Krisenpolitik : Holen wir uns Europa zurück!

Technokraten gefährden die europäische Idee mit ihrer kalten Krisenpolitik. Dagegen müssen wir Bürger uns wehren, kommentiert Ludwig Greven.
Statement für Europa: Im März 2010 bildeten Menschen vor der St.-Stephans-Basilika in Budapest die europäische Flagge nach. © Attila Kisbenedek/AFP/Getty Images

Der Euro wurde 1990 von Helmut Kohl und François Mitterrand geschaffen, um Europa zu einen. Jeder sollte die Gemeinschaftswährung irgendwann in der Tasche tragen, als verbindendes Ferment der europäischen Integration. Heute ist der Euro zum Krisenmoment geworden, der den Zusammenhalt der EU gefährdet.

Zwar ist die Wahl in Griechenland, zumindest aus Sicht der übrigen Euro-Länder, für den Euro "gut " ausgegangen. Die Währung lebt noch, Europa bricht nicht auseinander – vorerst zumindest. Doch schon will Zypern Milliardenhilfen aus den europäischen Rettungstöpfen und Italien könnte bald folgen.

Mehr und mehr stellt die Krise des Euro so das Projekt Europa infrage: die Werte, Ideale und Hoffnungen, die mit der europäischen Einigung seit dem Zweiten Weltkrieg und später seit dem Zusammenwachsen des Kontinents nach 1989 verbunden waren.

Denn die Krise trifft immer mehr Menschen in ihrer ökonomischen Existenz. In Griechenland sind 20 Prozent der Bürger von Armut bedroht. Lebensmittel und Benzin werden immer teurer, während die Löhne und Renten um 30 Prozent gesenkt wurden. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt hier bei mehr als 50 Prozent, ebenso in Spanien , in Italien bei fast 30 Prozent.

Ludwig Greven

ist Politik-Redakteur bei ZEIT ONLINE. Dieser Text basiert auf einem Referat des Autors bei einer Tagung des Netzwerks Weimarer Dreieck der deutsch-französischen Stiftung Genshagen und der Friedrich-Ebert-Stiftung zur politischen Krise Europas.

Es droht, dass sich gerade die jungen Menschen dieser Länder in Hoffnungslosigkeit verlieren. Die Gefahr wächst, dass aus ihrer Verzweiflung politische Radikalisierung wächst und dass sie sich von diesem Europa abwenden. Was auch sollen sie noch aus Brüssel und von den reichen Ländern im Norden erwarten? Von dort wird ihnen immer nur gesagt, dass sie über ihre Verhältnisse gelebt und es sich auf Kosten der Steuerzahler in Nordeuropa bequem gemacht hätten.

Europa wird zum Symbol für Perspektivlosigkeit

Kein Zweifel: Der Abbau der hohen Verschuldung ist notwendig, nicht nur in den Krisenländern, sondern auch in Deutschland. Aber die harten Einschnitte gerade zulasten der jungen Generation hinterlassen Spuren in ihrem Denken. Europa, das bedeutet für sie nicht mehr Reisefreiheit, gleiche demokratische Rechte oder freie Arbeitsplatzwahl. Sondern Verschlechterung der Lebensverhältnisse, Verlust der Arbeit, Perspektivlosigkeit.

Was also ist zu tun? Vor allem dürfen wir uns weder auf den Nationalstaat zurückziehen, noch auf kalte Sanierungspolitik. Und: Europa darf nicht zum Geschäft von Technokraten werden. Europa, das sind wir Bürger. Wir müssen entscheiden, wie es auf diesem Kontinent weitergeht. Überlassen wir Europa nicht den Regierungen und Banken.

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Kommentare

207 Kommentare Seite 1 von 27 Kommentieren

"Europa, das sind wir Bürger. Wir müssen entscheiden, .....

.... wie es auf diesem Kontinent weitergeht. Überlassen wir Europa nicht den Regierungen und Banken."

Das ist zwar generell richtig. Es ist aber auch popularisierend hetzerisch indem die Banken thematisiert werden. Das packt den Mob am Herzen, deutet aber weg vom eigentlichen Problem. Die Banken, so verhasst man sie zwischenzeitlich durch solche Hetze machte, sind nur Statisten gewesen und nur nur unwesentlicher Kollateralschaden.

