BürgerkriegPropaganda und Wirklichkeit im Syrien-Krieg

Der Abschuss des türkischen Jets zeigt: Objektive Informationen über Ereignisse in Syrien sind schwer zu bekommen. Welchen Quellen kann man trauen? von Andrea Nüsse

Protestierende in Qusair nahe Homs

Protestierende in Qusair nahe Homs, Ende Mai  |  © Reuters/Handout

Was die Mission des türkischen Kampfjets war und warum Syrien ihn abgeschossen hat , bleibt wohl ein Geheimnis der Militärs beider Seiten. Doch auch die exakten Entwicklungen in Syrien sind schwer zu beurteilen, weil sich eine Art Medienkrieg zwischen staatlicher syrischer Propaganda und Leitmedien wie den arabischen Sendern Al Dschasira und Al Arabija etabliert hat.

Die Sender gehören den Herrscherhäusern von Katar und Saudi-Arabien , die aktiv Partei für die Gegner Assads ergriffen haben und diese mit Waffen beliefern. Mehrere Mitarbeiter des Al-Dschasira -Büros in Beirut haben den Sender verlassen aus Protest gegen die parteiische und unprofessionelle Berichterstattung über Syrien und den Aufstand in Bahrain . Da die syrische Propaganda versucht, die Aufständischen als "Terroristen" darzustellen, wird es immer schwieriger, kritische Berichte über Teile der Opposition zu bringen, ohne als Handlanger des Regimes zu gelten.

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Am Anfang des Konfliktes wiesen Medien noch oft darauf hin, dass es schwer sei, objektive Nachrichten zu erhalten, weil keine ausländischen Reporter ins Land gelassen würden. Mittlerweile übernimmt die westliche Politik und Presse oft ohne Einschränkung die Darstellungen bewaffneter Kämpfer vor Ort und der "citizen reporter". Die in Großbritannien ansässige oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte ist die Hauptquelle westlicher Medien bei Berichten über Kämpfe und Tote in Syrien.

Gräueltaten auch von Rebellen

Dabei gibt es andere Stimmen, die davon zeugen, dass mittlerweile auch aufseiten der Opposition zumindest einzelne Gruppen vor Mord, Vergewaltigung und ethnischer Säuberung nicht zurückschrecken. Die Nonne Agnes-Mariam aus dem Jakobs-Kloster bei Homs beschrieb, wie eine junge christlich-orthodoxe Frau von Bewaffneten entführt und tagelang vergewaltigt wurde. Agnes-Mariam war selbst Zeugin, wie in Homs Aufständische zunächst einen Ladenbesitzer ermordeten, der sich geweigert hatte am Streik teilzunehmen. Anschließend hätten die Täter das Opfer per Handy gefilmt und mit dem Kommentar versehen, dass dies eine weitere Gräueltat des Regimes sei.

Der katholische Nachrichtendienst Agenzia Fides berichtet im Juni , Christen in der Stadt Qusair nahe Homs sei von den bewaffneten Rebellen unter General Abdel Salam Harba ein Ultimatum gestellt worden, die Stadt zu verlassen. Jene Christen, die geblieben seien, müssten auf der Straße Muslimen die Vorfahrt gewähren, berichtet die Agentur.

Mehrere britische Journalisten beschuldigen Rebellen, sie absichtlich in Hinterhalte der Armee geführt zu haben. Sie hätten den Tod der Journalisten in Kauf genommen, um die Weltöffentlichkeit gegen das Regime aufzuwiegeln, vermutet Alex Thomson von Channel 4 in seiner Beschreibung des Hergangs. Thomson war bei Hula den verschiedenen Versionen über das Massaker nachgegangen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Ich hatte es fast aufgegeben. Danke, dass endlich unsere Intelligenz nicht mehr beleidigt wird.
    Wenn sich die Journalisten bemühen würden, ehrlich zu sein, würde es auch weniger Kriege geben.

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    "Wenn sich die Journalisten bemühen würden, ehrlich zu sein, würde es auch weniger Kriege geben."

    Ja, klar. Glaube ich sofort...

    Aber mal ernst: Es hat nicht nur mit fehlender Mühe zu tun. Klar, Argenturmeldeungen abschreiben ist kein Journalismus. Aber im Schützengraben sitzen und live berichten führt zwar zu zuverlässigen Berichten, aber oft leider auch zum Tod des Reporters - weshalb Sie gerade bei Kriegsberichterstattung eben auf einheimische Quellen zurückgreifen; die sind dann entweder verlässlich oder nicht. Das zu unterscheiden ist aber eine schwierige Aufgabe, denn alle Kriegsparteien bemühen sich natürlich, die ausländische Meinung auf ihre Seite zu bekommen.

