EU-Krise : Die Naivität der britischen Europa-Gegner

Englands konservative Politiker und Medien wettern gegen Europa und fordern den EU-Austritt. Profitieren würde das Land davon aber nicht.
David Cameron © BERTRAND LANGLOIS/AFP/GettyImages

In London ist diese Woche das Herzstück Europas zu besichtigen. Es ist so alt, dass außer ein paar Fossilien nichts zu sehen ist. Ohne die Computergrafik würde man es gar nicht erkennen. Denn das sogenannte Doggerland der Ureuropäer, das sich von der Westküste Dänemarks bis weit in den Atlantik erstreckte, wurde vor 10.000 Jahren von der Nordsee verschluckt. Nur Großbritannien und Irland blieben übrig. Heute wünscht sich manch britischer Politiker, dass die Geophysik der Urzeit auf die politische Gegenwart übertragen werden könnte.

Europa als Fossil, als Computergrafik. Das klingt besser als das teure Brüsseler Bürokratenkonglomerat, das sich - so die dominierende britische Lesart – in erster Linie selbst dient und den britischen Aufschwung durch schwachsinnige Regeln verhindert.

Die Euro-Krise zwingt Europa zur Nabelschau. Wie viel Integration ist nötig, um die Märkte zu beruhigen und wie viel davon wollen die Europäer eigentlich? In Großbritannien werden diese Fragen von einer immer lauter werdenden Fraktion ganz klar beantwortet. Europäischer Superstaat? Auf gar keinen Fall, sagen sie, und drängen auf einen Volksentscheid, der den Austritt Großbritanniens aus der EU besiegeln soll.

Verrat, schreien viele konservative Hinterbänkler

Wie einflussreich die britischen Anti-Europäer geworden sind, ist nie so deutlich geworden wie in den vergangenen Tagen. Nach dem Brüsseler Durchbruchgipfel in der vergangenen Woche äußerte sich Premierminister David Cameron im Unterhaus zunächst noch zufrieden. Europa, gemeint war Deutschland, habe endlich die richtigen Schritte unternommen, um die Euro-Krise in den Griff zu bekommen, sagte er. "Mehr Integration ist der einzige Weg, um den Zusammenbruch der Währungsunion zu verhindern und solange wir nicht wissen, wie diese politische Integration aussieht, macht es auch keinen Sinn, das britische Volk zu Europa zu befragen."

Verrat, schrien viele seiner konservativen Hinterbänkler sogleich in den Medien und bekamen so viel Zustimmung, dass Cameron am Montag rasch versprach, "ganz konkret die Möglichkeiten für ein Referendum in der nächsten Legislaturperiode auszuleuchten ."

Die Schweiz und Norwegen als Vorbild

Die Euro-Zone wackelt, weil ihre Erbauer das wirtschaftliche Fundament nicht richtig gegossen haben. Für Großbritannien ist das entscheidend, mit anderen Fundamenten, die für das kontinentale Europa zentral sind, haben die Briten traditionell wenig am Hut: "Die Idee, einen erneuten Krieg zwischen Deutschland und Frankreich zu verhindern, spielte für sie immer nur eine untergeordnete Rolle", sagt der Historiker Peter Hennessy. "Viel wichtiger war die Frage, wie Großbritannien sich nach dem endgültigen Niedergang des Empires in den fünfziger und sechziger Jahren wirtschaftlich erholen konnte."

Der Binnenmarkt lockte sie also 1973 zum Beitritt, nicht die große politische Idee. Keine Frage, es hat sich gelohnt. Mehr als die Hälfte aller britischen Exporte gehen in die EU . Daran hängen rund 3,5 Millionen Jobs, mehr als zehn Prozent aller Arbeitsplätze. Zudem stammt mehr als die Hälfte aller Auslandsinvestitionen aus einem der 26 anderen Mitgliedsstaaten.

Dennoch meinen die Skeptiker, in den Worten des ehemaligen Verteidigungsministers Liam Fox, dass "Großbritanniens Interessen in der EU nicht mehr vertreten sind." 120 konservative Unterhausabgeordnete sehen das genauso. Sie schlossen sich im letzten Herbst zu einer Lobbygruppe zusammen, die sich Großbritanniens Zukunft mit Europa so vorstellt: Nach einem Austritt würden sie sich Norwegen und die Schweiz zum Vorbild nehmen und Großbritanniens Außenhandel in bilateralen Handelsverträgen mit den EU-Staaten sichern. "Die britische Handelsbilanz ist negativ", sagt der Abgeordnete Douglas Carswell. "Mit anderen Worten, wir importieren mehr aus Europa, als wir dorthin exportieren. Auf dieser Grundlage ließen sich solche Verhandlungen über die Handelsbeziehungen leicht führen."

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Kommentare

95 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

"Die Euro-Zone wackelt, weil ihre Erbauer das wirtschaftliche...

