WiderstandskämpferTaliban befürchten Niederlage in Afghanistan

Überraschend hat ein Taliban-Kommandeur zugegeben, keine Hoffnung mehr für einen Sieg in Afghanistan zu haben. Die Bundeswehr hat einige Distrikte an Afghanen übergeben. von afp, dpa und reuters

Talibankämpfer in Afghanistan (Archiv)

Talibankämpfer in Afghanistan (Archiv)  |  © Mohammad Shoiab/Reuters

Ein hochrangiger Kommandeur der radikal-islamischen Taliban hat eingestanden, dass die Aufständischen in Afghanistan keine Aussicht auf einen Sieg hätten. Der als Mullah bezeichnete Kommandeur sagte in einem vom britischen Magazin New Statesman veröffentlichten Interview : "Es bräuchte einer göttlichen Intervention für die Taliban, um diesen Krieg noch zu gewinnen." Die genaue Identität des Kommandeurs wurde in dem vom ehemaligen UN-Gesandten in Afghanistan, Michael Semple, geführten Interview nicht genannt.

"Es liegt in der Natur des Krieges, dass beide Seiten gewinnen wollen. Doch das Kräfteverhältnis ist offensichtlich", sagte der Mullah, der als einer der erfahrensten überlebenden Taliban-Kommandeure und als Vertrauter der Taliban-Führung beschrieben wurde. Aufgeben würden die Aufständischen dennoch nicht, denn die Anführer würden die Aussichtslosigkeit des Kampfes niemals eingestehen, sagte er. Solange der oberste Anführer, Mullah Omar, am Leben sei, "werden die Taliban bereit sein, ihm in seinen Kampf zu folgen".

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"Taliban sind wütend auf Al-Kaida"

Laut dem Interview ist die Mehrheit der Talibankämpfer unglücklich über das Bündnis mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida . "Mindestens 70 Prozent der Taliban sind wütend auf Al-Kaida", sagte der Mullah, der Al-Kaida als "himmlische Plage" bezeichnete. "Um ehrlich zu sein, war ich über den Tod von Osama erleichtert. Mit seiner Politik hat er Afghanistan zerstört", hieß es in dem Interview. "Hätte er wirklich an den Dschihad geglaubt, hätte er nach Saudi-Arabien gehen und dort den Dschihad führen sollen."

Die Taliban waren 1996 in Kabul an die Macht gelangt. Nachdem das mit ihnen verbündete Terrornetzwerk Al-Kaida am 11. September 2001 die USA attackierte, wurden die Taliban jedoch von der US-Armee und der verfeindeten Nordallianz gestürzt. Seitdem führen sie einen blutigen Guerilla-Krieg gegen die afghanische Regierung von Präsident Hamid Karsai und die rund 130.000 Nato-Soldaten, die zur Stabilisierung des Landes in Afghanistan stationiert sind.

Bundeswehr zieht sich aus Kundus zurück

In Kundus übergab die Bundeswehr mehr als acht Jahre nach Beginn des Einsatzes die Verantwortung für die Sicherheit in der Region an die afghanischen Soldaten und Polizisten. Außenminister Guido Westerwelle sagte laut einer Mitteilung des Auswärtigen Amtes : "Wir sind auf Kurs, den Abzug der internationalen und der deutschen Kampftruppen bis Ende 2014 zu verwirklichen." Die Übergabe der Verantwortung in Kundus zeige "die Fortschritte unserer Afghanistan-Strategie".

Betroffen von der Übergabe sind neben Kundus-Stadt fünf der sechs Distrikte der Provinz Kundus. Lediglich die Verantwortung im Distrikt Chanabad sei noch nicht übergeben worden. Wann die Übergabe des letzten Distrikts erfolge, steht noch nicht fest.

Deutsche Soldaten bleiben weiterhin in Afghanistan stationiert

Einem Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr zufolge bleiben die deutschen Soldaten aber vorerst in Kundus stationiert. Die Übergabe der Sicherheitsverantwortung sei ein Prozess, der schrittweise erfolge. Mit der offiziellen Übergabezeremonie sei "ein Zeichen gesetzt" worden, dass die Verantwortung sukzessive auf die Afghanen übergehe.