    Daher: Hacken Sie nicht pauschal auf allen Journalisten rum, deren Aufgabe ist nicht so simpel, wie Sie es sich vielleicht vorstellen. Das wir uns viele zweifelhafte Berichte anhören dürfen, sthet dabei außer Frage.

  2. zeit- online !

    die berichten immerschön , wie viele andere medien, von der "beobachterstelle" !

    aber sie haben noch nie berichtet : wer -was das eigentlich ist!

    seltsam , seltsam!

    und da hört die freie information auf!

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  3. Wenn die westlichen Propagandaschleudern glauben sich nach den zahllosen die Kriegsverbrechen rechtfertigenden Artikel mit so einem Schriebs zu rehabilitieren kann ich sie wachrütteln und ihnen glaubhaft versichern das sie ihrem Anspruch auf unabhängige Berichterstattung lange und tief im Volke verloren haben.

    Da ist auch die nächsten Jahre keine Bioden mehr gut zumachen zu mies und plump hat man abgebüttelt.

    Heutige Schreiber sind keine unabhängigen Journalisten mehr sondern Mediengestalter die Texte von bekannten Meinungsmacheragenturen copy/pasten mehr nicht.

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  4. Danke Andrea Nüsse, ich hatte nicht mehr daran geglaubt, dass jemand gegen den Mainstream schreibt.

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  5. JEDE Aussage kann logisch widerlegt werden. Wenn zB der Jet Einschusslöcher aufweist, dann wurde er von einer Maschinenkanone getroffen. Das KANN dann wegen der physikalisch begrenzten Reichweite der Waffe nur im syrischen Luftraum gewesen sein, egal wo die Maschine runterging oder worauf Erdogan "besteht".
    Niemand ist daran gehindert sämtliche - auch historische - Ereignisse, und wenn die Macht der Meinungsherrschenden noch so drückend scheint, logisch zu überprüfen und zu widerlegen.

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    Und jede kritische Interpretation kann ihrerseits infrage gestellt werden, denn wenn der Jet Einschusslöcher aufweist, könnte er auch von einem syrischen Jäger abgeschossen worden sein.

    Fakten lassen sich eben leider allzu oft unterschiedlich interpretieren. Man kann Fakten absichtlich so auslegen, dass sie eine präferierte Deutung unterstützen. Man kann sich aber auch schlicht irren, oder nicht alle Fakten zur Verfügung haben.

    Am heimischen Computer ist die Welt immmer sehr einfach und übersichtlich...

  6. Späte Erkenntnis würde ich das nennen. Und zwar nicht von der ZEIT, sondern vom Tagesspiegel. Aber was ändert das? Saudi-Arabien und Katar bezahlen diese Verbrecher. Sie liefern ihnen moderne Waffen und Sprengstoff. Und ganz sicher handeln diese Proxies nicht ohne das Wissen der USA und anderer NATO Staaten.

    Deutsche Bundespolizisten trainieren und unterstützen die Religionspolizei in Saudi-Arabien, der massive Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden (Quelle :WAZ). Die USA bewaffnet diese üble Diktatur mit hunderten modernen Kampflugzeugen. Deutschland liefert hunderte moderne Panzer mit Anti-Riot Ausrüstung.

    Ich warte jetzt drauf, dass in keinem zukünftigen Artikel über Syrien mehr diese unglaubwürdigen Quellen genannt werden (Die Beobachtungstelle aus London, Al-Jazeera, Al-Arabia...).

    Mir kann doch keiner erzählen, dass es bei der Berichterstattung über Konflikte wie Jugoslawien, Tschechenien, Libyen oder jetzt Syrien kein vereinbartes Agenda-Setting gibt.

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  7. Gibts nicht oder ? Monatelang werden Leute welche versuchen objektiv zu berichten oder versuchen kritich zu hinterfragen als Verschwörungstheretiker abgetan und verlinkungen zu kritischen Internetseiten werden rigeros gelöscht und dann das. Woher diese Kehrtwende ? Das die Londoner Einmannshow eine Farce sondergleichen ist sollte doch auch schon seit Monaten bekannt sein und wird es wahrscheinlich auch. Eine Wende im Mainstream ? Ich glaube kaum.

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  8. Sachliche Artikel bezüglich der Rebellenbewegungen im arabischen Raum/ Syrien sind leider Mangelware. Dieser Artikel ist eine Ausnahme. Danke!

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Bürgerkrieg | Medien | Agentur | Al-Dschasira | Berichterstattung | Opposition
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