Natürlich sollten die Bürger die Politik bestimmen. Dazu organisieren sie sich und nutzen ihre Organisationen um die Dinge, die ihnen wertvoll sind zu erreichen. Dazu bestellen sie sich Leute, die das tun sollen, was die Bürger wollen. Um diese Aufgaben zu erledigen, übertragen die Bürger an diese Leute Macht. Diese Macht kann missbraucht werden und wurde missbraucht beim Bau des europäischen Gebäude, das gerade über uns zusammenbrach.
Die Bürger müssen daher diese Leute aber kontrollieren. Wie sich herausstellt haben sie das nicht genügend getan. Es war den meisten gar nicht bewusst, dass sie das hätten sollen. Viele wissen nicht einmal jetzt, dass das die Hauptfunktion des Grundgesetzes sein sollte. Der Bürger muss nun lernen, wie man die von ihm bestellten Politiker und deren Administranten der öffentlichen Dienste kontrolliert.

Da muss man ansetzen. Das ist offensichtlich. Und das hat gar nichts mit den Banken zu tun. Das hat mit Verfassungsstrukturen, Checks und Balances zu tun. Alles andere hierzu ist Störfeuer oder Firlefanz.

Demokratie, Plutokratie?

An dieser Stelle finde ich es auch daneben Banken einfach mal so als Schlagwort zu erwähnen, der Artikel gibt das in meinen Augen von seinem Aufbau einfach nicht her.

Ich stimme dann auch Ihrer Behauptung zu, dass "die Bürger die Politik bestimmen" sollten.

Andererseits frage ich mich schon, wer die Politik praktisch bestimmt - Menschen oder Geld? (Tatsächlich wird ja schon des Leben praktisch jedes Menschens weitgehend vom Geld bestimmt, oder nicht?)

Wenn letztlich Geld entscheidet, finde ich auch die Forderung politisch aktiver zu sein und Politiker als Bürger stärker zu kontrollieren, um Machtmissbrauch zu verhindern und mehr, zweifelhaft bis fehlgeleitet.

"Ein Europa der Vaterländer"

"Vaterländer" sind Relikte aus dem letzten Jahrtausend und wie ein Blick in die Geschichte zeigt alles andere als heilbringend.

Was stärker wiegt sind gemeinsame Werte, wie Gleichheit, Brüderlichkeit, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. In der Auffassung dieser sind wir Europäer uns wesentlich ähnlicher als im Vergleich zu den Amerikanern.
Auch Sprachen sollten im 21. Jahrhundert mit seinen technischen Möglichkeiten keine echten Barrieren mehr darstellen.

Ein Bürger, eine Stimme-
Unter diesem Dach sollte ein vereintes Europa möglich sein.

Leisten wir uns weiterhin vaterländische Egoismen, dann kreisen die Geier der Globalisierung und Konkurrenten wie China und die USA werden nur auf die Gelegenheit warten und dann die Europäer in ihrer Dummheit und Uneinigkeit gegeneinander ausspielen und dann genüsslich ausweiden.

In der Politik ist es mE immer so.....

....dass ein Bürger immer, wenn er seine Ziele versucht durchzusetzen, er es leichter wird können, je mehr er sich leisten kann zu tun. Er geht essen mit Mitbürgern um die Maßnahmen zu besprechen, die ihm am Herzen liegen, bezahlt das Essen vielleicht. Gibt seinem Gesprächspartner vielleicht eine Mappe mit den relevanten Papieren mit. In der Mappe aus Leder ist vielleicht zum addieren ein HP Rechner und um Notizen zu machen ein Federhalter vielleicht von Waterman.

Das nutzte Obama mit viel Werbung und Großveranstaltungen. Das meiste Geld hatte er eingesammelt in Einzelspenden von $5 - $25 im Internet.

Wie wollen Sie die politische Kraft ohne....

....die Wut der Bürger aufbringen? Dafür sind die Hürden zu groß. Immerhin müssen viele Gesetze vermutlich auch die Struktur des Grundgesetzes geändert werden, die eine funktionierende Interessengemeinschaft öffentlich Bediensteter nutze und über Jahrzehnte ausbaute nach ihrem Weltverständnis. Da wird Wut nicht genügen. Aber um die Erste Kraft zu starten braucht es Hilfe von wo auch immer man sie bekommt.

Erzählen Sie das mal den Luxemburgern

oder den Maltesern:

"Ein Bürger, eine Stimme-
Unter diesem Dach sollte ein vereintes Europa möglich sein."

Das wäre das Signal zur endgültigen Dominierung Deutschlands über die kleinen Staaten Europas!

Gute Absichten ohne klare Analyse und Verständnis der Positionen der anderen Länder langen eben nicht!

Das ist das wahre Problem Europas heutzutage.

EWG, EG und EU waren gut und richtig - die Super-Einheits-Wirtschaft ist es nicht.