Die Bundeswehr betreibt in Kundus bereits seit 2003 ein Feldlager. Es war der erste deutsche Stützpunkt außerhalb der Hauptstadt Kabul und lange der gefährlichste Einsatzort der deutschen Soldaten. Seit Beginn des Einsatzes in Kundus Ende 2003 wurden in der Provinz 15 deutsche Soldaten bei Anschlägen und Angriffen getötet – mehr als in jeder anderen Region Afghanistans. Insgesamt kostete der Afghanistan-Einsatz 52 Soldaten der Bundeswehr das Leben, 34 davon starben bei Anschlägen und Angriffen. Zuletzt hatte sich die Lage dort allerdings stabilisiert. Normalerweise sind in Kundus etwa 1.200 deutsche Soldaten stationiert, derzeit sind es wegen des Truppentausches mehr.

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Leserkommentare
  1. "Hätte er wirklich an den Dschihad geglaubt, hätte er nach Saudi-Arabien gehen und dort den Dschihad führen sollen."

    Überall - nur nicht daheim; irgendwann musste die Masche ja mal auffliegen. Der Treueeid an Mullah Omar wirke noch; umso spannender kann es da nur werden, wenn dieser seine Kamerascheu doch einmal ablegen sollte.

    Ein Emirat verloren, für zwei zerstörte Türme; kritische Nachfragen bleiben da nicht aus.

    6 Leserempfehlungen
  2. Das die 52 deutschen Soldaten nicht umsonst gefallen sind? Wer soll das glauben? Ich jedenfalls nicht.

    10 Leserempfehlungen
  3. Wer soll DAS denn bitte ernst nehmen? 2014 ziehen sich die NATO-Kampftruppen zurück. Offenbar hatte der zitierte angebliche Kommandeur keine Ahnung davon, dass die andere Seite längst zu demselben Schluss gekommen ist. Nämlich dass mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und der vorherrschenden Meinung zuhause keine Hoffnung mehr auf einen zeitnahen Sieg besteht.
    Zweite Möglichkeit: Eine typische Wahlkampfente. Damit es nicht wie ein verlorener Krieg aussieht, wird fleissig behauptet, man hätte den Feind in die Knie gezwungen. Osamas Tod wäre ein entscheidender Schlag gewesen.
    Afghanistan steht der Bürgerkrieg der 90er noch einmal bevor und die Taliban werden sicher ein erhebliches Wörtchen mitreden.

    8 Leserempfehlungen
  4. Das die Taliban siegen würden war niemals realistisch anzunehmen. Gegen eine demokratisch freihheitliche Grundordnung und ihre Bürger hatte die Taliban nie einen Hauch einer Chance.

    Das hat Libyen gelernt und Syrien wird es auch lernen.

    [...] Gekürzt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Verdächtigungen und Spekulationen anzustellen. Danke. Die Redaktion/kvk

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    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie Menschen, die der Meinung sind, das Demokratie und Grundrechte etc. die höchsten erstrebenswerten Güter sind, die Radikalsten Ansichten zur Umsetzung dieser vertreten. Ihr Kommentar ist Menschenverachtend, aber das ist Ihnen vermutlich nicht bewusst.
    Aber sei es drum.
    Die Taliban verlieren also in Afghanistan und das kurz vor der Präsiwahl in den USA und der Bundestagswahl nächstes Jahr. Wenn das mal nicht ein willkommener Zufall ist. Man muss letztlich nur ein paar Fragen stellen. Wie ging es der Bevölkerung vor den Interventionen, wie viele Opfer (auch zivile) gibt es und wie viele ist man bereit zu opfern. Die interessanteste von allen Fragen ist jedoch: Wer profitiert? Und wer da die Rüstungsindustrie und Ölindustrie (die untrennbar mit Bush und seiner Regierung verknüpft ist) ausser acht lässt, wer glaubt es ginge um Demokratie und Menschenrechte, wer glaubt, dass die Zustände sich durch Kriege ändern, der hat scheinbar die letzten 11Jahre seine Zeit auf einem anderen Planeten verbracht.
    Es sind diese Kriege, die ein stückweit, so makaber das ist, den westlichen Wohlstand sichern und die Wirtschaft schützen und das ist purer Zynismus gegenüber dem Menchenrechten und Menschenleben.

    Wie recht sie doch haben!

