteien und ultrakonservativen Salafisten. von Nora Müller

Kairouan

Auf einer Salafisten-Demonstration in der tunesischen Stadt Kairouan   |  © Reuters

Ausgerechnet Tunesien ! Das seit knapp einem Jahr von der moderat-islamischen Nahda-Partei regierte Land, das vielen Beobachtern als Musterland unter den nordafrikanischen Transformationsstaaten gilt, wurde Mitte Juni Schauplatz gewalttätiger Zusammenstöße zwischen radikalen Salafisten und der Polizei. Erzürnt über die angebliche Verunglimpfung von Muslimen in einer Kunstausstellung, lieferten sich Hunderte von salafistischen Demonstranten Straßenschlachten mit den tunesischen Sicherheitskräften, attackierten Regierungsgebäude, bewarfen die Polizisten mit Brandsätzen. Doch ebenso schnell wie der Spuk begonnen hatte, endete er auch.

Nora Müller

ist als Projektleiterin im Bereich Internationale Politik der Körber-Stiftung tätig. Ihr Beitrag ist Teil einer Reihe über die neuen Akteure in den Transformationsstaaten der arabischen Welt, die ZEIT ONLINE in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung veröffentlicht.

Also nur eine Randnotiz in der wechselvollen Geschichte der arabischen Umbruchstaaten? Mitnichten. Die jüngsten Krawalle in Tunesien machen eines deutlich: In den postrevolutionären Staaten Nordafrikas verlaufen die Konfliktlinien nicht nur zwischen Islamisten und Säkularisten, zwischen ancien régime und Kräften des Wandels . Ein wichtiger – vielleicht sogar der entscheidende – Konflikt entwickelt sich zwischen den unterschiedlichen islamischen Bewegungen: den moderaten reformorientierten Parteien auf der einen und den ultrakonservativen Salafisten auf der anderen Seite . Es geht um die "Seele der islamischen Welt", wie es der sudanesische Intellektuelle Ahmed Daak formuliert.

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Die gemäßigten islamischen Parteien halten das Ziel des sogenannten al nizam al salih (gerechte Ordnung) für vereinbar mit Demokratie, Freiheit und gesellschaftlichem Pluralismus. Für die Salafisten dagegen, die eine Rückbesinnung auf die al salaf al salih (die gerechten Vorfahren) der islamischen Frühzeit fordern, zählt einzig und allein die buchstabengetreue Interpretation des Koran. Jegliche Neuerungen lehnen sie strikt ab. Die Bildung von politischen Parteien, etwa der Nour-Partei in Ägypten , die bei den Parlamentswahlen 2011 mit 27,8 Prozent der Stimmen zweitstärkste Kraft wurde, sowie die Teilnahme an demokratischen Wahlen stehen allerdings in gewissem Widerspruch zu der eigentlich quietistischen Lehre der Salafis.

Moderate Islamisten im Zugzwang

Auch der Salafismus ist eben kein monolithischer Block, Salafi ist nicht gleich Salafi. Die Beschreibung "Salafist" kann ebenso auf einen streng gläubigen, gänzlich unpolitischen Muslim, der sich in der Nachfolge der al salaf al salih sieht und den Salafismus als Lebensform praktiziert, zutreffen wie auf einen politisch aktiven Salafi oder gar einen gewaltbereiten Dschihadisten.

Eines ist indessen allen Spielarten des Salafismus gemein: Die Rückkehr zu einem puristischen Ur-Islam macht die große Anziehungskraft der Salafis aus – und ist zugleich ihre größte Schwäche. Denn für die komplexen Herausforderungen, denen sich moderne Gesellschaften im 21. Jahrhundert stellen, halten sie keine Lösungen bereit. Rezepte etwa für die Wiederbelebung der maroden Volkswirtschaften in den nordafrikanischen Transformationsstaaten haben die salafistischen Parteien nicht. Doch wenn es darum geht, sich als Bannerträger der reinen Lehre zu profilieren, können sie gerade in den religiös geprägten Gesellschaften Nordafrikas mit ultrakonservativen Positionen punkten und die moderateren islamischen Kräfte als vermeintliche Vertreter eines Islam light in Zugzwang bringen.