"Wer denkt, ist nicht wütend." - Adorno

Ein Europa kann immer nur ein Europa der Bürger sein, wenn wir die Menschen nicht für die europäische Idee verlieren wollen, und natürlich erfordert ein zusammenwachsendes Europa einen starken Bürgersinn.

Ich stelle nur fest, dass so mancher Bürger in seiner hier und da vielleicht berechtigten Wut übers Ziel hinausschlägt. Demokratie ist Selbstzweck, demokratische Entscheidungen müssen anerkannt werden - aber sie können trotzdem falsch sein, andere Entscheidungen können sich als die besseren erweisen.

Telefonieren Sie mit Ihren Freunden....

...mit allen Freunden und Kollegen. Jeder von ihnen soll das auch tun. Alle sollten ihren Abgeordneten im Bund anrufen. Jeder seinen Abgeordneten im Landtag. Jeder, den er bei einer Partei kennt. Allen diesen Leuten klar machen, was man will.
In jedem Forum der Parteien und Medien die Meinung schreiben.

Für andere Maßnahmen ist es vermutlich zu spät. Aber vielleicht sind ein paar Millionen solcher Äußerungen genügend überzeugend um Angst zu machen.

Aber eigentlich hatte man vor Jahren schon damit beginnen müssen die Kontrollen einzufordern. Das wollten damals jedoch die meisten Bürger nicht hören.

Was hat das alles

mit Ihnen und Europa zu tun.

Sie sind Europaer.
Es ist Ihre Pflicht, sich vernuenftig zu verhalten, Ihre eigenen Schwierigkeiten zu ueberwinden. Und die in der Nachbarschaft, wenn sie Sie stoeren.

Warum all dieser Quatsch und Vergleiche.

Ich kann viele in meiner Regierung und sogar unter meinen Landsleuten nicht leiden. GottseiDank noch eine Minderheit. Aber wohl weniger als 5% bei Ihnen, weil Sie ein so gutes Vorbild fuer D-Land sind: Reden, mehr reden, nichts tun. Vielleicht Sachen auf andere ablenken usw usw.

One man - one vote!

"Im EU-Ministerrat werden die Stimmen allerdings nach Bevölkerungszahl gewichtet. Deshalb kann im EU-Parlament das Prinzip "one man - one vote" nicht durchgesetzt werden."

Schade, keine Vision.

Der springende Punkt ist doch der: Jeder Texaner, Kalifornier, etc. ist in erster Linie Amerikaner.
Da müssen wir Europäer hin: wir sind in erster Linie Europäer und dann erst Deutsche, Franzosen, Belgier usw.
In Deutschland klappt das doch auch: Jeder Bayer ist ein Deutscher, aber nicht jeder Deutsche ist ein Bayer.
Und wenn sich jeder als Europäer begreift, hat dann auch jede Stimme das gleiche Gewicht.
Außerdem- was spricht dagegen, in der EU zum Ausgleich ein Zweikammern-System einzuführen wie z.B. Bundestag und Bundesrat oder Kongress und Senat wie in den USA?

Nein, das nicht....

aber wir denken schon alle "europäisch".

Ich habe acht Jahre lang in den USA gelebt und in der Zeit auch einige Europäer getroffen.
Und es ist frappierend, wie ähnlich unsere Ansichten in vielen DIngen bereits sind.
Ein Blick auf den Kontinent aus der Ferne ist ganz aufschlussreich- es verändert den Blick aufs Wesentliche.
Und Sprache ist im 21 Jahrhundert mit seinen technischen Möglichkeiten nur noch eine lahme Ausrede.

Wenn es so wäre, dann

wäre es ein 100% sicheres Zeichen für den nahenden Untergang unserer Kultur:

"Und Sprache ist im 21 Jahrhundert mit seinen technischen Möglichkeiten nur noch eine lahme Ausrede."

Das können Sie mir glauben.

Ich bin aber überzeugt, dass unsere Landsleute irgendwann der Mißachtung der Sprache (jeder - nicht allein der deutschen Sprache), der Nachlässigkeit und Schlampigkeit im Umgang mit ihr überdrüssig werden, und sich auf ihre Wichtigkeit als Basis unserer (jeder) Kultur zurückbesinnen.

Vielleicht kann die moderne Technik dabei sogar helfen, weil sie immerhin Kopien fast aller Kulturgüter in jedermanns Reichweite bringt.

Artikel, dem ich nur zustimmen kann.

Nur leider hört man die selbst ernannten Wirtschaftsexperten, die keinen blassen Dunst von der Wirtschaftsstruktur der Südländer, geschweige denn von den Ursprüngen der Finanz- und Wirtschaftskrise haben, immer lauter schreien.
Zu viele Sarrazin-Verehrer, verkappte Stammtisch-Nationalisten und Leute, die meinen, dass man gewisse Dinge einfach mal sagen dürfen müsse.

