BürgerkriegHelft Syrien!

Die Welt muss Assads Treiben nicht machtlos zuschauen, schreibt die Aktivistin Rafif Jouejati. Sie kann der Opposition mit Lebensmitteln, Medizin und Technik helfen. von Von Rafif Jouejati

Anti-Assad-Demonstration in Sermeen

Anti-Assad-Demonstration in Sermeen nahe der nordsyrischen Stadt Idlib  |  © Reuters

Die syrischen Revolution ist jetzt im fünfzehnten Monat. An manchen Tagen sieht es so aus, als sei kein Ende in Sicht. An anderen Tagen gewinnt ein Gefühl von Optimismus die Oberhand. Zum großen Teil wird unsere Gemütslage von der internationalen Gemeinschaft und den Erklärungen führender Politiker bestimmt. Die weltweite Verurteilung von Assads Brutalität trägt dazu bei, die Stimmung zu heben. Doch haben Worte am Ende leider keine Kraft, denn auf eine internationale Verurteilung folgt stets ein Aktivist X verhaftet oder Aktivist Y getötet. Aus unserer Sicht werden unsere potenziellen politischen Führer, Politiker und Denker vom Assad-Regime systematisch ausgeschaltet.

Ungeachtet des ständigen Beschusses, willkürlicher Festnahmen und unvorstellbarer Folter ist die syrische Opposition kreativ geblieben. Man zitiert das Sprichwort "Notwendigkeit ist die Mutter der Erfindung", was in Syrien in der Tat zutrifft. Einst waren Twitter, Facebook und YouTube Hilfsmittel der Aktivisten. Assads rigoroses Vorgehen gegen jedwede Kommunikation und die tatkräftige Unterstützung durch den Iran haben den Aktivisten die Nutzung des Internets jedoch erheblich erschwert. Dem Regime auch technologisch stets einen Schritt voraus zu sein, ist keine einfache Aufgabe.

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Rafif Jouejati

ist Sprecherin der Local Coordination Committees (LCC) für den englischsprachigen Raum. Bei den LCC handelt es sich um einen Verbund von Aktivisten in Syrien, die Protestaktionen und andere Formen des zivilen Ungehorsams planen und organisieren. Darüber hinaus ist sie Gründungsmitglied des National Consensus Movement, einer politischen Organisation, die sich für ein demokratisches und säkulares Syrien einsetzt. Neben ihrem politischen Engagement leitet sie in den USA ein Beratungsunternehmen. Ihr Beitrag ist Teil einer Reihe über die neuen Akteure in den Transformationsstaaten der arabischen Welt, die ZEIT ONLINE in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung veröffentlicht.
 

Dennoch verstehen es die Aktivisten, die Technik zu nutzen, um Nachrichten zu verbreiten, Gemeinschaften zu mobilisieren und dafür zu sorgen, dass Syrien auf den Titelseiten der großen Zeitungen und Zeitschriften bleibt. Allerdings können sie das auf Dauer nicht allein leisten. Die internationale Gemeinschaft kann und sollte mit modernen Kommunikationsmitteln und Anti-Überwachungstechnik helfen.

Angst vor Haft größer als vor dem Tod

Für Aktivisten, die verhaftet werden, weil ihre Gespräche abgehört und ihre Korrespondenz mitgelesen wurde, ist die Angst vor Inhaftierung weitaus größer als die Angst vor dem Tod selbst. In der Haft können Informationen und Passwörter herausgepresst und Fingernägel, Zähne und Augen herausgerissen werden. Ja, die Angst vor Inhaftierung hat bei vielen mutigen Demonstranten die Angst vor dem Tod verdrängt.

Zahlreiche Vertreter der internationalen Gemeinschaft haben Assads Gewalt verbal verurteilt. Die Erklärungen kommen häufiger, die Äußerungen werden eindringlicher. Und doch haben Begriffe wie "empört", "entsetzt" und "entrüstet" für Assad keine Bedeutung. Er hat internationalen Plänen, die zu einer politischen Lösung der Krise führen sollten, systematisch zugestimmt und hat ebenso systematisch gegen sie verstoßen. Der gemeinsame Plan von UN und Arabischer Liga, dessen Umsetzung von Kofi Annan überwacht werden sollte, ist das jüngste Beispiel hierfür. Den Staatenlenkern muss es daher erlaubt sein, mehr Druck auf jene Staaten auszuüben, die Assad unterstützen.