  5. "Siegen wird der, der weiß, wann er kämpfen muß und wann nicht." (Sun Tzu)

    Die Deutschen wussten es in Afghanistan nie.

    6 Leserempfehlungen
  6. Falls sich wirklich 70% der Taliban vom Terrornetzwerk Al-Qaida distanzieren wollen, dann sollten sie sich vom Terror generell distanzieren und ihrem Land helfen auf eine friedliche Art den Willen der Mehrheit im Lande umzuseten.
    Es sei denn, dass nur was gegen Terror spricht, wenn man damit nicht erfolgreich ist.

    2 Leserempfehlungen
    • Shura
    • 11. Juli 2012 20:21 Uhr

    Den toten & verwundeten Menschen und(Bundeswehr-)Soldaten in Afghanistan zolle ich meinen vollen Respekt.
    Denjenigen die die Soldaten dahingeschickt haben - spreche ich meine tiefste Mißachtung aus!
    Wie kann man junge Menschen in ein Land und einen Krieg schicken, in dem sie keine Chance haben auch nur ansatzweise einen "Frieden" zu erreichen.
    Anfangs hieß es noch vollmundig, man baue Schulen und versorge das Land mit Brunnen. Was ist daraus geworden?
    Nichts!
    Afghanistan ein Relikt des "Kalten Krieges" quasi der Dinosaurier, das kleine gallische Dorf (wenn es nicht so tragisch wäre!), welches sich erfolgreich widersetzte gegen die Okkupation durch die Sowjetarmee - der Blutzoll fast einer Generation von Sowjetsoldaten und Afghanen!
    Aber die USA & die NATO haben es scheinbar nicht begriffen.
    "Berufssoldaten" kehren schwerst verwundet oder gar in Leichsäcken zurück. Welche Eitelkeit über ein Volk bestimmen zu wollen, welches seit X Generationen nur Krieg, Mord & Totschlag kennt. Fast ist man versucht zu sagen: selber schuld!
    Nur leider hinterlassen die "Bemühungen" des westlichen Lebensstils zu viele Leichen und zu viele Waisen, die wieder die Spirale des Terrors bedienen werden.
    Da ist es eher anrührend wenn ein Talibanführer vom "nicht gewinnbaren Kampf" erzählt!

    4 Leserempfehlungen
    • NDM
    • 11. Juli 2012 20:40 Uhr

    Der von Obama angeregte Strategiewechsel hat wohl die erfolgreiche Wende gebracht. Aus dem Irak rauszugehen und eine Konzentration auf Afghanistan war absolut richtig, und auch die praktische Umsetzung der Feststellung, dass Talibanistan eben bis nach Pakistan reicht, hat letztlich die entscheidenden Erfolge gebracht. Hut ab.

    Der Jahrelange Einsatz war notwendig und teuer, aber wenigstens nicht umsonst. Und ein wenig wird er wohl noch dauern.

    4 Leserempfehlungen
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    ...ist genau diese Interpretation/Übersetzung/Fake, zum genau jetzigen Zeitpunkt überaus erwünscht im Pentagon und insbesondere in Washington. Ein Abzug möge bitte nicht wie ein Rückzug aussehen, so kurz vor der Wahl.

    Ob das durch und durch korrupte und pseudodemokratische politische System in Afg. eine Verbesserung darstellt, oder eine vorübergehende Erscheinung bleibt, darauf darf man wirklich gespannt sein.

    • kitoi
    • 11. Juli 2012 22:16 Uhr

    Wo haben Sie Ihre Weisheiten her?

    Von den Toten Afghanen? "Mindestens 23 Tote bei Überfall afghanischer Taliban auf Kandahar"

    Quelle: http://de.rian.ru/society...

    Von enthaupteten pakistanischen Soldaten? "Taliban-Video mit 17 enthaupteten pakistanischen Soldaten veröffentlicht"

    Qelle: http://de.rian.ru/politic...

    Von den toten NATO-Soldaten? "Selbstmordattentäter tötet 18 Menschen, darunter Nato-Soldaten"

    Quelle: http://de.rian.ru/politic...

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, Reuters
  • Schlagworte Afghanistan | Taliban | Guido Westerwelle | Hamid Karsai | Anschlag | Auswärtiges Amt
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