Psychologie : Wie der Krieg Lust aufs Töten macht

Kinder als Schutzschilde, Angriffe auf Zivilisten, Folter – Syrien ist kein Einzelfall. Die Gewalt heutiger Kriege kann man erklären, sagt der Neuropsychologe Thomas Elbert.

Im syrischen Konflikt, der längst zum chaotischen Bürgerkrieg geworden ist, sind die Kinder die schwächsten Opfer. Gerade lenkten UN-Berichte die Aufmerksamkeit auf ihr kaum fassbares Leid.

UN-Mitarbeiter haben dokumentiert, was Augenzeugen beschrieben haben: eine Verrohung, die sich scheinbar jeder Deutung verschließt. Kinder, manche jünger als als zehn Jahre, wurden in Gefängnissen mit elektrischen Kabeln gepeitscht, mit Zigaretten verbrannt, Jungen und Mädchen vergewaltigt; in einem Fall wurden einem Kind Elektroschocks an den Genitalien beigebracht.

Die Kinder wurden angeblich festgehalten, weil ihre Geschwister oder Eltern als Oppositionelle verdächtigt wurden. Regierungssoldaten und Milizen missbrauchten Minderjährige nach den Berichten als Schutzschilde , Kinder wurden auch mit Waffen und in Uniform gesehen.

Thomas Elbert

ist Professor für klinische und Neuropsychologie an der Universität Konstanz und erforscht die Psychobiologie menschlicher Gewalt- und Tötungsbereitschaft.

Ähnlich grausame Auswüchse kennt man zwar aus vergangenen und aktuellen Kriegen. Trotzdem bleibt die Frage nach dem Warum. Der Neuropsychologe Thomas Elbert , der in Konstanz zu den Ursprüngen der menschlichen Gewalt- und Tötungsbereitschaft forscht, kann sie nur so beantworten: Der Mensch besitzt eine grundsätzliche Veranlagung dazu, aggressiv zu sein, ja sogar Lust an Gewalt und am Töten zu empfinden.

Elbert hat sich in Feldstudien unter anderem mit Kindersoldaten in Ostafrika beschäftigt, die ihre Feinde verstümmeln und quälen, oder mit Söldnern im Kosovo , die abgeschnittene Finger von Kleinkindern als Kette um den Hals trugen. Auch im Hirnforschungslabor und in Gefängnissen untersucht er die psychobiologischen Entwicklungsstadien des Menschen, in denen er zur Gewaltbereitschaft geprägt oder gegen sie konditioniert werden kann.

Der Jagdtrieb ist noch da

Die Evolution spielt für den Wissenschaftler eine zentrale Rolle: Dass der Mensch sich vor zwei Millionen Jahren vom Vegetarier zum Fleischfresser entwickelte, wurde nach seiner Einschätzung dadurch ermöglicht, dass sich die Hirnorganisation vor allem der Männer auf das Jagen einstellte. Die Bereitschaft zu töten entwickelte sich auch deshalb, weil Jagd an sich bereits eine belohnende Funktion hatte und damit letztlich auch Gewalt Freude bereitete. Biologisch hat sich seither wenig verändert. Der Verzicht auf Gewalt ist nach Elberts Thesen vor allem eine zivilisatorische Errungenschaft. Dies bestätigen Untersuchungen der heute noch existierenden Kulturen mit steinzeitlichem Charakter, wonach ein Drittel bis die Hälfte der Männer durch die Gewalt anderer zu Tode kommt.

Die Gestalt vieler heutiger Kriege kann bewirken, dass durch Sozialisation erworbene Hemmungen wieder verloren gehen. Denn nicht mehr reguläre Armeen stehen sich gegenüber. Am oft diffusen Kampfgeschehen sind Rebellen, Söldnergruppen, Kriminelle und ausländische Truppen beteiligt. Zusehends verschwimmt auch die klare Grenze zwischen Soldaten und Zivilisten, die immer häufiger zu Opfern und zu Akteuren werden. Waren im Ersten Weltkrieg nur rund 20 Prozent der Toten Zivilisten, hat sich das Verhältnis bis heute mehr als umgekehrt.

"Betrachtet man, wie sich etwa in einem solchen Bürgerkrieg die Fronten auflösen, wird klar: Es geht im Einzelnen nicht mehr um strategische, ideologische oder politische Ziele, sondern oft um viel kurzfristigere Anreize", sagt Elbert. Ökonomische Not kann eine Rolle spielen oder schlicht kriminelle Energie, das Gefühl von Macht und Zugehörigkeit zu einer starken Gruppe, aber auch eine Art Blutrausch. "Die Schwelle ist leicht zu überschreiten, wenn nicht umgehend Konsequenzen zu befürchten sind. Und es ist dann auch der Kampf als solches, der fasziniert." Der Mann geht auf die Jagd – nicht wegen der Beute, sondern um der Jagd willen.