Artikel, dem ich NICHT zustimmen kann

Allein der erste Satz: "Der Euro wurde 1990 von Helmut Kohl und François Mitterrand geschaffen, um Europa zu einen." [...] Kohl ist damals einen Kuhhandel eingegangen. Er hat die D-Mark (sie war Mitterand schlicht zu stark geworden) geopfert um dafür die Deutsche Wiedervereinigung zu bekommen. Um nichts anderes ging es.

Ich kann dazu sehr den Artikel "Wie wär´s mal mit der Wahrheit?" empfehlen: http://www.focus.de/finan...

Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/jz

Liebe Redaktion

Es wäre allgemein sehr hilfreich, dass Sie, wenn Sie schon einen geschriebenen Kommentar kürzen, vielleicht mit einem Symbol kennzeichnen, wo Sie was rauslöschen. Sonst kann die Aussage verfälscht werden.

Im Übrigen orientiert sich meine Wortwahl in etwa am semantischen Pool, auf das auch Bilderberger Steinbrück bei Diskussionen mit z.B. Sarazzin zurückgreift.

Vielen Dank.

Wir haben Europa nie gehabt

Dieses Europa war schon immer das Europa der Techno- und Bürokraten. Die Halbherzigkeit ist Teil der Fehlkonstruktion. Je mehr die politischen Opportunisten in den europäischen Ländern die Führung übernommen haben, desto mehr ist die längst überfällige politische Union ins Hintertreffen geraten. Populisten wissen zwar nach Krisen immer, wie man sie hätte verhindern können und dass es ganz sicher "die anderen" waren, aber sie taugen nicht für politische Prozesse für die man vor allen Dingen Überzeugungen und Durchhaltevermögen braucht. Dieses Europa ist, so auf jedenfall, nicht zu retten.

Widerspruch! Dies ist mein Europa!

Seit ich zu Schüler- und Studentenzeit dieses wunderbare Europa bereiste mit Interrailticket und Rucksack, und mit Peseten, Lira, Drachmen, Gulden im Brustbeutel, die ich immer wieder mit Verlusten hin und hertauschen mußte und deren Restbestände heute meinen Kindern als Kuriositäten aus der Vergangenheit dienen (Münzen mit Loch in der Mitte!!!)

Und ja, da bin ich schwärmerisch: Ich habe Spanier, Italiener, Griechen, Engländer uswusf kennengelernt auf diesen Reisen, und wir haben uns ALLE als Europäer auf gemeinsamer Augenhöhe gefühlt.
Das Überqueren der Ländergrenzen habe ich häufig im Zugabteil verschlafen, es war auch bedeutungslos.

Daß dieses Europa zuschandengeritten wird durch korrupte Politiker, die ihre Bevölkerung der globalisierten Finanzwirtschaft in den Rachen werfen, erbost mich zutiefst.

Eine Utopie ist so zur Dystopie geworden.

Das IST eine Tragödie.

kassandra

Genau - Europa der Billigreisen - welch ein Gewinn

ja, die Reisefreiheit, die muss immer herhalten, wenn verzweifelt nach Gründen gesucht wird, was die heutige EU den Normalbürgern eigentlich an Vorteilen gebracht hat. Nachteile muss man ja nicht lange suchen.

Ist es wirklich so ein Gewinn, wenn man einmal im Jahr (Grenzgänger mal ausgenommen) von Schweden nach Spanien fahren kann, ohne sein Plastikkärtchen zücken zu müssen? Warum macht es den gleichen Studenten und Vergnügungstouristen, die sich über mögliche innereuropäische Grenzkontrollen echauffieren, nichts aus, ihr Japan-, China- oder Malaysiavisum zu beantragen, um die Länder zu bereisen oder dort zu studieren?
Warum macht es Europäern nichts aus, sich bei der Einreise in die USA wie ein Schwerverbrecher filzen zu lassen, den bloßen Anblick eines dänischen Grenzbeamten hingegen schon als Verbrechen gegen die Menschlichkeit betrachten?

Die wahren Nutznießer der EU-Reisefreiheit sind nicht die Bürger, sondern die Unternehmer und Spediteure, die ohne Grenzaufenthalte die spanischen Sardinen zum Zerlegen nach Estland kutschieren, zum Eindosen nach Tunesien, von dort zum Etikettieren nach Schottland und zum Stempeln "Spanisches Produkt" (haha) die Büchsen nach Moldawien verfrachten.