Warum wird Russlands jüngste Waffenlieferung im Wert von 100 Millionen US-Dollar hingenommen? Verhängen wir doch Sanktionen gegen Russland, damit der Strom der Geschütze, die ganze Dörfer in Schutt und Asche legen, versiegt. Venezuelas Zusicherung, Assad weiterhin mit Dieselkraftstoff zu versorgen, trägt nur dazu bei, die Gewalt des Regimes aufrechtzuerhalten. Sanktionen gegen Venezuela könnten dem Assad-Regime die Luft abschnüren und dem Zusammenbruch einen Schritt näher bringen.

Leserkommentare
  1. Doch die Meinung, dass Al - Assad weg muss hat sie schon seit vielen Jahren.

    Und damit war´s das auch schon mit dem "Artikel".

    Schönen Gruß an den LCC und nach Washington DC.

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    • joG
    • 07. Juli 2012 13:51 Uhr

    ....kann man nicht streiten. Die Einen vertreten die Meinung man müsse Bevölkerungen Menschenrechte einräumen und Andere unterstützen Diktatoren, die das mit Folter, Massenmord Vertreibung verhindern. Obwohl ich fest glaube, dass es immer Ausnahmen geben kann, muss ich sagen, dass ich im augenblicklichen Fall die Befürworter einer Beseitigung des Diktators sympathischer finde und die Verteidiger des Tyrannen etwas peinlich.

  2. Empörung und Entrüstung ist alles, was Russland erlaubt. Viel interessante Bodenschätze gibts nicht, und für nichts werden Nato und UN nicht das Land um Russlands einzige Mittelmeerbasis angreifen. Und vor allem sollen die Verträge nicht gefährdet werden, welche nach Ausbau von Tartus und Latakia 2017 die Aufnahme der Schwarzmeerflotte an der Syrischen Küste erlauben.

    Putin hätte früh Position gegen Assad beziehen müssen und durch militärisches eingreifen den Syrern zeigen müssten, das eine Basis in Ihrem interesse ist. Auf Kohl Art und Weise hat er das Problem aber einfach ausgesessen und nun sind Russlands Pläne abhängig vom Fortbestand der Diktatur Assad.

    Keiner wird sich hier bewegen. Cold war all over.

  3. <em>Assads rigoroses Vorgehen gegen jedwede Kommunikation und die tatkräftige Unterstützung durch den Iran haben den Aktivisten die Nutzung des Internets jedoch erheblich erschwert. Dem Regime auch technologisch stets einen Schritt voraus zu sein, ist keine einfache Aufgabe.</em>

    Es wäre mir neu, dass in Syrien das Internet so zensiert wird. Im Gegenteil. Als Mubarak und Co. ihr Internet sogar komplett abgeschaltet haben, hat Assad ohne Vorankündigung im Februar 2011 Facebook nach 5-jähriger Sperre freigegeben.

    <em>Die internationale Gemeinschaft kann und sollte mit modernen Kommunikationsmitteln und Anti-Überwachungstechnik helfen.</em>

    Ja das macht sie auch schon seit über einem Jahr. Modernste Satellitentelefone werden verteilt an Kämpfer der Milizen. Damit kann man nichtnur wunderbar Datenverbindungen herstellen, man kann auch Informationen empfangen über Truppenbewegungen der syrischen Armee. Bereitwillig zur Verfügung gestellt von US-Dronen und Satelliten. Übrigens ist der Tatbestand der Spionage erfüllt wenn man mit so einem Ding erwischt wird. Die Strafen dafür sind dann Folter, Gefängnis oder Tot. Muss jeder selber wissen ob er eins haben will.

    <em>Und doch haben Begriffe wie "empört", "entsetzt" und "entrüstet" für Assad keine Bedeutung.</em>

    Wenn die gleichen leute die so empört tun, gleichzeitig radikale Milizen bezahlen, bewaffnen und trainieren - würden mir solche Anschuldigungen auch den Buckel runterrutschen.