Trotz allem setzt die tunesische Nahda-Partei im Umgang mit den Salafisten auf Dialog – in der Hoffnung, dass es gelingt, zumindest einige Salafis von den Spielregeln der Demokratie zu überzeugen und durch gezielte Einbindung ihr Störpotenzial für das Projekt Transformation zu neutralisieren. Auf dschihadistische Salafisten, eine gewaltbereite Minderheit innerhalb der salafistischen Bewegung, erstreckt sich die Dialogbereitschaft der Nahda allerdings nicht. Doch die Unterscheidung zwischen friedlichen und gewaltbereiten Salafis ist mitunter schwierig, denn gerade bei den jungen Aktivisten sind die Grenzen oft fließend. Eine Gratwanderung ist der Dialog mit den Salafisten allemal.

Leserkommentare
  1. "Keine arabische Demokratie MIT Salafisten"?

    Oder kann sich die Autorin ernsthaft eine Demokratie mit den Salafisten vorstellen?

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    1.1. Sollte die Überschrift nicht besser lauten
    1."Keine arabische Demokratie MIT Salafisten"?

    Oder kann sich die Autorin ernsthaft eine Demokratie mit den Salafisten vorstellen?

    Man kann dem Text entnehmen,dass die Autorin zu den Träumern/erinnen gehörte,die in der arab.Welt eine Revolution hin zu Demokratie und Sekularität erträumten,alle diese Menschen haben nun nicht den Mumm zuzugeben,dass sie völlig irrten und basteln sich jetzt eine "Demokratie mit Salafisten" zusammen.Wie kann man nur so blauäugig und naiv sein.

  2. Ich finde das lustig. Ausgerechnet Saudi-Arabien soll in Tunesien für eine liberale Islamauslegung und Demokratie sorgen?

  3. Langsam glaube ich, jetzt wo Saudi-Arabien unser letzter großer Öllieferant ist, machen die selbsternannten Wüstenkönige ihren Anspruch auf Vorherrschaft klar.

    Wir sind abhängig von denen. Jetzt wo der Iran nichtmehr liefern darf nach Europa, sind wir zu 90% abhängig von den Saudis.

    Wenn die Saudis die Vorheerschaft wollen über den Nahen-Osten und den islamischen Teil Afrikas, dann müssen wir spuren. Selbst wenn wir es nicht wollen, wir müssen die Wünsche der Saudis erfüllen.

    Noch nie war das Druckpotential der Wüstenstaaten so groß. Und anscheinenend hat man sich damit arrangiert, dass sie uns Öl liefern und wir ihnen dafür das gewünschte Kalifat erlauben.

    Solange sie unsere Art zu wirtschaften nicht in Frage stellen und machtpolitisch auf unserer Seite stehen dürfen die auch Frauen auspeitschen fürs Autofahren.

    Hauptsache die fangen nicht an Petrodollars in Entwicklungsprojekte zu stecken.

  4. Es ist immer dumm, auf Radikale mit einem Dialog zu reagieren, die sind nämlich fasst immer gleich organisiert:

    Sie haben stets einen radikalen und einen gemäßigten Flügel, die vorgeben, sich von einander zu distanzieren. Der militante Flügel übt Gewalt aus und greift die politischen Gegner an. Der gemäßigte Flügel sagt dann: "Jaja, wir verurteilen diese Gewalt, aber ihr habt sie mitprovoziert, weil ihr unsere Interessen nicht ernst genommen habt. Kommt uns doch ein bisschen enggegen, dass wird die Radikalen sich bestimmt beschwichtigen lassen." Gibt man dann nach, denkt sich der radikale Flügel: "Juchuu, es hat geklappt, jetzt noch mehr Gewalt". Und der gemäßigte Flügel denkt sich: "Hoffentlich mäßigen sich die Radikalen nicht, sonst käme ja niemand mehr auf uns zu, um mit ihnen zu vermitteln".