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Kommentare

59 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Blutrausch für die Macht der Anderen

Die Frage ist nicht, warum Menschen zu so grausamen Taten fähig sind, sondern warum WIR politisch sowas zulassen und sogar noch fördern.

Würden die Milizen der FSA in Syrien noch kämpfen, wenn die Golfstaaten ihnen nicht die Waffen und den Sprengstoff dafür liefern würden? Mit Wissen und Beistand der NATO-Länder wohlgemerkt.

Würden die Milizen der FSA Zivilisten als Geiseln und Schutzschilde benutzen, wenn nicht westliche Medien diese Opfer dann als Massaker von Assad ausschlachten würden?

Würden sich nicht immernoch Armee gegen Armee auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen, wenn es nicht deutlich billiger (und politisch deutlich einfach umzusetzen) wäre, Oppositionelle oder Seperatisten dazu anzustacheln Regierungen zu stürzen?

Bitte diskutieren wir nicht darüber, wie Menschen zu sowas fähig sind, sondern warum die Verantwortlichen in Regierung und Geheimdienst diese Menschen dazu bringen es zu tun!

Das ist hinterhältig und feige in meinen Augen!

Man fragt sich auch,

warum und mit welcher Motivation Diktatoren wie Assad oder Saddam, wie von UN dokumentiert, Kinder foltern:

"UN-Mitarbeiter haben dokumentiert, was Augenzeugen beschrieben haben: eine Verrohung, die sich scheinbar jeder Deutung verschließt. Kinder, manche jünger als als zehn Jahre, wurden in Gefängnissen mit elektrischen Kabeln gepeitscht, mit Zigaretten verbrannt, Jungen und Mädchen vergewaltigt; in einem Fall wurden einem Kind Elektroschocks an den Genitalien beigebracht."

"Man fragt sich auch"

Man fragt sich auch, wieso Konstrukte, die mit "UN-Mitarbeiter haben dokumentiert, was Augenzeugen beschrieben haben" beginnen, von sich seriös gebenden Journalisten als Texte in die Welt gesetzt werden, im professionellen Wissen, dass diese Texte von vielen Rezipienten nicht mehr als pures Hörensagen erkannt werden sondern als Nachricht gelesen werden.

Oder andere Texte, die Sätze so nebeneinander stellen, dass der unaufmerksame Leser des Textes ein sehr einseitiges Bild gewinnen muss, ohne dass der Schreiber lügt.

Man fragt sich echt, was das soll.

Nicht ist realitätsferner:

"Aus ganz praktischer Sicht machen zudem moderne, kleine und leicht zu bedienende Waffen ihren Einsatz als effektive Kämpfer überhaupt erst möglich."

Das ist in mehrfacher Hinsicht "dummes Zeug"!

Erstmal waren, soweit es sich rückverfolgen läßt, "Waffen" für die Massen schon immer leicht bedienbar und der Autor läßt freundlicherweise ganz undefiniert was ein "effektiver" Kämpfer sein soll und wie er das belegt!

Solche typischen Befindlichkeitsaussagen sind immer ärgerlich, weil ohne jede Substanz!

Was soll das? Wenn u.a. völlig ausgeblendet wird, dass quasi alle die "Kämpfer" mit BTM zusätzlich stimuliert werden und sehr selten gegen ausgebildete Kampftruppen agieren.....
Dann taugen diese primär nur noch als Scheinziele oder Selbstmord-USBV Träger...

MfG KM

Kleine Nachhilfe

Bei den Waffen des Mittelalters und der Antike hätten Kinder einen sehr schweren Stand gehabt und hätten noch nicht einmal als Kanonenfutter getaugt. Lassen sie mal einen 8 Jährigen eine längere Zeit eine Helebarde, einen Speer oder ein richtiges Schwert benutzen. Da ist nach ein paar Schlägen die Luft raus. Die Nachteile liegen auf der Hand: Der Gegner kann einfach die eigenen Linien durchbrechen und den richtigen Kämpfern in die/den Seite/Rücken fallen.
Mit den heutigen Feuerwaffen ist das Verhältnis nicht mehr so schlecht.

Sehr geehrter Mathematiker,

Sie überschätzen die allgemeine Wirkung von Handwaffen und unterschätzen deren Gewicht mit Munition!

Wer "Kinder" einsetzt wird daher nur Waffen ausgeben welche der Körperkraft halbwegs angemessen sind, sicher keine, auch nicht ganz billigen, schweren Klingenwaffen aus Metall.

Für eine Schleuder mit Steinen oder Bleikugeln recht es aber allemal.

Natürlich kommts auch auf die Form der taktischen Verwendung an, schon für eine Phalanx brauchts fitte Erwachsene und keine Bierbauchträger.

Und letztlich immer die Frage ob der "Gegner" unbewaffnete Zivilbevölkerung, oder ein ausgebildeter militärischer Verband ist.

