Iman Bughaigis: "Gaddafi hat die Moral der Menschen zerstört"
Libyen erlebt seine erste demokratische Wahl. Der Weg zu stabilen Verhältnissen ist noch weit, doch es gibt Fortschritte, sagt die Politikerin I. Bughaigis im Interview.
© Katharina Eglau

Iman Bughaigis
ZEIT ONLINE: Die Wahl zur Nationalversammlung am Wochenende ist ein wichtiger Schritt für Libyen, doch 40 Jahre Gaddafi-Diktatur haben ihre Spuren hinterlassen. Was ist das schlimmste Erbe aus dieser Zeit?
Iman Bughaigis: Gaddafi hat uns eingetrichtert, mit Lügen zu leben. Die Leute haben keine Maßstäbe, wenn sie Gerüchte hören. Sie glauben einfach alles. Wir haben auch ein riesiges Problem mit der Arbeitsmoral. Die Leute wissen nicht, wie man richtig arbeitet. Sie kommen ins Büro, bleiben ein paar Stunden und gehen wieder. Andere bleiben ganz weg, und niemand sagt etwas. Wer wirklich arbeiten will, muss gegen viele Widerstände ankämpfen. Gaddafi hat die Moral und die Individualität der Menschen zerstört. Das müssen wir ganz neu aufbauen, das ist das Allerwichtigste.
ZEIT ONLINE: Gibt es denn schon Fortschritte, hat sich seit dem Ende Gaddafis etwas zum Positiven verändert?
(50) war nach der Befreiung von Bengasi von März bis Juni 2011 die erste offizielle Sprecherin des Nationalen Übergangsrates, der den Aufstand vom Osten des Landes aus gegen Muammar Gaddafi steuerte. Die Professorin für Zahnheilkunde gehört seitdem zu den bekanntesten Repräsentantinnen des neuen Libyens in Europa, den USA und bei den Vereinten Nationen.
Bughaigis: Ich nenne die Zeit jetzt die Post-Tsunami-Ära. 42 Jahre lang konnte niemand den Mund aufmachen. Nun schreit jeder herum. Die Menschen probieren sich aus, wollen sich Gehör verschaffen. Es gibt keine Grenzen, es herrscht Durcheinander – aber das ist völlig normal. Ein Tsunami spült eben auch den ganzen Müll aus dem Meer ans Land. Das müssen wir akzeptieren, das müssen wir aushalten. Zum Glück sind wir Libyer kein aggressives Volk. Es gibt keine Autobomben und keine Mordkommandos wie im Irak. Aber es wird Zeit brauchen, bis unser öffentliches Leben sein Gleichgewicht gefunden hat. Viele Frauen zum Beispiel sind jetzt politisch aktiv, sie treten bei den Wahlen an, oft unterstützt von ihren Männern. Das sind ganz neue, positive Erfahrungen für unsere Gesellschaft.
ZEIT ONLINE: Wie beurteilen Sie die demokratische Entwicklung in ihrem Land?
Bughaigis: Nach der Revolution war das Land komplett zusammengebrochen. So etwas hatte es in der arabischen Welt zuvor nur in Somalia gegeben. Doch wir sind wieder auf die Beine gekommen. Wir haben Fortschritte in Richtung Demokratie gemacht – trotz vieler Hürden. In manchen Städten gab es inzwischen Kommunalwahlen, die von der internationalen Gemeinschaft als transparent und sauber bewertet wurden. Jetzt gibt es zum ersten Mal nationale Wahlen. Die neue Nationalversammlung wird dann eine Verfassung erarbeiten. Und aus ihr wird die erste demokratisch legitimierte Regierung Libyens hervorgehen.





Warten wir es ab.
... er noch herhalten muss als Begründung für alles, was schief läuft in Libyen. Mir fallen da noch andere mögliche Ursachen ein.
Kann man bei uns auch die Floskel gebrauchen: Merkel ist an allem Schuld?
"der Diktator wars"
Nein, es war nicht Gaddafi allein, auch nicht der übelste Diktator dieser Welt war allein in seiner Diktatur.
Ansonsten erwarte ich von Medien, dass sie, wenn sie Parteien/-vertretern das Wort geben, auch darüber aufklären, für wen die Person denn spricht.
Mittlerweile ist ja bekannt, dass erhebliche Differenzen auch im Libyen zwischen den neuen Machthabergruppen bestehen, da ist die Beschreibung "gehört seitdem zu den bekanntesten Repräsentantinnen des neuen Libyens" doch etwas arg dünn.
...sind wir Libyer kein aggressives Volk."
Und wer hat dann monatelang die Waffen geschwungen? Doch nicht etwa ausländische Söldner?
geringfügiger Abstimmungsbedarf zwischen der Interviewten und dem Auswärtigen Amt zu bestehen:
"Konsularische Hilfe kann derzeit nur in sehr begrenztem Rahmen geleistet werden. Die staatlichen Sicherheitsorgane sind nicht funktionsfähig und können im Einzelfall keinen ausreichenden Schutz garantieren oder Hilfe leisten. Paramilitärische Kräfte sichern Teile der öffentlichen Ordnung, sind jedoch nicht ausgebildet und wenig berechenbar."
http://www.auswaertiges-a...
Entfernt. Bitte verzichten sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/ds
Eigentlich sollte sich Lybien jetzt schnell entwickeln können - wenn die Ressourcen aus der Ölförderung richtig angelegt werden.
Solange es "Ressourcen aus der Ölförderung" gibt, wird Libyen nicht zur Ruhe kommen. Sein Sie sicher.
Solange es "Ressourcen aus der Ölförderung" gibt, wird Libyen nicht zur Ruhe kommen. Sein Sie sicher.
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