    Geht man zu den Gemäßigten und sagt: "Hey, eure Forderungen sind ja radikal und rücksichtslos", dann sagen die Gemäßigten: "Tut uns leid, uns sitzen die Radikalen im Nacken und wenn wir ihnen nicht entgegenkommen, verlören wir unseren Rückhalt und es gäbe niemanden mehr, der sie einbindet und beschwichtigt. Eigentlich sind wir ja für euch, aber wir können eben nichts machen".

    Will man die Radikalen bekämpfen, kommt der gemäßigte Flügel und macht seinen Einfluss geltend, um sie zu beschützen: "Die Maßnahmen seien unverhältnismäßig, ein Dialog sei viel besser, etc". So ging Hitler mit seiner SA vor, so gingen die 68er vor, so handlen die Moslems ständig.

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    4."Will man die Radikalen bekämpfen, kommt der gemäßigte Flügel und macht seinen Einfluss geltend, um sie zu beschützen: "Die Maßnahmen seien unverhältnismäßig, ein Dialog sei viel besser, etc". So ging Hitler mit seiner SA vor, so gingen die 68er vor, so handlen die Moslems ständig."

    Und es geht nie gut aus.

  5. 1.1. Sollte die Überschrift nicht besser lauten
    1."Keine arabische Demokratie MIT Salafisten"?

    Oder kann sich die Autorin ernsthaft eine Demokratie mit den Salafisten vorstellen?

    Man kann dem Text entnehmen,dass die Autorin zu den Träumern/erinnen gehörte,die in der arab.Welt eine Revolution hin zu Demokratie und Sekularität erträumten,alle diese Menschen haben nun nicht den Mumm zuzugeben,dass sie völlig irrten und basteln sich jetzt eine "Demokratie mit Salafisten" zusammen.Wie kann man nur so blauäugig und naiv sein.

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    nach dem bitteren Beispiel aus unserer eigenen Geschichte ist das für mich absolut unverständlich.

  6. 4."Will man die Radikalen bekämpfen, kommt der gemäßigte Flügel und macht seinen Einfluss geltend, um sie zu beschützen: "Die Maßnahmen seien unverhältnismäßig, ein Dialog sei viel besser, etc". So ging Hitler mit seiner SA vor, so gingen die 68er vor, so handlen die Moslems ständig."

    Und es geht nie gut aus.

    Antwort auf "Dialog mit Radikalen"
  7. Wahrscheinlich erleben wir in Tunesien und Ägypten zur Zeit eine Reaktion auf die Regime der prowestlichen Langzeitdiktatoren Mubarak und Ben Ali. Über Jahrzehnte haben die Menschen die Erfahrung gemacht: Prowestlich gleich Diktatur und Korruption. Umgekehrt waren die Islamisten jahrzehntelang diejenigen, die Sozialarbeit für die Armen geleistet haben und in die Gefängnisse gingen, dort für immer verschwanden oder gefoltert wurden. Man braucht sich doch nicht zu wundern, dass gerade die Islamisten bei der einfachen Bevölkerung als glaubwürdig und nicht korrupt gelten.

    Vor diesem Hintergrund ist es nicht sinnvoll, dass sich der Westen überhaupt in die politische Entwicklung in den arabischen Staaten einmischt, so nach dem Motto: "Wählt doch bitte die liberalen Parteien, oder, wenn Ihr schon unbedingt eine islamische Partei wählen müsst, dann wählt doch die Gemäßigten und nicht die Salafisten." Mit einer derartigen Einmischung könnte man wahrscheinlich die Salafisten an die Regierung bringen.

    Nachdenken sollte man im Westen lieber über die eigenen Politik der doppelten Maßstäbe, denn unser Verbündeter Saudi Arabien hat ja schon immer ein salafistische Regierung, denn auch der Reformer Ibn Abdel-Wahhab wollte zum Urislam vor der Spaltung in Sunniten und Schiiten zurückkehren. Diese Strömung ist in Saudi Arabien Staatsreligion.

  8. nach dem bitteren Beispiel aus unserer eigenen Geschichte ist das für mich absolut unverständlich.

    Antwort auf "Wie kann man nur.."

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  • Schlagworte Demokratie | Islam | Koran | Nordafrika | Pluralismus | Salafisten
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