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    indirekt eine Kontrolle und Eingrenzung des Internet Zugriffs in Syrien:

    http://rt.com/usa/news/obama-internet-sanctions-syria-788/

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unpassende Polemik. Danke. Die Redaktion/kvk

    Wie kommen Sie darauf, dass die modernsten Satellitentelefone, welche die Freischärler und Aktivisten von der internationalen Gemeinschaft erhielt, unbedingt zur Gewaltanwendung gebraucht werden?
    Die syrischen Aktivisten, die zu den telekommunikationsfreudigsten überhaupt gehören, -nicht nur eine lebhafte Twitter und Facebook-Community habend, auch die Anzahl von Google± Benutzern ist in den letzten Monaten rasant angestiegen, dazu kommen die vielen Tausend Youtube-"Journalisten" und hierbei darf man auch nicht vergessen, dass die jungen Syrier schon seit Jahren eifrige Mobilfunk-Nutzer sind, verdienen unsere Unterstütztung!!!
    In Anbetracht dieser Fakten ist es doch nahe liegender, dass die Aktivisten diese modernen Satellitentelefone zur Datenübertragen gebrauchen, um ihren Kommunikationsdurst zu stillen.

    Rebellen bekommen von den USA Satellitentelefone um zu googln.

    Junge Syrer benutzen Mobiltelefone schon seit Jahren, da muß man Ihnen doch gegen Assad helfen.

    Tausende "YouTube-Journalisten" berichten aus Syrien, das muß die Wahrheit sein.

    Was eine Million fliegen fressen kann doch nicht falsch sein!

  4. Menschliches Elend und Unterstützung der Opposition sind zwei getrennte Themen.

    Zitat 1: "Die internationale Gemeinschaft kann des verbrecherischen Chaos‘ unter Assad Herr werden, wenn sie sich jetzt auf die humanitären Bedürfnisse konzentriert. Die Staaten können gemeinsam enger mit Organisationen wie unseren Local Coordination Committees in Syrien zusammenarbeiten..."

    Das ist eine politische Botschaft von Rafif Jouejati, der in den Vereinigten Staaten lebenden Sprecherin der Lokalen Koordinierungskomitees.

    Im Rahmen des Genfer Erklärung dürfen sie sich einem Dialog nicht verschliessen. Alles andere bedeutet Eskalation und Bürgerkrieg.

    "...und humanitäre Hilfsaktionen – von Lebensmittel- über Kleider- bis hin zu Medikamentenspenden – finanzieren."

    Für die leidende Bevölkerung zu sammeln, das ist eine humanitäre Aufgabe. Sie muss aber über andere Wege organisiert werden.

    Zitat 2: "Die internationale Gemeinschaft sollte gleich noch einen Schritt weiter gehen. Sie könnte die syrischen Botschaften an die Oppositionellen übergeben, die die wahren und legitimen Vertreter des syrischen Volkes sind."

    Das bedeutet Aufhebung internationalen Rechts und Aufhebung internationaler Vereinbarungen.

  5. <em>Warum wird Russlands jüngste Waffenlieferung im Wert von 100 Millionen US-Dollar hingenommen? Verhängen wir doch Sanktionen gegen Russland, damit der Strom der Geschütze, die ganze Dörfer in Schutt und Asche legen, versiegt. Venezuelas Zusicherung, Assad weiterhin mit Dieselkraftstoff zu versorgen, trägt nur dazu bei, die Gewalt des Regimes aufrechtzuerhalten. Sanktionen gegen Venezuela könnten dem Assad-Regime die Luft abschnüren und dem Zusammenbruch einen Schritt näher bringen.</em>

    Klar. Wenn befreundete Staaten zusammenhalten und den völkerrechtswidrigen Eingriff des Auslandes auf die Belange eines souveränen verurteilen - müssen Sie natürlich sanktioniert werden.

    Aber Waffen liefern an radikale Milizen die Bombenanschläge mit hunderten zivilen Toten verüben - das ist vollkommen ok.

    Übrigens...Wer wissen will woher die Autorin dieses tendentiösen und völlig unsachlichen Artikel stammt:

    <em>Rafif Jouejati is a Syrian-American activist in the Washington, DC area. </em>

    http://www.facebook.com/rafif.jouejati

  6. Es erscheint mir

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    Entfernt. Die Redaktion/kvk

    • kyon
    • 05. Juli 2012 15:20 Uhr

    Leider ist das mit dem Helfen bei der chaotischen und zerstrittenen Opposition in Syrien mit deren fragwürdigen Zukunft so eine Sache.

    Die Oppostion ist nicht so überzeugend, dass eine etwaige Hilfe uneingeschränkt positiv bewertet werden kann.

    Die Welt steht doch recht hilflos diesem Konflikt gegenüber da. Eigentlich kann sie nur etwas falsch machen, wenn sie etwas macht oder etwas nicht macht. Ein unlösbares Dilemma.

  7. 8. [...]

    Entfernt. Die Redaktion/kvk

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