...Fundament nicht richtig gegossen haben. "

Eine gute Beschreibung. Das war auch bereits sichtbar, wenn man sich die Mühe machte den Maastrichter Vertrag zu lesen, als dieser unterschrieben wurde. Aber was nun?

Es ist meist billiger das haus abzureißen und neu zu bauen, wenn das Fundament so schlecht gemacht wurde wie das Eurolands (und leider auch der EU). Tut man das nicht, so wird man es ewig bedauern.

Allein die Art der hier aufgestellten "Behauptungen"

zeigt, wie Rechr "die Engländer" haben.

"Die Euro-Krise zwingt Europa zur Nabelschau. Wie viel Integration ist nötig, um die Märkte zu beruhigen und wie viel davon wollen die Europäer eigentlich? In Großbritannien werden diese Fragen von einer immer lauter werdenden Fraktion ganz klar beantwortet. Europäischer Superstaat? Auf gar keinen Fall, sagen sie, und drängen auf einen Volksentscheid, der den Austritt Großbritanniens aus der EU besiegeln soll."

Der Existentzweck von "Europa" ist NICHT die Beruhigung der Märkte. Und das Problem der Welterklärer ist, dass "die Europäer", also die in Europa abhängig beschäftigten, das auch fühlen, aber es dank der Leitmedien nicht formulieren können.

Ich möchte auch gern aus diesem "Europa" austreten, und dafür etwas neues setzen, einen Staat, der dem Wohle der Bürger verpflichtet wird und nicht dem der "Märkte".

Die Pointe

ist doch, dass gerade die Briten mit ihrem überdimensionierten Finanzsektor ohne eine Beruhigung der Märkte einpacken können. Daher starren Cameron & Co. auch insgeheim wie das Kaninchen auf die vermeintliche Schlange und wünschen sich, dass Resteuropa und insb. die Eurozonenländer die Märkte beruhigen. Nur: Einstehen wollen sie dafür nicht, sondern sich im wahren Wortsinne billig aus der Affäre ziehen. Insofern ist die Politik der Inselstaatler doppelbödig.

Ergo: Gerade wenn die Beruhigung der Märkte kein Existenzzweck Europas ist, sollte man Distanz zu Großbritannien halten.

First Image

Das Problem ist Cameron, er hatr sich dermaßen in Skandalen und politischer Schwäche verheddert, dass er, ohne die treudoofen "Whigs", längst nicht mehr an der Macht wäre.

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass es im laufe des Jahres im U. K. Neuwahlen geben wird.

Denn die "Whigs" werden sich weitere "Aussetzer" Camerons nicht mehr gefaqllen lassen können.

Auch die "Krone" wird ihm dazu Raten die Commons aufzulösen, sollte er sich einer weiter steigenden innerparteilichen Opposition gegenüber sehen.

EWG würde doch reichen

Auf was es hinausläuft ist, dass Europa als Europäische Wirtschafts Gemeinschaft den Briten reicht und den Autor reicht das anscheinend nicht. Sind deswegen die Briten naiv? Siehe auch Island. Auch dort will man von EU und Euro nichts mehr wissen. So ist es in Norwegen und der Schweiz. Und Finnland, Dänemark, Schweden, die Niederlande, Österreich und Irland werden wahrscheinlich bald so angewiedert von Euro/EU sein, dass sie ihre Abhängigkeiten zu Brüssel wieder auflösen werden.
In die EU wollen nur die Länder, die sich Subventionen erhoffen oder Beschäftigungsmöglichkeiten für ihre Arbeitslosen. Übrigens wäre ein Artikel zur Auswirkung der Personenfreitzügigkeit auf GB mal interessant. Daher kommt nämlich ein großer Teil des Ärgers der Briten auf die EU.

Europa Nord und Süd

Eine sehr kluge Analyse.
Die Schweiz ist das beste Gegenbeispiel, dass es sich ohne EU in Europa trefflich leben lässt. Deshalb sind ja die Eurokraten auch so erbost darüber. Jede Eigenständigkeit, jede nationale Identität ist für sie wie ein Pfahl im Fleisch. Juncker mischte sich aggressiv ein und bezeichnete es als Unding, dass sich mitten in Europa ein weißer Fleck befinde. Bei der Schweiz beißt er allerdings auf Granit. Die Schweiz will nicht zur Kasse gebeten werden und will sich auch nicht bevormunden lassen.
Es ist zudem vollkommen richtig, dass viele Länder nur deshalb in der EU und im Euro-Raum sind, weil sie wirtschaftlich profitieren wollen. Diese Länder denken ausschließlich an die eigene Nation. Ein Land aus Süd-Europa wird zum Euro-Beitritt nie nein sagen, eine Mittel-oder Nordeuropäer ist dagegen höchst skeptisch.