Die Wahl des neuen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi ist auf viel positive Resonanz gestoßen, es gibt aber auch Skepsis. Irritationen lösten widersprüchliche Äußerungen aus. Im Fernsehen kündigte er an, er werde alle internationalen Abkommen seines Landes einhalten. In einem Interview sagte der Muslimbruderschafts-Politiker aber, das Friedensabkommen mit Israel von Camp David komme auf den Prüfstand. "Wir werden die Einigung von Camp David überdenken", zitierte ihn die staatliche iranische Nachrichtenagentur Fars.

Das Abkommen ist das Kernstück der Nahost-Politik der USA und wurde trotz der Kritik vieler Ägypter vom früheren Machthaber Hosni Mubarak konsequent befolgt. Die sunnitische Muslimbruderschaft, deren palästinensischer Ableger Hamas im Gazastreifen regiert, ist extrem israelkritisch eingestellt. Israel wiederum sieht den Aufstieg der Muslimbrüder im Nachbarland mit wachsender Sorge.

Zudem kündigte der Staatschef in dem Interview an, das Verhältnis zum Iran zu verbessern, um ein strategisches "Gleichgewicht" in der Region zu schaffen. "Dies ist Teil meines Programms", sagte er.

"Normale Beziehungen aufnehmen"

Seit der formalen Anerkennung Israels durch Ägypten und die Islamische Revolution im Iran 1979 sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Ägypten und dem Iran quasi gekappt. Die beiden Staaten haben noch vereinzelt Interessensvertretungen im jeweils anderen Land, doch nicht auf Botschafter-Ebene. Nach dem Sturz des früheren Machthabers Hosni Mubarak gab es bereits erste Signale einer Annäherung.

"Wir müssen mit dem Iran normale Beziehungen aufnehmen, die auf gemeinsamen Interessen beruhen", zitierte die Agentur Mursi. Dabei solle die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit ausgebaut werden.

Renaissance versprochen

Mit dem Sieg Mursis haben die religiös-konservativen Muslimbrüder ihre führende Position in Ägypten auch in der Präsidentenwahl behauptet. Dennoch ist das künftige Machtgefüge unklar, da die Rivalitäten zwischen dem Militärrat, den Islamisten und Kräften des arabischen Frühlings nicht beendet sind.

Im Wahlkampf hatte Mursi den etwa 80 Millionen Ägyptern eine "Renaissance" auf der Grundlage islamischer Werte in Aussicht gestellt. Er versprach, die Menschenrechte zu achten und das Land in eine neue demokratische Ära mit einer transparenten Regierung zu führen. Viele Ägypter und vor allem die christliche Minderheit in dem nordafrikanischen Land misstrauen ihm. Unter der Herrschaft Mubaraks waren die Muslimbrüder lange verfolgt. Viele von ihnen wurden eingesperrt. Auch Mursi wurde mehrmals von Mubaraks Sicherheitskräften im Gefängnis festgesetzt.

International fielen die Reaktionen auf die Wahl von Mursi gemischt aus. Während Islamisten in Jubel ausbrachen, reagierten westliche Staaten zurückhaltend. "Das ägyptische Volk hat nicht nur einen Präsidenten für Ägypten gewählt, sondern auch für arabische und islamische Länder", sagte ein Sprecher der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas in Gaza.

Geldanleger in Euphorie

Die USA gratulierten Mursi zu seinem Wahlsieg, forderten ihn aber gleichzeitig auf, für Stabilität zu sorgen und nicht in Extreme zu verfallen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel beglückwünschte Mursi zu seinem Wahlerfolg. Ägypten stehe nun vor großen Herausforderungen, allen voran der Fortführung des demokratischen Wandels und die Förderung der nationalen Einheit. Auch aus Frankreich und Großbritannien kamen verhaltene Reaktionen.

Ägyptische Anleger versetzte der neue Präsident am ersten Börsenhandelstag nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses in Euphorie: Der wichtigste Aktienindex EGX-30 legte bis zum Börsenschluss am Montag um 7,6 Prozent auf 4.482 Punkte zu. Das war das größte Plus innerhalb eines Tages seit mehr als einem Jahr in Kairo. "Auf dem Markt hat ein Klima des Optimismus geherrscht, dass nach der Bekanntgabe des neuen Präsidenten politische und wirtschaftliche Stabilität zurückkehrt", sagte der Analyst Walid Abdin.