Ggeen Zililisten mag man noch, trotz eigener Unzulänglichkeiten vorankommen, gegen Militär sollte das nicht möglich sein.

MfG KM

Kindersoldaten in vormodernen Kriegen?

Tut mir leid, aber das ist Unfug.
Ein Kind könnte eine damalige Waffe nicht benutzen. Wie soll ein Kind einen Bogen mit einem Zuggewicht zwischen 30 und 50 kg spannen oder einen Speer weit genug werfen.

Kinder sind als Soldaten erst einsetzbar seit es Schußwaffen gibt und das Phänomen Kindersoldat ist ohne moderne kleinkalibrige Waffen nicht möglich.

@2. Müller Karl: So impulsiv und unbesonnen ...

... kennen wir Sie doch sonst nicht, Herr Müller! Ich habe mich stets an Ihren fundierten Kommentaren erfreut.

Selbstverständlich ermüdet ein modernes leichtes Sturmgewehr bei weitem nicht wie früher Schild, Schwert, Streitaxt, Muskete etc. und mit ihm umzugehen, bedarf keiner langen Ausbiildung mehr, leider!

Und was "effektiv" kämpfen in diesem traurigen Zuhammenhang heißt, ist doch wohl leider auch klar?

Der von Ihnen so heftig angegriffene Absatz Herrn Luthers beschreibt eine Tatsache völlig zutreffend

sehr geehrter bhs,

Danke für Ihr Vertrauen.

Natürlich ist das Spektrum an historischen waffen, welche durch Kinder bis 10 a benutzt werdn können stark eingeshcränkt, hatte ich aber erwähnt?

Problematisch wird allerdings, und da ist der Herr Prof. in der Pflicht, vorab zu definieren was er tatsächlich meint; schließlich hält er sich ja für einen Wissenschaftler...

Eben gerade weil die Begriffswahl so suggestiv ist.

Und im Kern verkenn er auch das Hauptproblem, nämlich die Verwendung von Kindern mit Handwaffen gegen Zivilisten, dazu braucht es tatsächlich nicht viel.
Der Unterschied wird erst sichtbar, wenn solche Banden gegen Berufsoldaten kämpfen, glauben Sie mir dann rächt sich das Ausbildungdefizit.

Daher kommt es mir hier auf eine genaue Sachverhaltsbestimmung an.

MfG KM

@45. Müller Karl: Prof. Elbert verkennt den Kern des Problems ..

... offenbar doch nicht:

"Denn nicht mehr reguläre Armeen stehen sich gegenüber. Am oft diffusen Kampf-geschehen sind Rebellen, Söldnergruppen, Kriminelle und ausländische Truppen beteiligt."

In den zunehmenden Konflikten werden "Ihre" Berufssoldaten offensichtlich weniger. Ein gefallener Berufssoldat wiegt schwer in unserer "Zivilisation" und kostet viel Geld. Ein toter Kindersoldat dagegen ...? (Hier ist mir mein - technisch bedingter - Zynismus wohl bewußt!)

Sehr geehrter bhs,

wollen Sie noch zu einem unterhaltsamen Abend beitragen?
Gewicht ist immer Handwaffe fertiggeladen, dh. 1 Magazin zwischen 20 - 40 Patronen + Waffe und man landet unweigerlich bei 4-5 kg.

Aber das ist eigentlich ziemlich egal, solange es gegen Menshcne geht, die sich aus irgendwelchen Gründen nicht mit verglichbaren Mitteln wehren können.

Und ja, ich weiß wie die Wirkung der M-193 und anderer Geschossbauformen dieses Kalibers aussieht, ganz real. Terminalballistisch "spektakulär" sind dabei übrigens vorwiegend die Distanzen unter 100 m, steht das auch in wikipedia?

Dann emfehle ich Ihnen noch nach dem Wärmeinhalt des verwendeten Pulvers in der M-193 zu googeln, und Sie haben fast schon die Antwort wie "effektiv" solche Sturmgewehre sind....

Wünsche noch einen schönen Abend.

MfG KM

Sehr geehrter bhs,

da ea auch genügend trainierte Söldner etc gibt, muss der Herr Professor schon aufdröseln was genau er da jeweils zu wissen meint.

Alles in einen Topf zu werfen ist m.E. hier schlicht unseriös.

Das Kindersoldaten für viele Zwecke kostengünstig erscheinen, macht diese leider recht attraktiv. Nicht umsonst rekrutieren ja auch allerlei Organisationen gerne in Flüchtlingslagern.

MfG KM

verdrängte aggressionen

es ist offensichtlich, dass kulturen, bei denen im alltag ein besonders höfliches miteinander gepflegt wird, im kriegsfalle ausserordentlich brutal zu werke gehen. erklären lässt es sich wohl damit, dass die dem menschen ureigenen aggressionen ständig nur verdrängt werden und dann mit voller wucht ausbrechen. ein prominentes beispiel war japan im zweiten weltkrieg.