"Ich bereue nichts", zischt die alte Dame. "Wir waren im Krieg." Auch im hohen Alter ist ihr das leicht spöttische Lächeln geblieben, was sie schon als junge Frau auf dem Foto nach ihrer Verhaftung trug.

Bis heute scheidet ihre Tat die Geister. Damals, Sonntag, kurz nach 18 Uhr betrat sie die "Milk Bar", wo es angeblich das beste Eis von Algier gab. Das legendäre Café, was noch heute unter gleichem Namen existiert, war bei den französischen Kolonialfamilien sehr beliebt. An einem Tisch saß die fünfjährige Danielle mit ihrer Großmutter. "Gnädige Frau, am 30. September 1956 kamen sie in das Zentrum von Algier, gekleidet wie eine junge Europäerin. In ihrem Strandbeutel hatten Sie eine Bombe versteckt", begann sie knapp sechzig Jahre später ihren offenen "Brief an Zohra D." Nach der Explosion lagen drei Frauen zerfetzt in ihrem Blut. Danielles Oma war sofort tot, dem Kind wurde das linke Bein abgerissen – das erste Bombenattentat der Befreiungsbewegung FLN in Algier, dem bis zum Ende des Befreiungskrieges 1962 viele weitere folgen sollten. "Sie haben mit dem blinden Terror begonnen", schleudert der als Essay publizierte "Brief an Zohra D." ihrer Adressatin entgegen.

Heute ist Zohra Dris die weibliche Ikone des algerischen Befreiungskampfes gegen Frankreich und eine unbeugsame Verteidigerin des jetzigen Staates gegen seine Kritiker. Ihre Besucher empfängt sie auf erlesenen Möbeln im algerischen Senat an der Corniche. Wer ihr gegenüber den heutigen Zustand Algeriens als schlecht oder gar katastrophal bezeichnet, muss mit dem heiligen Zorn der 75-jährigen Senatorin rechnen. "Nach 132 Jahren französischer Besatzung haben wir ein total ruiniertes Land übernommen." 99 Prozent der Bevölkerung konnte weder lesen noch schreiben, fast das ganze Volk sei bettelarm gewesen, die Eliten ermordet. "Wir haben diesen Staat aus dem Nichts geschaffen", ruft sie aus, und rutscht dabei ganz vorne auf die Kante des Sessels in dunkelblauem Brokat.

Angst und Repressionen

Während sie redet und gestikuliert, ziehen wenige hundert Meter weiter vor der Großen Post, dem Wahrzeichen von Algier, Hunderte von Polizisten mit martialischen Mannschaftswagen auf. Die Sicherheitskräfte haben Wind bekommen von einem geplanten Protest arbeitsloser Jugendlicher. Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit bei 20 Prozent, inoffiziell weit höher. Mehr als eine Million junger Leute werden zudem für Minilöhne in staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogrammen aufbewahrt, ohne Aussicht auf eine feste Anstellung zu einem ordentlichen Gehalt. Und so liefert sich der frustrierte Nachwuchs Woche für Woche ein Katz-und-Maus-Spiel mit der allgegenwärtigen Staatsgewalt. Über 9.000 Proteste registrierten die Behörden allein in den letzten anderthalb Jahren, mehr als hundert Leute zündeten sich selbst an. Doch ein Flächenbrand wie in Tunesien, Libyen oder Ägypten ist daraus nie geworden .

Geplant wurde das Sit-in tags zuvor auf dem tristen Al-Alia-Heldenfriedhof am Rande der Hauptstadt, wo alle Präsidenten Algeriens begraben liegen. Hier können Omar und Issad unbelauscht mit ihren drei Mitstreitern aus dem zentralen Streikkomitee reden. Ihre Nachnamen wollen der arbeitslose Ingenieur und Biologe nicht nennen. "Angst, das ist tief in unser Vokabular eingepflanzt", sagen sie.

Zwei nationale Narrative

Die Nacht vor jeder Protestaktion verbringen die fünf gemeinsam in einer konspirativen Wohnung. Am nächsten Morgen mobilisieren sie ihre dauerarbeitslosen Schicksalsgenossen per SMS-Schneeballsystem, wie an diesem Montag für 10 Uhr vor der Großen Post. Stundenlang wogte dort das wütende Gerangel dann hin und her, bis zum Abend waren 200 Demonstranten festgenommen, darunter mehr als 60 junge Frauen.

Algerien ist ein tief verwundetes und ein tief zerrissenes Land – zwischen jung und alt, arm und reich, Stadt und Land, Hauptstadt Algier und dem Rest. Entsprechend unversöhnlich stehen sich die beiden nationalen Narrative gegenüber – der der stolzen alten Revolutionäre wie Zohra Dris und der der jungen Zukunftsfrustrierten wie Omar und Issad. Die Alten blicken stolz zurück auf ihre Aufbauleistung seit der Stunde Null. Die Jungen dagegen fühlen sich um ihre Zukunft betrogen und von den Reichtümern des Landes abgeschnitten.