Das ist die eigentliche EU. Eine EU für Unternehmer, Finanzmakler, Geldmacher, Großagrarier, Lobbyisten und Subventionsbezieher.

Und für den Erhalt dieser "Reisefreiheit" sollen wir Bürger und kommende Generationen sich bis zur Halskrause verschulden.

Vielen Dank auch!

Es geht nicht ums Billigreisen,

Sie teilen möglicherweise nicht die gleichen Erfahrungen wie ich.

Der Warentourismus, den Sie erwähnen, ist wahrhaftig eine Dekadenz erster Güte und ich könnte weitere hinzufügen: die norddeutschen Krabben, die in Marokko gepult und im Bulgarien mariniert werden, um dann in Deutschland als "Nordseekrabbensalat" verkauft zu werden. Und und und.

Nein, es geht mir darum, daß ich in meiner Jugendzeit gleichaltrige aus verschiedenen Nationen getroffen habe, die altersbedingt nicht mehr die Bürde von zwei Weltkriegen trugen, sondern die einander als gleichberechtigt begegneten und freundschaftlich miteinander diesen vielfältigen Kontinent erkunden wollten.

Reisen bildet, besonders wenn man sich auf andere Reisende einlässt.

k.

Was hat das mit der EU zutun?

Wenn Sie ihre Argumentation aber soweit zurückschrauben, dass es nur um das freundliche Miteinander geht, hat das absolut nichts mehr mit der Institution/Projekt EU zu tun. Nur weil an einer Grenze keine Passkontrollen mehr stattfinden, sind die Menschen dahinter nicht freundlicher oder unfreundlicher, was für ein Murks.
Was Sie erlebt haben ist sehr zu begrüßen, keine Frage, aber eher ein Zeichen dafür, dass sich die Jugend zu dieser Zeit bewusst von den eingetrichterten Hass-Predigten distanziert und eben erkennt "das sind auch Menschen wie wir". Etwas das wir aktuell wieder akut zu verlieren drohen - funktioniert doch das Prinzip "Teile und herrsche" so vorzüglich in den europäischen Völkern.

Welche europäische

Sprache sprechen Sie denn? In welchem Europa zahlen sie ihre Steuern? Geben Sie Leuten die Hand, wenn sie jemanden grüßen, oder küssen sie sie auf die Wange? Und wenn, fangen sie mit der linken oder der rechten Wange an? Oder machen Sie alles gleichzeitig? Finden Sie auch, dass wir Deutsche alle verklemmt sind?

Ich weiß, das scheinen Kleinigkeiten zu sein, und irgendwie muss man ihre Einstellung ja auch bewundern. Aber wenn sie sich nur noch "europäisch" fühlen, dann tut es mir Leid - sie haben keine wirkliche Heimat.

Stimmt!

"Ich bin eine Europäerin, die in N-Deutschland geboren wurde, eine andere Selbstbeschreibung ist für mich nicht mehr vorstellbar."

Dem kann ich mich (fast) voll umfänglich anschließen:
Ich bin ein Europäer, der in O-Deutschland geboren wurde, eine andere Selbstbeschreibung ist für mich nicht mehr vorstellbar.

Vielleicht ist es heute noch nicht die Mehrheit die diese europäische Identität vor den Nationalstaaten stellt, aber ich merke, das es immer mehr werden. Auf alle Fälle bildet sich eine extrem starke Gruppe welche dieses Gefühl verkörpert und diese wird diesen Kontinent letztendlich auf allen Ebenen zusammenführen.

Ich freue mich drauf, denn gerade der Mix aus unterschiedlichen Kulturen die eng miteinander arbeiten wird eine extreme Innovationskraft für diesen Raum bedeuten.

Eigentlich müssen wir nur die Chance begreifen, die einmalig in der Geschichte dieser Region ist.

ich bin nicht direkt angesprochen

Ich bin nicht direkt angesprochen, aber ich antworte trotzdem mal...

"Sprache sprechen Sie denn? In welchem Europa zahlen sie ihre Steuern? Geben Sie Leuten die Hand, wenn sie jemanden grüßen, oder küssen sie sie auf die Wange? Und wenn, fangen sie mit der linken oder der rechten Wange an? Oder machen Sie alles gleichzeitig? Finden Sie auch, dass wir Deutsche alle verklemmt sind?"

Schauen Sie, Deutschland hat auch verschiedene Regionen mit unterschiedlichen Kulturen, teilweise sind die Sprachen auch nicht immer 100% verständlich. Mit Franzosen, Spaniern oder Italienern kann man sich aber auch recht gut unterhalten, wenn man denn will. Unterschiedliche Regionen sind immer kulturell unterschiedlich, da ist es aber egal ob man in Hamburg, Berlin, Stuttgart aber auch in Madrid, Rom oder London lebt. Die Unterschiede sind insgesamt nicht mehr viel größer als in den Nationalstaaten von vor 50 Jahren.

