Im syrischen Konflikt, der längst zum chaotischen Bürgerkrieg geworden ist, sind die Kinder die schwächsten Opfer. Gerade lenkten UN-Berichte die Aufmerksamkeit auf ihr kaum fassbares Leid.

UN-Mitarbeiter haben dokumentiert, was Augenzeugen beschrieben haben: eine Verrohung, die sich scheinbar jeder Deutung verschließt. Kinder, manche jünger als als zehn Jahre, wurden in Gefängnissen mit elektrischen Kabeln gepeitscht, mit Zigaretten verbrannt, Jungen und Mädchen vergewaltigt; in einem Fall wurden einem Kind Elektroschocks an den Genitalien beigebracht.

Die Kinder wurden angeblich festgehalten, weil ihre Geschwister oder Eltern als Oppositionelle verdächtigt wurden. Regierungssoldaten und Milizen missbrauchten Minderjährige nach den Berichten als Schutzschilde , Kinder wurden auch mit Waffen und in Uniform gesehen.

Ähnlich grausame Auswüchse kennt man zwar aus vergangenen und aktuellen Kriegen. Trotzdem bleibt die Frage nach dem Warum. Der Neuropsychologe Thomas Elbert , der in Konstanz zu den Ursprüngen der menschlichen Gewalt- und Tötungsbereitschaft forscht, kann sie nur so beantworten: Der Mensch besitzt eine grundsätzliche Veranlagung dazu, aggressiv zu sein, ja sogar Lust an Gewalt und am Töten zu empfinden.

Elbert hat sich in Feldstudien unter anderem mit Kindersoldaten in Ostafrika beschäftigt, die ihre Feinde verstümmeln und quälen, oder mit Söldnern im Kosovo , die abgeschnittene Finger von Kleinkindern als Kette um den Hals trugen. Auch im Hirnforschungslabor und in Gefängnissen untersucht er die psychobiologischen Entwicklungsstadien des Menschen, in denen er zur Gewaltbereitschaft geprägt oder gegen sie konditioniert werden kann.

Der Jagdtrieb ist noch da

Die Evolution spielt für den Wissenschaftler eine zentrale Rolle: Dass der Mensch sich vor zwei Millionen Jahren vom Vegetarier zum Fleischfresser entwickelte, wurde nach seiner Einschätzung dadurch ermöglicht, dass sich die Hirnorganisation vor allem der Männer auf das Jagen einstellte. Die Bereitschaft zu töten entwickelte sich auch deshalb, weil Jagd an sich bereits eine belohnende Funktion hatte und damit letztlich auch Gewalt Freude bereitete. Biologisch hat sich seither wenig verändert. Der Verzicht auf Gewalt ist nach Elberts Thesen vor allem eine zivilisatorische Errungenschaft. Dies bestätigen Untersuchungen der heute noch existierenden Kulturen mit steinzeitlichem Charakter, wonach ein Drittel bis die Hälfte der Männer durch die Gewalt anderer zu Tode kommt.

Die Gestalt vieler heutiger Kriege kann bewirken, dass durch Sozialisation erworbene Hemmungen wieder verloren gehen. Denn nicht mehr reguläre Armeen stehen sich gegenüber. Am oft diffusen Kampfgeschehen sind Rebellen, Söldnergruppen, Kriminelle und ausländische Truppen beteiligt. Zusehends verschwimmt auch die klare Grenze zwischen Soldaten und Zivilisten, die immer häufiger zu Opfern und zu Akteuren werden. Waren im Ersten Weltkrieg nur rund 20 Prozent der Toten Zivilisten, hat sich das Verhältnis bis heute mehr als umgekehrt.

"Betrachtet man, wie sich etwa in einem solchen Bürgerkrieg die Fronten auflösen, wird klar: Es geht im Einzelnen nicht mehr um strategische, ideologische oder politische Ziele, sondern oft um viel kurzfristigere Anreize", sagt Elbert. Ökonomische Not kann eine Rolle spielen oder schlicht kriminelle Energie, das Gefühl von Macht und Zugehörigkeit zu einer starken Gruppe, aber auch eine Art Blutrausch. "Die Schwelle ist leicht zu überschreiten, wenn nicht umgehend Konsequenzen zu befürchten sind. Und es ist dann auch der Kampf als solches, der fasziniert." Der Mann geht auf die Jagd – nicht wegen der Beute, sondern um der Jagd willen.