Insgesamt sind die Nationalstaaten auch nur künstliche Gebilde, welche unterschiedliche Kulturen und Regionen zusammengefasst haben. Warum sollte das in der heutigen eng vernetzten Zeit, bei der man innerhalb von 2 Stunden an jeden Punkt von Europa kommen kann, nicht auch für diesen erweiterten Kulturraum funktionieren? Als die Nationalstaaten gegründet wurden, waren die Entfernungen zwischen den Menschen innerhalb der Staaten viel größer...

Ja und ich bin durch die ganze Welt gereist...

und habe in allen Ländern gefühlt, dass wir alle die gleichen Menschen sind und deshalb gründen wir jetzt die Vereinigten Weltstaaten.

Leider kommt man im harten Alltag mit Sozialromantik nicht einmal zu einer funktionierenden Währung. Man muss das Pferd schon richtig herum aufstellen, um Europa eine Chance zu geben.

Die "Elite" hat Europa vermasselt. Wie schon in einem Kommentar beschrieben, ging es Mitterand erst einmal nur um die Beseitigung der starken DMark. Zu kurz gedacht, es hätte am Ende des Prozesses kommen müssen. Nun ist das Projekt am Ende, weil Nordeuropäer und Südeuropäer währungspolitisch in verschiedene Kulturen leben. Das wir auch gern Pizza, Paela, Croissants und Oliven essen, reicht vielleicht für einen Ehevertrag, aber nicht für eine langjährige Ehe. (höchstens bis der Euro-Tod uns scheidet)

Es gibt verschiedene Europas

Um es voweg zu sagen: ich bin auch ein begeisterter und überzeugter Europäer, aber wenn in dem Artikel von Europa gesprochen wird, ist die Realität der "Europäischen Union" gemeint. Gerade der Unterschied zwischen Realität und Anspruch der Vision eines vereinten Europas und dem Ergebnis einer "Europäischen Union" ist bezeichnend. Aus dem Potential einer wirklichen Vereinigung wurde nur sehr wenig gemacht. Anstelle die Möglichkeiten einer "Europäische Union" zu nutzen, um gemeinsam Probleme zu lösen, hat man die Probleme des Staatenverbundes hinzufügt.

Da haben Sie wohl recht

Es gibt in den Staaten tatsächlich unterschiedliche Dialekte. Aber: Es gibt auch offiziell anerkannte Amtssprachen, das mögen in einigen Längern regional auch zwei sein - geschenkt. In Deutschland ist es das Hochdeutsch, mit dem man sich dann verständigt. Klar, man kann sich mit den Engländern auf Englisch unterhalten. - Mit den Spaniern klapppt das nicht so gut. Aber dass man sich verstehen kann, stellt keiner in Frage - man kann ja die Sprache lernen.

Und es ist auch richtig, dass Nationalstaaten künstliche Gebilde sind - es hat für Deutschland auch sehr lange gebraucht, bis es so aussah wie jetzt. Sowas wollen wir jetzt in kürzester Zeit erreichen.

Mit Völkern, deren Unterschiedlichkeit auch von Ihnen unterschätzt wird. Wir glauben immer, alle seien so wie wir. Haben Sie mal längere Zeit in Spanien mit Spaniern oder in Frankreich mit Franzosen zusammengelebt? Da gibt es klar Gemeinsamkeiten, aber auch viele, oft unterschätzte Unterschiede in der Mentalität. Toll ist es, wenn kassandra ein europäisches Gefühl hat - das habe ich ja geschrieben. Das fehlt aber den meisten anderen. Gehen Sie mal nach Spanien - die Leute identifizieren sich kein Stück mit Deutschland. Und Italiener fragen mich immer wieder, was ich von Hitler halte. Wo ist da mein europäisches Zuhause?

Ich nenne auch nicht die ganze Erde mein Zuhause. Obwohl wir alle Menschen sind und Sprachen sprechen. Es kommt auf den Grad der Unterschiedlichkeit an. Je weiter entfernt vom Zentrum, desto schwieriger.

Was soll das denn für eine Frage sein, ...

.
... welche Sprache gesprochen oder gar welcher Steuerhoheit Tribut gezollt wird ...

In Frankreich spreche ich Französisch, in Italien Italienisch, zuhause Bayerisch, in Deutschland Deutsch und überall sonst versuch ich's mit English, da ich keine osteuropäischen Sprachen und kein Spanisch beherrsche.

Steuern habe ich schon in Griechenland bezahlt (wo mit English und Italienisch recht gut Leben und Arbeiten war), in Frankreich, im Vereinigten Königreich und in Slowenien.

Die engstirnigen bayerischen Revanchisten meiner Schulzeit, die uns als ideologische Geschichts- und Sozialkundelehrer weisgemacht haben dass am eisernen Vorhang die Welt zuende sei und das Reich des allerbösesten bösen begänne haben das zusätzliche Erlernen einer oder mehrerer osteuropäischer Sprachen erfolgreich verhindert;
DAS verbinde ich mit dieser dummen Nationalstaatsposse, die immer noch regelmässig an den Stammtischen gegeben wird.

Ich habe gelöscht mit den anderen freiwilligen Feuerwehrlern hier wie da, habe heimische Volkstänze und musikalisches Brauchtum mit anderen getauscht, habe an italienischen Tresen Berlusconi mit Franz Josef Idi Alpin, mit dem Duce, mit Francisco Franco und Adolf dem Gröfaz verglichen, bin mit Französischen, Englischen und Italienischen Gewerkschaftern ebenso unter staatlichen Gasbeschuss geraten, wie ich in Wackersdorf zusammen mit anderen Nationalitäten für meine Meinung verprügelt wurde.

Heimat ist nix Nationales, sondern ganz klar eine Frage der Zugehörigkeit.

Holen ist gestohlen?

Wer hat, und seit wann, wem was weggenommen? Oder nie gegeben? Geht es her um die politische Macht und um wirtschaftliche, die Kapitalmacht – oder um was?
„Dieses Europa ist...nicht zu retten“.
Das wird schon gerettet, koste es was es wolle. Da stehen viele und knallharte Interessen und Kräfte zur Verfügung. Lothar Bisky, EU-Parlamentarier meinte: „Erst wenn die Zocker und Banken Demokratien weder erpressen noch in den Notstand treiben können, werden die richtigen Ansätze zu einer koordinierten Wirtschaftspolitik der EU greifen können.“ Warten auf Godo!
Wie wäre es mit einer „feindliche Übernahme“?
Hierzu eine (ideologische) professionelle Sichtweise:
„Die bürgerlich-repräsentative Demokratie(...)Sobald aber eine solche Gefährdung eintritt oder auch nur droht, wird das parlamentarische System verändert (...)oder aufgehoben und durch ein System autoritärer Machtausübung ersetzt.(…) Demokratie soweit, wie sie die Kapitalverwertung fördert, wenn nicht, wird die Demokratie hinweggefegt“ (Ulrich HUAR in „Niederlagenanalyse“,s.S.10ff.)

Opportunismus ist ja die >Anpassung zum eigenen Vorteil oder Machterhalt: Die EU-Krise ist modellhaft für den Schulunterricht in kritischer Gesellschaftsanalyse und Geschichte, über die EU-Finanzmarkt-Nationen, dem ewig bürgerlich Revolutionären und über die populistische Dominanz.
„WIR“ sind nicht DAS Volk sondern ein eigen-artiges Völkchen - und was für eins!

Zitat "...Gehören Sie denn in Deutschland nicht dazu?..."

.
Das mit dem dazugehören ist so eine Sache.

Zur Bayerischen Hybris mit dem drei-Bier-Mut des Länderfinanzausgleichsinfragestellers gehöre ich nicht dazu, zu den Jodlern und der Feuerwehr aber wohl, auch wenn ich immer mit Ansage daheim bleibe wenn die sich mit der Trachten-SS (vulgo "Gebirgsschützen") treffen, Trompeten tu ich beim schweren Blech zwischen einem halben Afroamerikaner und einem Preissen unter einem Südtiroler Dirigenten, Urlaub mach ich "daheim" wenn der Mob nach Lazise und Bardolino wetzt, zum Arbeiten allerdings fahr' ich nach Frankreich und Italien und und Griechenland und Portugal und UK an's Meer ... und gehöre dort irgendwie auch oder sogar mehr dazu als an dem Ort, den mir mein Meldeamt in den Pass einträgt, wo ich aber durch Bierabstinenz zum argwöhnisch beäugten Aussenseiter werd' ...

Jetzt können Sie sich's aussuchen.

Jedenfalls finde ich das alles einen guten Grund ein gemeinsames Europa der Menschen für erstrebenswerter zu halten als diese Stammtischnazionaleritis.

Na ja irgendwo

werden Sie ja schon dazugehören.

Und wieso ist "Nationalität" = "Stammtisch",
"Regionalität" und "Kontinentalität" aber nicht?

Ich meine es wird immer die einen (Schwabinger, Münchner, Oberbayern, Bayern, Deutsche, Europäer) und die anderen (Pasinger, Garchinger, Franken, Preissn, Franzosen, Amerikaner und Kineser) geben, so wie die Welt aussieht.

Die Frage ist nur, welches "Stockwerk" man gerade betrachtet.

Aber regiert werden wir halt von Merkel & Schäuble in Berlin, auch wenn der Seehofer in München und der Barroso und der van Rompuy in Brüssel noch so strampeln ...

Zitat:

.
"...
Aber regiert werden wir halt von Merkel & Schäuble in Berlin
..."

Sehen Sie, da liegt einer der grossen Fehler:

Regiert werden wir von den Grossmännern, den Ackermännern, den Kladdens, Quandts, Springers, Schwarz', Piëchs etc, und in anderen Ländern Europas ist es genauso, [...]

Bevor sich ALLE Europäer darüber klar geworden sein werden, dass es eben nicht mehr Frankreich gegen Spanien oder Deutschland gegen alle geht, sondern dass es ARM zusammen gegen REICH heissen muss wenn wir dauerhaft und erfolgreich was ändern wollen, solange werden diese Gewinnlergruppen mit "divide et impera" weiterhin Erfolg haben.

Und was das immer wieder beschworene dazugehören angeht: Natürlich gehöre ich zu bestimmten Gruppen, zur Europäischen intellektuellen Linken zum Beispiel, aber da wo ich aufwachsen musste ist man mit so einer Zugehörigkeit naturgemäss eher Alien.

Verzichten Sie bitte auf pauschale Herabwürdigungen. Danke, die Redaktion/fk.

Sozialromantik?

Ich erinnere mich noch daran, daß eine Frau Thatcher nach dem EU-Beitritt von UK eine Harmonisierung der Sozialgesetzgebung kategorisch ausschloß und auch verhinderte.

Für ein vereintes Europa wäre dieses aber eine der dringenden gesellschaftlichen Notwendigkeiten.
Ansonsten wäre schon keine gesellschaftliche Basis vorhanden.

Die einen gehen z.B. mit 60, die anderen mit 70 in Rente?
Diesen Sprengstoff hielte eine Union, gar ein Bundesstaat nie aus.

179 Ignaz.wrobel:

"Jedenfalls finde ich das alles einen guten Grund ein gemeinsames Europa der Menschen für erstrebenswerter zu halten als diese Stammtischnazionaleritis."

So abfällig, wie Sie über Nationen und nationale Identitäten schreiben, besonders die eigene, sind Sie eindeutig ein Deutscher.

Spießertum kann sich eben auch in solch pauschalen Negierung der eigenen nationalen Identität äußern. Nichtdestoweniger gibt es sowohl die Nationen als auch die Identitäten, bei den Deutschen wie auch allen anderen Nationen und Ländern weltweit.

Sie irren.

.
Was meinen Widerwillen erntet sind nicht die regionalen Identitäten per se.

Ich glaube nur, wir brauchen positive Effekte für ALLE Teilnehmer an den jeweiligen Regionalidentitäten, und davon sind wir derzeit wesentlich weiter entfernt als beispielsweise in den siebzigern.

Ob Sie diesen positiven Effekt nun "Fortschritt" nennen (der dann eingetreten ist, wenn ALLE einen Schritt nach vorne gekommen sind, also auch noch der letzte Teilnehmer der jeweiligen Region) oder Integration oder soziale Umverteilung oder Chancengleichheit ist völlig nebensächlich.

Ich bin kraft meiner Kindheit Bayer und nehme mir kraft dieser regionalen Identität das Recht heraus, meine kapitalistischen Eliten vor Ort in Bayern als verabscheungswürdig und abschaffenswert ernsthaft zu kritisieren.

Die Globalisierung des Raubtierkanibal ... äh, Raubtierkapitalismus hingegen macht es inzwischen dringend erforderlich, diese Haltung auch auf andere Regionen auszudehnen.

Woran mich die Stammtischnationalisten in Bayerischen Bierschwemmen regelmässig zu hindern versuchten, (wenn man sie mal nüchtern genug antraf um zu diskutieren) weil sie aus Unkenntnis, Sprachignoranz und Xenophobie "Fremde" grundsätzlich als Übel klassifizieren.

Befreien Sie die Regionalidentität von dieser ihr regelmässig innewohnenden egozentrischen Ignoranz, und Sie haben in mir einen glühenden Befürworter.

Aufklärung ist es was wir brauchen, nicht Nationalismus als Legitimierungsversuch für schmerzhafte örtliche Beschränktheit.